Working Remote: Interview mit Jan Bussieck


Video Transkript

Ich bin der Jan aus Essen, ich bin selbstständiger Entwickler und ich arbeite momentan an einem Projekt, remote, mit vier Leuten die aktiv involviert sind und ich bin der Lead-Entwickler für das Projekt.

 

Wie findet die Kommunikation zwischen dir und deinen Kollegen statt?
Per Slack mit Entwicklern und mit Stakeholdern auf der Business- und Managementseite vornehmend per e-Mail oder per Google Hangouts, Skype oder irgendein anderes Voice-Over-IP System was nicht total gequirlte Scheiße ist, was momentan alle einschließt, deswegen versuchen wir uns soweit es geht Meetings zu reduzieren und an out of band schriftliche Kommunikation zu halten.

 

Wieviele Meetings haltet ihr ab?
Eins pro Woche mit den Entwicklern und alle zwei Wochen ein Sprintmeeting beziehungsweise son Sprintreview mit allen.

 

Hast du deine Kollegen schon persönlich kennengelernt?
Ja, die also, die Hauptbeteiligten habe ich alle kennengelernt, es gibt noch andere Entwickler, die sind komplett remote, die hat noch niemand kennengelernt.

 

Aus welchen Ländern kommen die anderen Remote-Entwickler?
Ja, es ist so, in der, im europäischen Raum sind ja die osteuropäischen Entwickler ein Geheimtipp, da die gut Englisch sprechen, Bildungsstand sehr hoch ist und eigentlich on par sind würde ich sagen mit deutschen Entwicklern oder amerikanischen und deswegen gibt es da sehr viele Firmen die komplett sich auf remote outsourcing spezialisieren, irgendwie Litauen, Estland, Polen und da sitzt eins in Polen, ja, genau, die sind aber, machen weniger Führung oder technische Führung, sondern eher normale Entwicklerrollen, Juniorrollen.

 

Macht die mediale Kommunikation die Arbeit effizienter?
Also, es verkompliziert das enorm, es ist auf keinen Fall, kann das irgendwie ansatzweise persönliche Kommunikation ersetzen, selbst wenn man screensharing hat und nur one-on-one, ist es sehr schwer was durchzusprechen was ansonsten leichter ist vor nem Whiteboard oder mit pen und paper. Das ist einfach, das liegt zum Teil, liegt das daran, dass einfach die Technik wirklich noch nicht so weit oder dass es häufig unzuverlässig ist, aber es liegt auch halt daran, dass man einfach nicht diese, visuellen cues hat so, was, der andere will grad was sagen oder was denkt der, was macht der, man hat das is son bisschen awkward so zu da zu sitzen und einfach vielleicht nachzudenken, es ist weniger spontan es is schwerer so das einfach zu koordinieren oder sich selber, sich gegenseitig nicht ins Wort zu fallen, das ist halt eher so eine Transaktion. Wenn ich mit jemandem, hier, wie wir jetzt bei irgendwie bei Skype sitzen dann ist das so: Okay, wir haben jetzt hier ne Agenda was wir besprechen wollen und danach machen wir wieder was anderes oder wenn wir jetzt zusammen in einem Büro sind und da irgendwie brainstormen dann ist das irgendwie normal, dass es da auch mal Phasen gibt wo dann entweder wenig gesagt wird oder ein bisschen rumgescherzt wird und das ist halt, das passiert halt nicht wirklich bei einem Skype Call oder wenn man telefoniert. Und auch ist der Overhead natürlich sehr groß wenn man irgendwie mal Rückfragen, das heißt, man muss alles oberexplizit machen, es geht nicht, dass man dann irgendwie dann nach so einem Sprintmeeting bei irgendwem noch unklar ist was zu tun ist, weil dann musst du den anslacken und irgendwie die, deine Frage ausformulieren, die Antwort wird ausformuliert, du hast keine Garantie, dass du sofort irgendwie eine Rückmeldung bekommst und deswegen muss man da lernen halt wirklich penibel festzuhalten und sich auch so andere, ne andere Arbeitsweise anzugewöhnen, weil man einfach schon ziemlich schnell merkt, wenn ich irgendwie später eine Frage hab dann ist das ein riesen Umstand das zu klären.

