Working Remote: Interview mit Sebastian Deutsch


Video Transkript

Ja Hallo, ich bin Sebastian Deutsch, ich bin einer der Gründer von 9elements, wir sind eine Software Agentur aus dem Herzen des Ruhrgebiets und programmieren sehr viele digitale Produkte für Kunden, als auch für uns selbst, also wir haben nicht nur Kundengeschäft, sondern wir haben auch eigene Produkte, die zum Cashflow von 9elements beisteuern. Ja, was für Software programmieren wir vorwiegen im Internet, das heißt irgendwie von Webapplikation, Software as a Service Produkten bis hin zu Apps für iOS, Android oder Chatbots, auch ganz heißes Thema gerade.

 

Wie findet die Kommunikation mit den Kunden primär statt?
Die meiste Kontaktanbahnung passiert eigentlich über E-Mail oder Telefon, das heißt, also E-Mail ist glaube ich so 80%, Telefon ist ein bisschen weniger und die Leute kommen dann meistens mit einer sehr vagen Idee zu uns was die eigentlich genau machen wollen, wir verdichten das meistens in Workshops, die wir mit dem Kunden dann zusammen irgendwie durchführen, wenn wir dann ein Konzept haben, also wenn es, aus diesem Workshop entspringt dann meistens ein Konzept wo dann irgendwie völlig klar ist was programmiert werden soll, wie auch so die edgecases sind in dem Projekt, auf was man alles achten muss, dann ist der weiter Projektverlauf eigentlich, dass man sich dann eher weniger trifft, wobei wir es auch immer begrüßen, wenn Kunden da auch ganz viel mitsprechen und man dann ongoing in sogenannten Sprints, das sind zwei-Wochen Etappen immer dafür sorgt, dass man von dem Produkt wieder etwas fertig stellt, was man dann auch zeigen kann, was man irgendwie, nicht unbedingt veröffentlicht also wirklich nach außen gibt, aber das man immer so den Fortschritt auch betrachten kann.

 

Bringen Kunden häufig eigene Mitarbeiter mit in Projekte ein?
Also ich glaube, dass für den Erfolg eines Projektes ist es immens wichtig, dass der Kunde eigentlich sehr stark in den Prozess integriert ist, das muss er nicht physisch sein, also es reicht irgendwie, wenn man über Toolings den Kunden einfach auf dem Laufenden hält oder er irgendwas hat was er sich angucken kann, so dass er Feedback geben kann, aber ich glaube eigentlich nicht daran, dass Produkte richtig gut werden wo der Kunde sagt: “Ich hätte gerne ein Haus gebaut” und dann kommt er nach zwei Jahren wieder, kriegt ein Haus und sagt: “Oh, das hatte ich mir so aber nicht vorgestellt!”, das ist nämlich das was passiert, wenn der Kunde nicht eingebunden wird und wir begrüßen das sehr, wenn Kunden, also eigentlich muss es, das ist ja auch wieder aus dieser SCRUM Methodologie wo die Sprints auch herkommen, da gibt es oft einen Product Owner, das ist der Kunde, das ist derjenige der sagt, was eigentlich in diesem, was er von diesem Sprint an einem Sprintende als quasi anfassbares Ergebnis auch erwartet und derjenige sollte schon ein bisschen Zeit mitbringen und sich die Hände ordentlich schmutzig machen, wie gesagt, nicht physisch aber halt irgendwie sich die Zeit frei räumen um sich da gut abzusprechen, wenn man das nicht macht, dann hat man es eher, dann wird es oft nicht…qualitativ nicht so gut. Bei weiteren Ressourcen begrüßen wir das immer, also wir finden das auch cool wenn der Kunde sagt: “Wir haben hier eine IT-Ressource, die hat vielleicht jetzt nicht ganz so viel Ahnung von irgendwie Frontend-Entwicklung wie ihr, aber ist im Backend ganz oder kennt vielleicht schon ganz viele unserer Prozesse, weil die halt vielleicht ne Vorversion der Software die zu entwickeln wird schon mal gemacht”, dann ist das schon eigentlich ein Bonus so jemanden an Bord zu haben, gerade weil, das ist ja so ein bisschen so eine Fußballsache, irgendwie, “Nach dem Spiel ist vor dem Spiel”, das ist bei Software genau so, das heißt wenn das Produkt dann erst mal live ist, dann geht es meistens auch weiter, dass man irgendwie misst wie wird das Produkt eigentlich genutzt, kann man etwas verbessern und dann wäre es irgendwie schade wenn der Kunde dann immer in diesem Angebotszyklus einer Agentur verhaftet ist anstatt, dass er mit einer eigenen IT-Ressource einfach schneller weiter arbeiten kann, Kleinigkeiten erledigen kann.

