Working Remote: Interview mit Dr. Alexander Nolte


Video Transkript

Ja ich bin Alexander Nolte, ich habe früher mal am Lehrstuhl Informations- und Technikmanagement gearbeitet, habe da meine Promotion abgeschlossen in 2014 oder irgendwie so und mein wissenschaftliches Interesse ist grob gesagt alles was irgendwie mit Kollaboration zu tun hat. Also, wie Menschen auf irgendeine Art und Weise zusammenarbeiten. Ich habe am Anfang mich größtenteils damit beschäftigt wie Menschen in Workshops zusammen arbeiten, also quasi, wir sind gemeinsam an einem Ort und wollen gemeinsam was erarbeiten und das hat sich jetzt in den letzten Jahren so ein bisschen verändert in der Hinsicht, dass ich jetzt versuche mehr auf hybride Szenarien einzugehen, also sprich, wo man ein Treffen hat, ja, also wo man sich zwischendurch mal sieht, aber wo man dann zwischendurch auch zwischen diesen Treffen online abspricht über irgendwelche wie auch immer gearteten Technologien und versucht halt die Kollaboration am Leben zu erhalten darüber. Und das ist quasi jetzt der aktuelle Fokus und aktuell bin ich als, ja, Visiting Research Fellow nennt sich das an der University of Pittsburgh.

 

Welche Anforderungen werden von der Arbeitswelt an interactive spaces gestellt?
Das Problem in diesem Bereich ist, dass nach meinem Verständnis noch keiner so richtig, ne richtig geile Anwendung gefunden hat wo man sagt: “Ja, wir brauchen jetzt unbedingt so ein interaktives Teil, damit das funktioniert, was wir machen wollen.”. Ja, also im Endeffekt ist, läuft’s dann alles doch wieder auf irgendwelche Videokonferenzen, so wie wir das jetzt haben, hinaus und irgendwelche shared Whiteboards, die man genauso gut mit seiner Tastatur und mit der Maus bedienen kann, anstelle von vor so einem großen Board zu stehen. Ja, also so die richtig coole Killerapplikation warum man das jetzt unbedingt braucht hat nach meinem Verständnis noch keiner gefunden. Aber, ich muss dazu sagen, dass mein Fokus was das angeht auch nicht auf verteilter Kollaboration lag. Ich hab größtenteils Forschung gemacht zu dem Thema: Wie kann man Leute näher an die Materialien ran bringen. Und dafür ist das glaube ich eine ganz nette Sache, weil eine Situation, die man häufig hat, in, gerade in so Workshops, ist, dass halt irgendjemand Protokoll führt, also irgendjemand hat sozusagen den Stift in der Hand und schreibt irgendetwas auf und meine Möglichkeit als Teilnehmer das zu beeinflussen ist rein verbal. Also, ich sitze da und kann irgendwie was sagen. Das wars. Was Anderes kann ich nicht machen. Und da war halt irgendwann die Idee zu sagen, das ist irgendwie relativ, erstens ist das nicht sonderlich schnell, weil ich muss halt immer erst was sagen dann muss der andere irgendwie was eintippen, dann sage ich: “Joa, das ist okay” oder “Änder bitte das noch”, ja, also das ist immer ein hin und her, das kostet ewig viel Zeit und das zweite ist, es ist halt auch nicht sonderlich einladend für die Leute, die da sitzen. Ja, das heißt, was auch immer dann da entsteht, was auch immer man da zusammenbaut ist immer son bisschen, ja, keine Ahnung, ich nehme das nie als mein Artefakt war. Ich nehme das nie als meins war. Weil das immer irgendjemand anderes erstellt hat und weil ich da zwar dran mitgearbeitet habe, ja, aber es ist irgendwie, ja, es ist trotzdem immer noch entfernt von dem was ich mir so vorstelle. Und dementsprechend haben wir halt überlegt: Okay, dafür kann man ganz gut interactive services einsetzen, weil die halt ermöglichen, dass man da selber was dran machen kann.

