Working Remote: Interview mit Dr. Kai-Uwe Loser

Ist die Zusammenarbeit mittels kollaborativer Tools effizienter als die Arbeit im Büro?
Das ist schwer zu beurteilen, weil es da verschiedene Facetten gibt. Die eigentliche Effizienz wird vermutlich nicht gesteigert, aber vorrangig geht es eigentlich um die Frage: Kann man dadurch Zeiten ersparen, Reisezeiten zum Beispiel? Natürlich gibt es Prozesse die verteilt bearbeitet weniger effizient fertig gestellt werden und das Ressourcen kostet, sich zu vereinbaren und da auf anderen Ebenen dann Verluste zu verzeichnen sind. Hierbei kann Zeiteffizienz aber durchaus gegeben sein, weil man eben nicht reist. Also das muss man gegenüberstellen. Insofern ist es schwer zu beurteilen.

 

Kann Remote-Arbeit und die mediale Kommunikation die Arbeit unnötig verkomplizieren?
Der Vorbereitungsaufwand bei der Remote-Arbeit ist natürlich ein Problem, weil es etwas neues ist und man dann natürlich mehr Zeit aufwendet um alles für dieses neue Medium passend zu machen und passend vorzubereiten und dadurch entsteht ein entsprechend höherer Aufwand. Das erledigt sich aber auch wieder, wenn man das dann mal besser beherrscht bzw. wenn man mal irgendwann daran gewohnt ist. Bei internationalen Unternehmen gehören Voice-Konferenzen ja auch zum Alltag, denn da gehe ich nicht mal eben rüber in das übernächste Büro um etwas zu klären, sondern ich greife zum Telefonhörer. Da gibt es dann auch eine geringere Hemmung z.B. in Kanada anzurufen, wenn es ein Problem gibt. Die Probleme die da dann auftauchen können haben dann aber weniger mit dem Technischen zu tun, sondern eher mit Sprachwechseln und verschiedenen Zeitzonen.

 

Wie werden sich kollaborative Tools in Zukunft verändern?
Also es gibt schon seit langem eine Perspektive auf diese Kommunikations- und Kooperationstools und da gibt es immer Tools, die sind eher dazu geeignet starrere Abläufe zu machen, die beinhalten dann Koordination per se, das ist jetzt zum Beispiel bei Ticketing-Systemen der Fall. Da ist klar, was muss ich tun, wann muss das abgearbeitet sein und wenn es nicht abgearbeitet ist, dann gibt es ein Verfahren wie damit dann umzugehen ist. Die Koordination liegt dann in dem System implementiert, da ist das sich vereinbaren über den Ablauf stark reduziert. So etwas gibt es natürlich bei ganz formellen Prozessen wie der Buchhaltung wo die best practices in die Software implementiert sind. Da geht es dann auch nicht darum on the fly, also in der Nutzung, richtig viel zu diskutieren. Dann gibt es aber eben Verfahren und Systeme die dann eher in Richtung Koordination gehen. Man koordiniert sich in den Systemen und hält die getroffenen Vereinbarungen darin fest. Und dann gibt es Systeme, die sind pure Kommunikation und natürlich kann ich wenn immer ich kommuniziere auch koordinierend tätig werden. Wann immer etwas in den genannten Bereichen nicht funktioniert, also bei festgelegten Prozessen oder der Koordination, falle ich immer zurück auf Kommunikationsstrukturen. Deswegen ist das Gängigste dann hinterher zu telefonieren oder eben zu skypen. Wenn man jetzt in Trends denkt wird diese gesamte momentan entstehende neue KI Welle, so nenne ich sie mal, also Spracherkennung, Sprachanalyse dafür sorgen, dass natürliche Sprache wahrscheinlich an Wichtigkeit wiedergewinnt auch in der Interaktion und Steuerung solcher Tools. Es wird wahrscheinlich zu Systemen kommen die sich mittels der natürlich sprachlichen Anweisungen eines Nutzers konfigurieren lassen. Beispiel Alexa und das wird sich ausweiten.

