Dennis Niewerth: Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen

Abstract

‘Virtuelle Museen’ sind ein wissenschaftlich bisher zu Unrecht weitgehend vernachlässigtes Phänomen, das eine Institution neu verhandelt, die klassischerweise gerade durch ihre Abgeschlossenheit und klare räumliche Begrenztheit definiert ist. Dies geschieht paradoxerweise auf der Ebene einer Medientechnologie, die vom Versprechen des jederzeit möglichen, universellen Zugriffs und der totalen Offenheit lebt. Virtuelle Musealität verweist damit auf neue Modalitäten im Machtgefüge einer Wissensgesellschaft, in der kulturelle Teilhabe mehr und mehr zu einer Frage der Verfügbarkeit und Bedienbarkeit von Zugriffstechnologien wird. Diesen Modalitäten forschend gerecht zu werden erfordert neue interdisziplinäre Allianzen zwischen der Museumswissenschaft und den Medien- und Kommunikationswissenschaften.

Die virtuelle Museumslandschaft ist dabei so vielfältig und unübersichtlich, wie es ihre Trägertechnologie erahnen lässt: Etablierte Institute wie das J. Paul Getty Museum in Los Angeles oder das Deutsche Museum in München ermöglichen mittlerweile über ihre Homepages den Zugriff auf weite Teile ihrer Sammlungen in Form von Abbildungen und erklärenden Texten. Zugleich erforschen jüngere Projekte wie das Adobe Museum of Digital Media oder das Virtual Museum of Canada ganz bewusst die Möglichkeiten und Potentiale des Internets als Plattform für museale Praktiken, ohne überhaupt noch an ‘reale’, physische Museen angeschlossen zu sein. Abseits aller professionellen Hochglanzangebote eignen sich indessen hochmotivierte Laien die neuen Kanäle der Musealität an und thematisieren ihre eigenen Steckenpferde, deren Fülle und Vielfalt schier überwältigend ist. Von Heimcomputern über Sicherheitsrasierer, Wasserpistolen, UFO-Fotografien, israelische Briefmarken, internationale Müsliverpackungen und Sprühdosen bis hin zu pornografischen Science-Fiction-Heftromanen ‒ im Netz scheint sich schlechthin alles musealisieren zu lassen.

Die Museumsforschung hat diese Entwicklung überwiegend mit Zögern und Skepsis begleitet. Nach einer kurzen und inhaltlich einseitigen Veröffentlichungswelle in den 1990er Jahren (deren zwei Hauptanliegen es waren, das Netz entweder als Plattform für museale Angebote zu diskreditieren oder aber es strategisch für bestehende Museen nutzbar zu machen) hat ihre Auseinandersetzung mit dem Problemfeld des virtuellen Museums sich zunehmend in Einzeldarstellungen von konkreten Projekten verlaufen. Zwar wird der Zusammenhang von Museum und digitalen Medien zwischenzeitlich immer wieder thematisiert, aber der tatsächliche Medienwechsel, der mit dem Versuch einer Transformation des Museums in ein virtuelles Angebot ja unweigerlich einhergeht, hat niemals eine schlüssige Systematisierung erfahren. Grundlegende theoretische Arbeiten über virtuelle Museen sind kaum vorhanden.

Steht am Ende der Virtualisierung des Museums die Beliebigkeit der Dinge auf einer Müllhalde der Reproduktionen? Oder ist hier womöglich ein virtuelles Über-Museum in der Entstehung begriffen, das sich jeder absichtsgeleiteten Kontrolle entzieht und neue Modalitäten des Erinnerns, Erlebens und Vergessens produziert ‒ und mit ihnen auch neue Bedeutungen? Tritt an die Stelle der Aura des Originalkunstwerkes die Aura einer medialen Anordnung, die völligen und sinnhaft abschließenden Zugriff auf die Gesamtheit des menschlichen Kulturerbes verspricht? Und ist vielleicht ferner mit dem virtuellen Museum ein Modell angedeutet, anhand dessen sich der modus operandi des kulturellen Gedächtnisses im Zeitalter virtueller Medien auf ganz neue Arten beschreiben und begreifen lässt? Wenn auf die Virtualisierung des Musealen eine Musealisierung des Virtuellen folgt, in deren Zuge die funktionalen Eigenarten von Zugriffs- und Abruftechnologien zu Determinanten unseres kulturellen Bewusstseins und unserer Geschichtskultur werden, dann werden zugleich die Verfügbarkeit und das Funktionieren bzw. die Uneinsichtigkeit und eventuelle Dysfunktionalität dieser Mechanismen entscheidende Fragen für die Teilhabe in unserer Wissensgesellschaft. Die Studie möchte daher in letzter Konsequenz auch ein Beitrag zu breiter angelegten Problemstellungen bezüglich der Souveränitäten des wissenden Menschen (oder ihres Fehlens) unter den medialen Voraussetzungen des 21. Jahrhunderts sein. Das Museum, das ja seit seiner Entstehung als Institution im Zeichen der Bildung von bürgerlichen Öffentlichkeiten stand, wird zum exemplarischen Modell einer bemerkenswerten Umwälzung in den Grundlagen eben dieser.

 

 

Vita

Dennis Niewerth hat Medienwissenschaft und Geschichte studiert und im August 2009 zunächst seine Bachelorarbeit zum Thema Historische Gedankenexperimente und ihre Medien, im September 2011 dann seine Masterarbeit über Das virtuelle Museum an der Ruhr-Universität Bochum vorgelegt. Seit 2011 ist er Promotionsstudent der Medienwissenschaft, der Arbeitstitel seiner Dissertation lautet Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen. Von Oktober 2009 bis September 2011 war er Grund-, von Juli 2012 bis Juli 2015 Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Zu seinen Forschungsinteressen zählen neben der Museumswissenschaft die Theorie, Technik und Ästhetik digitaler Medien sowie die Wissenschaftsgeschichte und die Geschichtstheorie.

 

 

Kontakt

mail: Dennis.Niewerth@rub.de