 

Gibt es Menschen, die sich gegen den Gebrauch solcher Tools wehren?
Aktiv gewehrt nicht, also man hat, den einen Faktor den man immer hat ist so diese Überwindung, weil das ist halt einfach nix was so im täglichen Leben vorkommt. Ich glaube das ändert sich jetzt so langsam dadurch, dass man halt immer mehr auch, was weiß ich, irgendwelche Terminals in Banken oder sowas hat, die alle mit Touchscreens funktionieren, jeder hat sein IPad zuhause. Du musst dir vorstellen, dass die Forschung, die ich dazu gemacht habe, jetzt auch schon drei, vier Jahre zurückliegt, ja, das heißt, da hat sich schon ein bisschen was geändert, also diese, ja diese Angst davor da was dran zu machen ist glaube ich jetzt mittlerweile stark zurückgegangen, aber das war auf jeden Fall ein Faktor. Der zweite Faktor ist, das ist einigermaßen ermüdend, ne, also wenn man die ganze Zeit dasteht und irgendwie dann mit dem Finger da immer drauf rumtippen muss und man muss die ganze Zeit den Arm hochhalten, das ist ein bisschen, ja das kostet schon ein bisschen Energie und was eine riesen Katastrophe ist, immer noch, ist irgendwelche Texte tippen auf diesem Teil, ja. Weil, das, ich meine, das kennst du ja von deinem Smartphone genauso gut, da hat bis jetzt einfach noch keiner eine tolle Lösung für gefunden, dass man das wirklich vernünftig machen kann, das ist immer noch Schrott. Was halt cool ist, ist wirklich, dass man gemeinsam an einem größeren Whiteboard sozusagen parallel, in mehreren in Gruppen auch was machen kann und dann hinterher Leuten das zeigen kann. Ja, das ist so ein Benefit davon, den man da identifizieren kann, wenn man so will.

 

Warum werden interactive spaces noch nicht großflächig in der Arbeitswelt eingesetzt?
Also ich meine, das hat glaube ich mit zwei großen Sachen zu tun. Das eine ist die Sozialisierung, klar, wir haben das so gelernt, also machen wir das auch weiter so und das zweite ist aber auch die Umgebung, ne, ich meine, wenn du dir dein Windows anguckst, ja, die versuchen immer wieder mehr Touchfunktionalitäten und sowas da rein zu bringen, aber so richtig geil ist das alles nicht. Ja, und wenn man dann irgendwie auf die Appsphere von, keine Ahnung, von Apple oder irgendwie sonstwem schaut, also Sachen, die wirklich auf Tablets optimiert sind, dann kann man immer so kleine Sachen damit machen. Ja. Man kann immer irgendwie, keine Ahnung, das tollste Beispiel ist ja immer dieses Foto sortieren. Ich weiß nicht wie oft du schon mal Foto sortieren in deinem Leben gemacht hast, aber ich kann dir sagen, dass ungefähr das zehnfache davon Forscher schon an Foto sortieren ausprobiert haben. Das ist nämlich immer das Erste was die versuchen “Oh, lass uns mal Fotos sortieren.” aber es macht nur nie einer, weil es total nutzlos ist und weil man das einmal im Leben vielleicht macht, das wars auch. Ja aber solche kleinen Tasks macht man halt immer damit, ja, und nicht irgendwie, keine Ahnung, du wirst niemals deine Masterarbeit in einem Touchscreen schreiben.

 