 

Was sind die Vor- und Nachteile von Remote-Arbeit?
Ich bin ein Fan davon die Ruhe zu haben allein arbeiten zu können, aber ich bin tausendmal lieber mit den Leuten im Büro und fuchs da Sachen aus als die remote abzuklären. Verschiedene verlangen einfach ne verschiedene Arbeitsweisen. So, diese Maker- vs. Managersachen, da gibt’s einmal die, die viel abklären müssen, die sprechen mit Kunden, die planen Meetings, die planen Roadmaps, die müssen sich koordinieren und dann gibt es die, die einfach sich konzentrieren müssen und dann da auch mal fünf Stunden am Stück sitzen und keine wirklich tiefe, produktive Arbeit zustande kommt, wenn die diesen Fokus nicht aufbauen können, das interferiert halt häufig in einem Büro, vor allem wenn man so einen beknackten Open-Office-Plan hast, da ist das für die Entwickler meist unmöglich und die können sowieso nur zuhause effektiv arbeiten und es macht, es separiert auch klarer die Koordinationsphase von der Machen-Phase. Sodass wenn du da eine Machen-Phase hast und alles ist wirklich klar, dann kann das sein, dass du dann einfach drei Tage am Stück sitzt und jeden Tag ununterbrochen wirklich tiefen Fokus hast und du kannst deinen Tag auch dementsprechend besser planen, du kannst dir besser auch Pausen nehmen, wenn du dann ein Problem hast über das du nachdenkst und du kommst nicht weiter oder du bist gerade unkonzentriert, dann machst du halt einfach einen Spaziergang und im Büro bist du halt weniger frei, da hast du dann “Oh, ich habe jetzt gleich schon wieder ein Meeting” oder dann ist das, du musst dich mehr auf die Bedürfnisse anderer einstellen und hast deswegen weniger Freiheit dir den Tag so zurecht zu legen wie er dir am besten auch in die Arbeitslaune passt und das ist der große Vorteil auf jeden Fall.

 

Könntest du dir vorstellen nur noch remote zu arbeiten?
Es müsste schon Faktoren geben, die einem das Remote-Arbeiten um einiges versüßen, also die Möglichkeit reisen zu können oder an einem besonderen Ort zu sein, dann ist das so ein trade-off den ich machen würde, auch auf längere Zeit. Aber, wenn man schon viel arbeitet und das sehr viel Zeit und Mühe in Anspruch nimmt und man da jetzt nicht so krass hinterher ist sein Sozialleben auch noch vollzustopfen mit Terminen, dann kann das schon dazu führen, dass du eine Woche lang kaum jemanden siehst irgendwie, außer dem Bäcker oder so und das macht auf Dauer schon keinen Spaß, deswegen würd ich jetzt nicht für immer remote arbeiten, sondern das nur so als Mittel haben um ein bisschen mehr Freiheit zu schaffen was die Ortsunabhängigkeit angeht.

 

Hast du vorher schon Erfahrungen in virtuellen Teams gesammelt?
Nicht wirklich, also nur halt mit Kunden, klar. Das hat’s gegeben. Aber, dass das komplette Team remote war, das gab’s noch nicht oder dass man nur ein Teil eines Remote-Teams war.

 

Glaubst du Remote-Arbeit wird zunehmend wichtiger?
Ja auf jeden Fall. Das hat mehrere Gründe, einfach viel mehr, es wird ja auch viel mehr digitalisiert, selbst als normaler, wenn du jetzt in einem Office arbeitest, dann wirst du immer weniger Ordner oder so vor Ort haben und es wird immer mehr einfach über Software ablaufen. Dann werden auch, also wenn auch die Kommunikationstechnologie besser wird, werden auch größere Unternehmen merken, dass es nur bedingt Sinn macht jetzt ein großes, ein Office zu mieten und die Leute da vor ihre Laptops zu setzen, wenn sie sowieso ein Großteil der Kommunikation online stattfindet und die wenigsten Leute alle zusammen in einem Bürokomplex oder an einem Ort sind. Dann glaube ich halt auch, dass es in diesem Zuge von dieser Gig Economy immer mehr Leute geben wird, die merken, dass es momentan so reibungslos ist im Arbeitsmarkt sich seine Arbeit als selbstständige Entität anzubieten, dass es weniger Sinn macht in einem Unternehmen zu arbeiten und mehr wirklich auch so freelance mäßig und Projekt basiert und vernetzt und dadurch ist das natürlich auch ein treibender Faktor weil du nicht jedes mal für deinen neuen Gig woanders hinziehen wirst, da wirst du vielleicht ein paar mal hingehen um da Workshops zu machen oder dich zu treffen rumzukoordinieren, aber das Größte wird dann auch über andere Medien stattfinden und remote sein.

