Unheimliche Medien in der Erwachsenenbildung?

Dr. Marie Huchthausen (Foto: Business Academy Ruhr)

Online-Medien werden vermehrt auch in der Erwachsenenbildung eingesetzt. Blended- und eLearning sind hier Schlagworte. Doch was bedeutet dieses „neue“ Lernen für die Lernenden und auch für die Lehrenden? Unser Teammitglied Anna Carla Kugelmeier sprach mit Dr. Marie Huchthausen, Geschäftsführerin und Pädagogische Leiterin der Business Academy Ruhr GmbH.

Sie beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit dem Thema eLearning. Als Medienpädagogin und Didaktikerin entwickelt sie Lernsysteme und setzt diese erfolgreich in Weiterbildungen im Auftrag verschiedener Industrie- und Handelskammern um. Zuvor hat Frau Dr. Huchthausen mehr als sieben Jahre lang als Professorin Forschungsprojekte und internationale Kooperationen umgesetzt.

Frau Dr. Huchthausen, wie setzen Sie Medien im Rahmen der Erwachsenenbildung bei der Business Academy Ruhr ein?

Die Kurse zum Social Media Manager, Online Marketing Manager, eCommerce Manager oder Online Redakteur mit IHK-Zertifikat nutzen allesamt Moodle als Lernplattform. Wir bieten alle unsere Weiterbildungen in verschiedenen Formaten an: Im intensiven Zwei-Wochen-Kompaktkurs und auch im berufsbegleitenden Teilzeitkurs dient Moodle als Plattform für vertiefende Übungen des im Präsenzunterricht Gelernten. Wir Pädagogen sprechen hier von Blended-Learning. Anders sieht es in unseren Online-Kursen aus. Hier sind ausschließlich der erste und der letzte Kurstag Präsenztage – alles andere spielt sich auf unserer Lernplattform ab. Hier erarbeiten sich die Teilnehmenden in jeder Woche mithilfe von sogenannten etivities in der Gruppe unter Begleitung eines eTutors als Klassenlehrer ein neues Thema selbst. Hier gibt es unterschiedliche Formate: Wikis, die die Teilnehmenden gemeinsam erarbeiten; Fragestellungen auf die jeder individuell eine Antwort finden soll, die dann in der Gruppe sowie mit dem Klassenlehrer anschließend im Forum diskutiert wird. Außerdem findet einmal wöchentlich eine abendliche Videokonferenz statt, unser Expertenchat: Hier können die Teilnehmenden einen Fachexperten im direkten Gespräch Fragen stellen, die sich über die Woche ergeben haben und für die sie bisher noch keine Antwort gefunden haben. Außerdem kann hier auch der Experte noch weitere Vertiefung zu Themen aus der Lernwoche geben, die ihm besonders wichtig sind.

Ist „virtuelles Lernen“ anders als „analoges Lernen“?

Ja, durchaus. Zuerst einmal möchte ich aber etwas Klarheit in die Begrifflichkeiten bringen: In der Pädagogik unterscheiden wir zwischen „virtuellem Lernen“ einerseits und „Online-Lernen“ andererseits. Ersteres ist Lernen in Simulationen und / oder mithilfe von Avataren wie es z. B. in Computerspielumgebungen oder Virtual Reality möglich ist. Die Begriffe Online-Lernen bzw. eLearning werden synonym verwendet und bezeichnen das Lernen auf Lernplattformen. Um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Der Unterschied zwischen Online-Lernen und klassischen Lernumgebungen begründet sich durch einen spezifischen Zugang je nach Lernmedium, also Lernplattform versus Seminarraum. Das besondere im Online-Lernen ist die größere Transparenz für die Lehrenden über den Lernprozess des einzelnen Teilnehmenden: Hier kann sich keiner hinter den Wortstarken „verstecken“ und den Kurs durchschlafen. Dadurch dass der Lernprozess auch für die anderen Kursteilnehmenden sichtbar ist und sie in Austausch miteinander treten, kommt es meines Erachtens zu einem Lerngewinn für jeden Einzelnen im Kurs.