 

Wird die Remote-Arbeit in der Zukunft stark zunehmen und gibt es Bestrebungen Interfaces zu schaffen, die einem irgendeine Form virtueller Nähe zu den Kollegen zu vermitteln?
Es ist eigentlich ein bisschen anders, was ich so mitbekomme gehen viele solcher Remote-Arbeiter wiederum in Büros (Coworking Spaces), weil sie da halt eine Kaffeemaschine haben und unter Umständen da ja auch viel häufiger mit Leuten zu tun haben, die ihnen viel angenehmer sind, als die Menschen mit denen sie tatsächlich geschäftlich zu tun haben. Also sowas ist eine Variante, das andere ist natürlich, dass Menschen eine hohe Motivation haben, die versuchen Privatleben und das geschäftliche miteinander zu koppeln, also freie Zeiteinteilung und diese Themen. Ich denke also nicht, dass man warten kann, dass die Welt sich dahin verändert, dass es das einzige Phänomen sein wird. Also dieses Phänomen (Remote-Arbeit) wird es immer geben und dann kommt es auf die persönlichen Rahmenbedingungen an ob man sich dafür entscheidet oder nicht. Natürlich hat man dann auch Bereiche in denen das gut funktioniert, im Laborbereich zum Beispiel wird es nicht so gut funktionieren. Wir haben hier am Institut für Arbeitswissenschaft ja Lehrstühle die sich mit Führung beschäftigen und Führung hat natürlich auch etwas mit sehr starkem persönlichen Kontakt zu tun, also mit Nähe also wirklich auch mit menschlicher Nähe. Da glaube ich haben solche Ansätze an sich auch einfach Schwächen. Wir haben zum Beispiel Experimente in Richtung Kollaboration in der virtual reality gemacht. Das ist mal ganz nett das ist aber auch einfach physisch sehr belastend. Da kann man ein Meeting mal machen, aber man kann nicht den ganzen Tag damit arbeiten, da man körperlich eingeschränkt ist und das ist schon sehr belastend. In dem Experiment haben wir ein einfaches Szenario, wo man gemeinsam in der virtuellen Realität ein Diagramm erstellen sollte, getestet. Zwei Personen waren mit einer VR-Brille jeweils in einem virtuellen Setting, physisch allerdings im selben Raum befindlich und dann hat man dort gezeichnet. Es war dann vom Interface nicht ganz optimal, weil quasi ein Desktop Interface versucht wurde darauf zu übertragen. Die Probanden standen vor einem Clearboard, also einer virtuell durchscheinenden Wand. Es gab dafür mal eine Vorlage, das ist auch so eine Technologie, die man irgendwann in den 90ern entwickelt hat, die wirklich eine sehr schlaue Erfindung war, aber die man eigentlich jetzt in der Praxis heutzutage nicht so findet. Im Prinzip war das eine virtuelle Glasscheibe auf der man gemeinsam arbeitet, hinter der Glasscheibe ist das Gegenüber projiziert, das eigentlich aber ganz woanders ist. Und dann zeichnet man oder interagiert sozusagen auf dieser Glasscheibe jeweils von der anderen Seite. Das Gegenüber sieht sofort was man macht, man kann sich in die Augen schauen und man kann gemeinsam arbeiten. Und diese Idee wurde jetzt in die Virtualität übertragen und da hat man wiederum einen Avatar vor sich gehabt was natürlich auch ein bisschen schwierig ist. Man merkt, dass man da in etwa nach einer Stunde durch ist.

 