Ist es vorstellbar, dass interactive spaces in Zukunft um humanoide Interfaces erweitert werden?
Also, erst einmal ist ja prinzipiell, das gilt ja seit Anfang der Computer überhaupt der Goldstandart ist: Ich habe ein Blatt Papier und einen Stift. Weil das ist immer irgendwie noch das natürlichste was wir uns so vorstellen können, da kannst du jetzt wieder die Frage nach der Sozialisierung stellen, keine Ahnung, mag sein, dass das die Hauptrolle dabei spielt, aber das ist immer noch das natürlichste was wir haben. Und dementsprechend war der Goldstandard für diese ganzen Touchscreens auch, das erste was du machen können musst, du musst damit so interagieren können wie mit einem Stift und mit einem Papier. Aber dann kommen halt die Anforderungen, ne, ich meine mit einem Stift und einem Papier kannst du halt das machen, was du mit einem Stift und einem Papier machen kannst, bei einem Computer erwartest du völlig andere Sachen. Ja, dass man Sachen kopieren kann, dass man Sachen auswählen kann, dass man Sachen zwischen verschiedenen Geräten hin und her verschieben kann und diesen ganzen Kram alles, ja, das erwartest du ja von einem Blatt Papier nicht, das erwartet man nur von einem Computer. So, und dieser Paradigmenwechsel zwischen diesen zwei Sachen, das irgendwie hinzubekommen, hat noch keiner so richtig toll geschafft. Aber, es gibt ein paar schöne Anwendungen, es gibt zum Beispiel ein Projekt, das ist, ich glaube der sitzt mittlerweile an der Universität in Kopenhagen, der hat digitale SCRUM Boards ausprobiert. Die haben halt in mehreren Offices haben die so ein rum-, so ein tragbares, na was heißt tragbar, es hat halt so ein Gestell, kannst du hin und her schieben, ja, so ein SCRUM Board, digitales SCRUM Board. Und was die machen ist: Die haben eine Kamera auf dem Ding oben drauf was quasi die Leute filmt die auf der einen Seite davorstehen und haben auf der anderen Seite, also in dem anderen Office, haben sie genau dasselbe. Und die schieben eben genau diese Karten darauf rum und machen da Experimente mit. Und das scheint ganz gut zu funktionieren und das kann ich mir auch vorstellen, weil das nämlich einfach, es ist wieder ein simpler Task, ne, du musst halt nur Sachen hin und her schieben und der Hauptaugenmerk liegt auf der Kommunikation, weil du stehst mit mehreren Teams da zusammen, zwar nicht vor demselben Whiteboard, aber virtuell vor demselben Whiteboard und kannst halt darüber Sachen verschieben und kollaborieren und sagen: “Okay, was machen wir denn als erstes? Was macht dieses Team, was macht das andere Team? Was machen wir nächste Woche?” und solche Dinge. Du kannst halt einfach so Planungsmeetings darüber abhalten und ich glaube, das ist ein ganz guter Anwendungsfall für solche Displays. Es ist nicht so richtig virtuelle Präsenz, weil eine Sache mit der sie offensichtlich zu kämpfen haben oder zumindest zu kämpfen hatten, als ich mit denen das letzte Mal gesprochen hatte, irgendwann letztes Jahr, war, dass die Kamera halt nicht unbedingt die ganzen Leute einfängt, das heißt, du hast halt immer noch so diesen Effekt, dass dann irgendwie eine Stimme aus dem Off kommt, ja, und das ist halt immer noch so ein bisschen, naja, ist halt nicht so schön. Und die Zahl der Leute die dann da wirklich zusammen stehen können ist halt auch einigermaßen begrenzt ne, weil ich mein, die haben jetzt zwar ein 55-Zoll Display, was einigermaßen groß ist, aber wenn dann da fünf Leute davorstehen und wenn die dann das Ding auch noch anfassen und da irgendwas mit machen wollen, dann kriegt die Kamera überhaupt nichts mehr mit davon, ja, dann siehst du vielleicht zwei Personen so halb und der Rest ist halt immer noch verdeckt.

 