 

Welche kollaborativen Tools werden bei 9elements genutzt?
Also wir haben glaube ich, so alles an Tools ausgenutzt, also früher war das alles E-Mail und dann gabs glaube ich, also Basecamp war das erste externe Tool, was wir eingesetzt haben, so 2007, also vor 10 Jahren und danach sind natürlich viele auf den Markt gekommen, die unterschiedliche Nutzungen haben. Also, was ich zum Beispiel an Basecamp sehr cool finde, das ist ein Tool was man mit dem Kunden nutzen kann um über das Produkt zu reden, Basecamp arbeitet sich nicht hundertprozentig, wenn Entwickler steuern möchte, die auch unter Umständen remote verortet sind, dafür würde man dann eher so ein Tool benutzen, wie Pivotal Tracker oder Jira, das sind einfach Tools, die für Software-Entwickler gemacht worden sind, das heißt man hat so etwas wie ein Releasemanagement ob man jetzt ne Version 1.0, 1.1 oder 1.2, man kann das Releasemanagement noch quasi aufpermutieren um das Environment, wenn man jetzt zum Beispiel eine App entwickelt und die gibts für iOS und für Android, dann hat man nämlich nicht nur Version 1.1 und 1.2 sondern man hat das nochmal mal zwei für iOS und Android und das sind einfach Strukturen, die bei einfachen Tools wie Basecamp, vielleicht sogar Wunderlist oder so, dazu führen würden dass einem das irgendwann um die Ohren fliegt allein von der Komplexität und dann braucht man schon ein professionelles Projektsteuerungstool. Ganz neu dazu gekommen ist glaube ich Trello, vor weiß ich nicht genau, zwei Jahren und man probiert mal hier und da was neues aus, ich meine die wachsen irgendwie alle nach, ich glaube jede neue, hippe Agentur, die was auf sich hält programmiert erst mal ein Projektmanagementsystem, released das dann auf Product Hunt und will dann irgendwas besser machen, ob das dann auch langfristig sich bewahrheitet, das zeigt dann immer so ein bisschen der Projekterfolg.

 