Wie verhält es sich bei der Remote-Arbeit mit Tools für virtuelle Präsenz?
Also ein Phänomen, das generell bei Remote-Arbeit ein Ziel ist, ist sogenannte Awareness, man weiß sozusagen von dem anderen in welchem Arbeitsmodus er sich gerade befindet, ist er gerade aufmerksam auf mich, hat er die Gelegenheit mir zuzuhören oder störe ich ihn, wenn ich ihn jetzt anrufe. Die Systeme die ich jetzt ganz aktuell im Blick habe sind momentan eher in Meetingszenarien angesetzt. Also wir haben hier zum Beispiel so einen Kubi, das ist ein Gerät wo man ein IPad reinstecken kann, das baut dann eine Videoverbindung auf von dem Ipad zu dem anderen Gerät und man kann diesen Kubi in der Position steuern, ich kann dann sozusagen im Raum herumgucken und mein eigenes Gesichtsfeld steuern, mich selbst melden und dadurch direkt teilnehmen. Das funktioniert aber nur bedingt, kann man mal machen. Das Ganze gibt es dann auch in erweitert, das sind dann vollständig ferngesteuerte Roboter, da wird dann teilweise auch dann ein IPad auf so einen Ständer mit Motor gesteckt der sich dann ferngesteuert im Raum bewegt. Sowas gibt es auch und da wird dann auch mit experimentiert. Ich kenne das Ganze von einer Forschergruppe in Nordschweden die haben verschiedene solcher Geräte im Test. Und gerade in diesen räumlichen Szenarien, also Norwegen oder Australien wo es um die Beschulung von Schülern irgendwo im Outback geht, wenn man da nicht in die Schule kommen kann, da ist es halt irgendwie erzwungenermaßen so, dass man mit solchen Mitteln remote arbeitet und versucht dann dementsprechend sowas einzusetzen.

 

Gibt es Erfahrungen, dass bei der Arbeit mit solchen Technologien Probleme entstehen können oder Leute sich unwohl damit fühlen?
Diese Phänomene gibt es schon, aber die gibt es auch jetzt schon beim Telefonieren, es gibt halt Menschen, die greifen nie zum Telefonhörer. Obwohl es immer die viel schnellere Variante gewesen wäre. Diese Leute greifen natürlich auch nicht zu Skype oder anderen Mitteln. Das hat etwas mit Kontextreduktion zu tun, also man sieht oder hört jemanden, man weiß aber nicht ob der einem gerade den Vogel zeigt hinterm Telefon oder man weiß nicht ob man ihn gerade stört, man bekommt zu wenig Kontext mit. Man sieht dann immer so einen engen Kanal und der Kontext ist nicht so ganz klar und das hat dann etwas mit der Veränderung der natürlichen Wahrnehmung zu tun. Die ist dann beschränkter, da fühlt man sich dann automatisch irgendwo unwohl und es wirkt dann komisch. Und da gibt es halt einige für die wirkt dann dieses Unwohlsein abschreckend.
Bei virtueller Realität verhält sich das anders, also das was da jetzt momentan an Technologie zur Verfügung steht, da spricht man dann ja von Immersion, hat dann, glaube ich, jetzt auch zum ersten Mal einen verstärkenden Effekt, dass man sich in einer anderen Welt befindet und damit eben nicht mehr unbedingt wahrnehmungsmäßig eingeschränkt fühlt. Man hat jetzt natürlich nicht mehr die reale Welt die man wahrnimmt, aber man hat eher das Gefühl, dass man vollständig wahrnimmt.

 

Wie verhält es sich bei der Interaktion mit Avataren in der virtuellen Realität?
Also wenn ich mir die 3D-Scan Technologie von heute anschaue wo man einen Raumscan hat und sieht die räumliche Positionierung eines Körpers und auch dessen aussehen, lässt sich nicht ausschließen, dass der Avatar schon sehr nah an das kommt was das gegenüber gerade in dem Moment macht, es muss natürlich reduziert werden. Was zum Beispiel bei Videoconferencing ein langes Thema war und ist, ist Augenkontakt, das könnte in der virtuellen Realität und bei der Interaktion mit Avataren eher ein schwieriges Thema werden. Bei Videoconferencing Tools ging es da um kleinste Nuancen. Da gibt es Technologien und Systeme, die wirklich sehr gut sind, wo die Umrechnung des Videobildes so ist, dass man das Gefühl hat, dass einem der Gesprächspartner gegenübersitzt und man sich gegenseitig in die Augen schaut. Und gerade dieser Augenkontakt, das ist jetzt wieder eine Frage, die bei virtueller Realität noch so weit weg ist. Also, dass man den Avatar so kleidet und dass der auch gestisch so handelt wie man das gewohnt ist, das kriegt man noch hin, aber beim Augenkontakt sehe ich da noch keine Lösung.

 

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