Macht der Einsatz kollaborativer Tools die Arbeit effizienter?
Ich bin ja so ein bisschen so halb Informatiker, halb BWLer, wenn man so will. Ja, also ich hab ja immer mich mehr so für die menschliche Seite von Informatik interessiert und nie so für die hardcore Technik. Deswegen würde ich immer sagen, dass die Effizienz des Einsatzes von Software immer auch davon abhängt, oder von irgendeinem technischen System, immer davon abhängt, wie man es einsetzt. Ja, du kannst das tollste technische System haben, wenn es komplett falsch eingesetzt wird, dann macht es alles nur schlechter. Guck dir SAP an, ja, das ist ein geiles System, aber die ganzen Firmen haben alle nur Probleme damit, weil sie ihre Prozesse nicht darauf abge-, also, die kriegen ihre Prozesse und das System nicht überein. Ja, und da hilft dir auch die beste Technik nichts, wenn deine Organisation das nicht irgendwie auf die Reihe kriegt. Die andere Frage ist, was für dich Effizienz bedeutet. Ja, Effizienz muss ja nicht unbedingt sein, dass man einen Task schneller erledigt kriegt. Effizienz kann ja auch bedeuten in dem Sinne, dass du-, dass die Leute vernünftig zusammenarbeiten können und dabei nicht komplett vereinsamen und nach drei Monaten sagen: “Weißt du was? Ihr könnt mich alle mal und ich arbeite jetzt für eine andere Firma!”. Ja, weil dann hast du den Effizienzeinbruch nämlich an der Stelle wo du ständig neue Leute einarbeiten musst. Das hat jetzt nicht unbedingt was mit dem direkten Task zu tun, aber es hat was mit dem Kontext zu tun. Ja, also die Frage ist so einfach nicht so richtig zu beantworten. Und außerdem, dieser Gedanke, dass Technologie immer irgendein Problem löst oder immer irgendwie dazu führt, dass man irgendwie etwas jetzt besser machen kann als vorher, der wurde ja schon spätestens mit dem IPhone ad absurdum geführt. Ja, das IPhone hat nie ein Problem gelöst, was wir jemals hatten. Ja, im Gegenteil, es hat Bedürfnisse geschaffen. Und deswegen, Technik ist immer beides so ein bisschen. Ja, klar löst es auch irgendwelche Probleme die wir haben, aber du musst nicht erst ein Problem gehabt haben um Technik dafür zu finden. Manchmal hast du auch einfach die Technik und versucht das Problem zu finden.

 

Kann der Einsatz kollaborativer Tools die Arbeit unnötig verkomplizieren?
Ich glaube immer dieser Overhead hängt relativ stark von Praxis ab, also, wenn man das oft genug macht und wenn man gut genug aufeinander eingestimmt ist, wird dieser Overhead geringer werden, das hängt nicht unbedingt von der Technik ab, sondern, wir Menschen sind unglaublich gut darin uns an irgendwelche Gegebenheiten anzupassen und in diesen Gegebenheiten so zu arbeiten wie wir uns das vorstellen, ja. Und wenn man das beim ersten mal macht, ja, so ein Skype-Meeting, dann stellt, man fest: “Oh, scheiße, hätte ich mal vielleicht eher das gemacht, weil dann hätte ich gewusst, was der da meint.”. Beim nächsten Mal machst du diesen Fehler nicht mehr, das dauert ein bisschen, bis man sich darauf eingestimmt hat, aber das geht. Trotzdem ist es nach wie vor niemals das gleiche dazusitzen und mit jemandem im gleichen Raum zu sein und komplett am anderen Ende der Welt zu sitzen in einem anderen Raum und sich über Skype zu unterhalten, es ist einfach nicht dasselbe. Man sieht immer nur einen Teil, trotz Video, man sieht immer nur Teile davon was der andere macht, ja, dieser typische Newsanchor, der in seinem Hemd dasitzt und keine Hose anhat ist so ein Beispiel dafür, ja. Also, das ist halt, ja, es ist halt einfach nicht das gleiche. Aber ich glaube man kann genauso effizient miteinander arbeiten, wenn man einfach die entsprechende Praxis dafür entwickelt hat. Natürlich kann Technologie das einfacher machen, ja, und natürlich kannst du auch gewisse Szenarien identifizieren wo du sagst: “Ja, das geht jetzt mit der aktuellen Technologie einfach nicht.”. Und dann muss man halt zusehen, dass man die Technologie weiterentwickelt. Es geht immer beides, es hängt immer von beidem zusammen ab. Es ist immer Technologie und der Einsatz von Technologie.

 

 

Zurück zum Blog