Gibt es Kunden, die Wert auf die persönliche Anwesenheit eines Entwicklers legen?
Das gibt es auch, also wir haben jetzt auch Kundenanfragen wo Leute sagen: “Ja, wir würden gerne mit euch arbeiten, wir finden euch auch super cool, aber ihr müsst das bei uns in der Firma tun”, das heißt nicht irgendwie bei 9elements in unseren Geschäftsräumen, sondern “ihr müsst die Leute rüber geben”, das nennt man dann einen Body Lease, das ist etwas, was wir nicht gerne machen. Was ist die Motivation dahinter? Oft ist es mangelndes Vertrauen, dass die Leute sagen: “Ja, ich will wissen was der da genau den ganzen Tag gemacht hat.”, es ist seltener eigentlich, wirklich dieses, dass jemand sagt: “Ja, wenn die Leute vor Ort sind, dann sind die Wege kürzer, dann kann man viel schneller agieren” und so weiter und so fort, sondern es geht meistens eher eigentlich wirklich um ein Abrechnungsvertrauen “Hat der auch wirklich acht Stunden gearbeitet oder hat der zwischendurch ne Stunde Kaffee getrunken?”, oder so, das sind eigentlich eher so die Beweggründe warum ein Kunde sowas sagt, irgendwie, dass es eine gewissen vor Ort Einschränkung geben muss. Es ist meistens die Kontrolle, wir haben es bisher nicht gehabt, dass die Leute, dass es denen nicht so lieb war oder so. Es ist mehr eigentlich, dass wir manchmal bei Kunden sagen: “Hey, wenn ihr das Projekt mit uns macht, dann würde ich gerne, dass ein Product Owner mindestens einmal die Woche hier ins 9elements Büro kommt”, damit man sich vernünftig syncen kann, damit man ein bisschen präsentieren kann wo man steht und die Leute sagen so: “Einen Tag in der Woche? Müssen wir von Frankfurt einmal in der Woche nach Bochum fahren?”, so “ist teuer, weit, müssen wir für Übernachtung sorgen”, keine Ahnung. Ich würde aber auch Projekte so ein bisschen aufteilen, einmal in Projekte, wo der Scope, also der Umfang des Projektes sehr klar ist und auch die Aufgaben sehr klar sind, das sind zum Beispiel Sachen, wo für mich, mir das völlig egal ist wo so ein Entwickler dann tatsächlich, letztendlich sitzt, es gibt aber auch Aufgaben, wie zum Beispiel, also, wir arbeiten viel für Startups, wo einfach, wenn einfach noch nicht klar ist was wirklich genau gemacht wird, dann ist es einfach toll, wenn man wirklich, wenn die Wege kurz sind. Ich selber arbeite gerade in einem Projekt, mit einem höchst physikalisch verorteten Team, wo, einer sitzt in Brasilien, zwei sitzen in Spanien, einer in Polen und ich bin in Deutschland. So, und alleine was man an Reibungsverlusten hat dadurch, dass man, dass es verschiedene Zeitzonen gibt, klar mit Brasilien ist das relativ extrem, da bleibt natürlich schon ein bisschen was auf der Strecke, kann man nicht anders sagen. Aber, die Leute sind auch top-notch, ich weiß einfach, für diesen Job würde es da jetzt gar nicht bessere geben, als die Jungs, ne, und sobald man die Aufgaben dann an so einen Punkt gebracht hat wo völlig klar ist, was man machen muss, minimiert sich das dann auch wieder und dann kriegt man dann halt richtig Fahrt auf der Autobahn.

 

Was sind die Vor- und Nachteile von Remote-Arbeit?
Ich glaube, es ist ein unglaubliches Privileg was wir haben, dass wir da arbeiten können wo unser Laptop aufgeklappt steht. Das können nicht viele. Ich glaube viele Leute haben einfach Maschinen, Fabriken wo nur bestimmte Bedingungen sind, dass sie da arbeiten können, wenn du einen Chip entwickelst, dann musst du das in einem Reinraum tun, und so weiter und so fort. Dass wir wirklich, das machen können, dass wir dieses digitale Nomadenleben führen können und ich irgendwie heute nach Barcelona fliegen kann, mich da in ein Café setze und mit Internetanschluss einfach von da arbeite, ist ein unglaubliches Privileg. Es gibt Leute, die können damit umgehen, die fühlen sich auch vielleicht irgendwie dadurch, dass sie mal an anderen Stellen sind oder irgendwie ein bisschen rumreisen auch inspiriert und motiviert und geben dann Vollgas und finden das total super, es gibt Leute, die sagen wir mal, weiß ich nicht genau, also es gibt Leute die damit vielleicht nicht so gut umgehen können, die dann auch sagen, wenn sie Home Office machen oder sagen: “Ja, ich arbeite jetzt mal zwei Monate von remote”, sind irgendwie an irgendeiner Location, wo man vielleicht viel Distraction hat, wo man abends halt viel Party machen kann und man merkt dann schon, oh, der Output stimmt vielleicht nicht ganz, dann muss man mit den Leuten halt sprechen, deswegen kann man das glaube ich nicht pauschalisieren ob das das effizienter oder ineffizienter macht, sondern man muss halt irgendwie gucken, man muss einfach individuell draufgucken ob das eine Arbeitsmethodik ist die für jemanden passt oder nicht, die auch für das Projekt passt oder nicht. Wenn ich jetzt zum Beispiel einen Online-Shop bereits programmiert habe und ich muss nur noch Wartungsaufgaben machen, die daraus bestehen irgendwie regelmäßig Backups zu machen, das kann ich auch remote machen, dann muss ich nicht da sein. Wenn es darum geht die Startseite dieses Online-Shops neu zu machen, weil ich mir als Ziel gesetzt habe, dass ich im nächsten Jahr 10% mehr Umsatz machen will, könnte ich mir eher vorstellen, dass das so ein kreatives Ziel ist, da braucht man die physische Nähe, dass die Designer und die Entwickler zusammenarbeiten und irgendwas cooles bauen, dass man da das vielleicht auflösen würde.

