Kommentar zum Seminar “051 710 Das Audiovisuelle und der Tastsinn”

Was haben audiovisuelle Medien mit dem Tastsinn zu tun? Gibt es so etwas wie ein “taktiles Filmerleben” und mit welchen Begründungen und Begriffen ließe sich davon sprechen?

Vor dem Hintergrund einer seit etwa den 1990er Jahren zu konstatierenden, umfassenden Hinwendung zum menschlichen Körper in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften fragen auch neuere filmtheoretische Arbeiten zunehmend danach, ob und inwiefern Film eine Ganzkörpererfahrung darstellt, die die Sinnesmodalitäten des Visuellen und des Auditiven überschreitet. Aber wie spricht Film Sinne an, die er auf den ersten Blick nicht ansprechen zu können scheint?

Überlegungen zu quasi-synästhetischen Möglichkeiten der Filmrezeption fokussieren dabei bevorzugt den Tastsinn – so fragt sich etwa Vivian Sobchack, was die Finger über das wissen, was der Blick noch nicht entziffern kann, während Laura Marks untersucht, wie das interkulturelle Kino über eine Adressierung des Tastsinns einen verlorenen Kontakt zur Heimatkultur aufzubauen versucht. Aber auch in der praktischen Mediennutzung scheint die Verbindung zwischen dem Audiovisuellen und dem Tastsinn derzeit besonders virulent zu werden: Auf YouTube proliferieren seit etwa drei Jahren sogenannte “ASMR-Videos”, in denen Privatpersonen bestimmte visuelle und akustische Stimuli vorführen, die bei ihren Zuschauern für ein wohliges Kribbeln auf der Haut sorgen sollen.

Ausgehend von dieser offensichtlichen Konjunktur des Tastsinns in “Theorie und Praxis” werden wir ihn nicht nur als physiologisches Medium betrachten, das zwischen Subjekt und Welt (und damit auch zwischen Mensch und Medientechnik) vermittelt, sondern speziell als Gegenstand filmtheoretischen Interesses perspektivieren. Ziel ist es, das Taktile als Analyseinstrument auf seine Produktivität bezüglich neuer Beschreibungsmöglichkeiten von Bildern – und nicht zuletzt auch von Tönen – hin auszuloten.

Alle Texte werden über Blackboard zur Verfügung gestellt. Teilnahmescheine können durch regelmäßige und aktive Teilnahme, das Anfertigen von Lektürekarten und die Übernahme kleinerer Recherche-Aufgaben, Leistungsnachweise durch das zusätzliche Schreiben einer Hausarbeit im Umfang von 10-15 Seiten erworben werden.