Wie reagieren Ihre Seminarteilnehmer auf das Online-Lernen bzw. auf die Lernplattform Moodle? Haben sie Berührungsängste?

Hier muss ich zwischen Studierenden oder frischen Hochschulabsolventen unterscheiden und allen anderen Nutzern unserer Weiterbildungen: Für die allermeisten Studierenden ist Moodle als Lernplattform bekannt. Unbekannt sind jedoch viele Möglichkeiten der Interaktion auf dieser Lernplattform. Zumeist wird Moodle – oder andere, ähnliche Systeme wie z. B. Blackboard – als reiner digitaler Semesterapparat an den Hochschulen genutzt. Für alle anderen ist das Lernen auf Lernplattformen zumeist unbekannt. Für sie ist insbesondere die Abgrenzung zu Webinaren wichtig: Webinare sind vom Konzept her Video-Vorträge – Online-Lernen hingegen fordert die Teilnehmenden zur Partizipation auf. Weil also bei allen Teilnehmenden davon ausgegangen werden muss, dass sie Moodle erst (neu) kennenlernen müssen, ist das erste Lernmodul aller unserer Kurse eins, indem wir gezielt in die technischen und lernerischen Besonderheiten des Online-Lernens einführen.

Bringt Ihnen die heutige Verwendung von Technik in der Lehre eine Arbeitserleichterung z. B. durch Zeitersparnis oder ist sie häufig viel zu kompliziert?

Nein, eLearning ist für Lehrende keine Arbeitserleichterung. Online-Lernen ist aufgabenorientiert. Soll also ein klassisches Konzept in das eLearning übersetzt werden, erfordert es ein komplettes Umdenken der Inhalte. Insbesondere für erfahrene Präsenz-Lehrende ist dies ein deutlicher Mehraufwand im Vergleich zu ihrer Vorbereitung auf ein klassisches Seminar. Nehme ich jedoch die Sicht der Teilnehmenden ein, würde ich eher von einer Erleichterung sprechen: Neben den vorhin bereits angeführten höheren Lerneffekten, weil man mitarbeiten muss, ist der Faktor der Orts- und Zeitungebundenheit nicht zu vernachlässigen: Insbesondere in den reinen Online-Kursen können die Teilnehmenden weitestgehend frei entscheiden wo sie ihre Aufgaben erarbeiten – also ob im Büro oder im Urlaub am Strand – , solange eine Internetverbindung besteht. Innerhalb unserer Lernwoche können sie auch weitestgehend frei entscheiden, wann sie ihre Aufgaben erledigen: Alle auf einmal oder portionsweise? Morgens vor der Arbeit, in der Mittagspause oder nachts um drei? – Deutlich sieht man jedoch: Zum Online-Lernen gehört eine gehörige Portion Selbstmanagement.

Sie haben eben die Expertenchats in einer Videokonferenz angesprochen: Ist das genauso effektiv oder gar effektiver als ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht im Seminarraum?

Unsere Expertenchats sind keine ad-hoc-Gespräche. Anders als im Seminarraum stellt hier der Lehrende nicht eine Frage, auf die die Teilnehmenden spontan reagieren sollen. Vielmehr bereiten die Teilnehmenden ihre Fragen auf Moodle vor und der Lehrende erhält die Fragen auch vorher, um sich vorzubereiten. Natürlich können die Teilnehmenden im Expertenchat immer auch Nachfragen stellen. Es ist durch die Vorbereitung ein strukturiertes Gespräch, also gänzlich anders als ein ad-hoc-Gespräch im Seminarraum. Dabei ist es anders effektiv als ein Präsenzgespräch, aber es ist ebenso effektiv für den Lernerfolg der Teilnehmenden.

 

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