 

Kann bei Remote-Arbeit ein Teamgefühl entstehen?
Ich hab dazu auch ne kleine interessante Anekdote und zwar arbeite ich in diesem besagten Team mit einer Person innerhalb von so einem Company-Chat zusammen und wir diskutieren sehr leidenschaftlich über das eine und das andere, ich arbeite auch an einem Open-Source Projekt und da war plötzlich jemand den ich aber jetzt gar nicht so erkannt hab, vom Namen her, dass es der Zugehörige ist, weil oft arbeitet man da ja mit Pseudonymen und wir haben diskutiert und irgendwann haben wir festgestellt, dass wir beide über das gleiche Problem reden, was wir auch quasi auf der Arbeit haben, im Projekt haben und dann war es so: “Hey, we’re working together in the project!” und es war so total witzig den jemanden, denjenigen quasi in der Arbeitswelt im Team zu treffen aber auch dann im Open-Source Projekt im Team zu treffen und so festzustellen, dass man eigentlich schon viel länger miteinander arbeitet weil, die Welt ist eigentlich klein, ja, es sind immer wieder die gleichen Akteure, die man so wieder trifft und die irgendwie coole Sachen machen und da entsteht auf jeden Fall auch ein Wir-Gefühl, genauso wie wenn man A-Team mäßig zusammen in einem Raum hockt und irgendwas fertig macht.

 

Wird Remote-Arbeit zunehmend wichtiger und von mehr Menschen genutzt werden?
Also ich glaube, dass wir noch nicht an dem Peak angekommen sind, einfach weil ich mir gut vorstellen kann, dass so, wenn man sich jetzt so alle Telepräsenz Tools anguckt, die sind alle noch nicht so richtig geil, ja, also irgendwie wenn ich ne Webcam laufen lasse und dann das Bild auf einen Fernseher projiziere, das ruckelt, dann ist die Audioqualität schlecht, das ist alles noch nicht so richtig cool, wenn ich mir einfach da vorstelle wenn ich das mal vergleiche von der Entwicklung, wie Webcams sich generell entwickelt haben, weil, wenn man sich so eine GoPro anguckt, die liefert ja schon eigentlich ein ziemlich geiles Bild, mit einer ziemlich hohen Rate und wenn man sich einfach diesen technischen Fortschritt weiter anguckt, dann wenn ich einfach irgendwo ein Bild hin projizieren kann und dann sitzt der quasi in so einem Office neben mir, auch wenn er nicht da ist, aber man kann auch einfach sprechen, man muss es nicht einrichten, man drückt nur auf einen Knopf und es ist einfach da, dann wirds auch noch, einfach geiler, ja, und dann ist es auch einfach noch cooler und dann wirds auch glaube ich von noch viel mehr Leuten genutzt. Ich glaube halt auch nur, dass, also ich glaube, das was ich vorhin schon einmal gesagt habe, nicht alle Jobs eignen sich dafür, also einen Pizzaauslieferdienst wirst du nicht remote hinkriegen, aber alles was irgendwie Bürojobs ist, was am PC erledigt werden kann, das sind Jobs, die auch durchaus remote gemacht werden können.

 

Gibt es eine Form virtueller Interaktion mit der du dich unwohl fühlen würdest?
Also für mich gibt es da eigentlich keine Form der, wo es mir irgendwie Unbehagen bereitet. Ich hab das schon oft erlebt, dass Leute die irgendwie längere Zeit irgendwie vielleicht mit einem Team irgendwo in Brasilien gearbeitet haben, dann irgendwie nachts, ohne Hose, nur quasi obenrum in voller Anzugmontur und dann untenrum einfach nichts mehr, weil die gerade aus dem Bett gestapft sind, die dann nach drei Monaten sagen: “Boah, ist mega anstrengend gewesen remote zu arbeiten, kann ich mal wieder irgendwas machen, was irgendwie onsite ist?” das gibts auch, klar. Aber, an sich is jetzt für mich keine technische Hürde zu sagen es bereitet mir Unbehagen. Ich glaube auch, dass man dieses Gefühl, dass man remote, dass man, ich glaube nicht, dass Teamzugehörigkeit sich irgendwie dadurch einschränkt, dass man physikalisch an anderen Orten und getrennt ist.

 

 

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