 

Glaubst du, dass Tools für Remote-Arbeit irgendwann um virtuelle Präsenz erweitert werden?
Ja, ich hab letztens noch, es gibt ja diese Firma die irgendwie so Ipads umfunktioniert, dass du die einfach in Büroräume hängen kannst und dann ist permanent irgendwer der zuhause arbeitet so zugeschaltet und du kannst dann dahin gehen und den irgendwie antippen um die Aufmerksamkeit kriegen, halt all son Gedönse. Das auf jeden Fall. Ich seh da auf jeden Fall auch einen Markt und auch die Notwendigkeit dafür, ich glaube, dass, also, diese extremen virtual presence Viecher das halt ich für lächerlich, da seh ich auch den Vorteil nicht unbedingt und es ist jetzt so auch nicht klar welchen Vorteil das konkret bringen soll. Ich glaub man is grad da so ein bisschen in so einem Fegefeuer, weil es einfach noch nicht so die richtigen Organisationsstrukturen gibt um da so eine remote work wirklich managen zu können. Aber das ist eher so ein Problem, was schon vorher bestand aber da konnte es einfach dadurch, dass, sehr unkompliziert und ohne overhead auch noch kommuniziert werden konnte und Informationen eingeholt werden konnten, einfach weil Willi nebenan im Büro sitzt, sind solche Probleme nicht aufgefallen. Und deswegen glaub ich dass das eher so ein Problem auf der Organisations- und Prozessebene was dann so ein bisschen durch so diese virtual presence versucht wird abzumildern.

 

Welche Gefahren siehst du in der Remote-Arbeit?
Dass es halt so ein bisschen zu so einem Offloading wird. Wenn das etablierter ist und das immer mehr Firmen machen, dass es dann ein Teil so der Gehalts- und Positionsverhandlung wird, wenn man das nicht will oder dass man halt weniger Wahl hat ob man jetzt remote arbeiten möchte oder nicht. Ich könnte mir halt vorstellen, dass das so ein bisschen die Balance auch verändert, ne, du hast weniger persönliche Interaktion, du hast auch weniger, ich mein das ist ja relativ einfach auch jemanden zu entlassen oder so office politics zu haben an denen du nicht teilnehmen kannst, das sind dann unter Umständen auch einfach Dynamiken wo du dann ein komplett austauschbarer, einfach austauschbarer Teil bist und wenig Überblick hast wie Entscheidungen innerhalb der Firma getroffen werden, weil es halt sehr viel einfach ist Leute auszuschließen. Du hast weniger Gefühl für so eine Firmenkultur, weil wenn du zusammen an einem Ort bist, das macht ja total viel aus, was man so jetzt gar nicht quantifizieren oder fassen kann, wie irgendwie Firmenkultur, wie irgendwie Entscheidungsfindung wie so Beziehungen zwischen Leuten, was ja auch so ein bisschen beiträgt zur Stabilität einer Firma, Solidarität. und halt auch, also wenn ich mich zuhause fühle in einer Firmenkultur und ich weiß wie die Leute ticken, dann kann ich ja auch mit sehr viel mehr, Zuversicht, confidence, Entscheidungen treffen und mich sicher fühlen, dass die im Sinne der Firma sind oder anders als wenn ich wenig damit zu tun hab und wenig darüber weiß und einfach nur irgendwo zuhause sitze und in der Not bin irgendetwas zu entscheiden, das könnte halt… Viele von diesen intangible benefits fallen glaube ich, könnten unter den Tisch fallen, wenn man komplett remote ist und keine Möglichkeit findet das irgendwie zu kompensieren indem man regelmäßige get togethers hat in irgendeiner Form oder so retreats zusammen, das kann man damit dann ein Stück weit ausgleichen. Ja, es gibt ein gutes Buch, das heißt “Seeing like a State” das ist so ein bisschen, geht darum, wie sieht ein Staat seine Bürger und dann geht es halt auch darum, dass ein Staat die Bürger nur in Dimensionen sieht, die sich quantifizieren lassen und andere Ebenen, was, das ich nicht besteuern kann, gibt es quasi nicht und ein ähnliches Problem ergibt sich bei solchen Sachen, wo man offensichtliche Benefits hat, die man klar quantifizieren kann, aber die downsides und Nachteile weniger gut und deswegen werden die in dieser Cost-Benefit-Analyse weniger beachtet. Und das könnte ein Problem sein.

 

 

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