Die Sauerland-Pyramiden I – Wo kommen die Maschinen her?

„Die Sauerland-Pyramiden sollen ein Ort des Staunens und Wunderns werden. Kein Platz für seichte Unterhaltung, sondern für ungewöhnliche Ideen und Projekte an den Grenzen des menschlichen Wissens“, sagte der Eigentümer der Pyramiden im Jahr 2005 bei der Eröffnung der ersten zwei Pyramiden. Und ich kann als Besucherin – eigentlich fühle ich mich eher wie eine Erforscherin – sagen, dass er dieses Ziel durchaus erreicht hat.

 

Echte Pyramiden im Sauerland

In den Jahren 2005 und 2006 wurden insgesamt drei sehr ägyptisch aussehenden „Rayonex-Pyramiden“ mitten im Sauerland errichtet, welche mittlerweile die gleichnamige Firma Rayonex Biomedical beherbergen, die sowohl Forschungen als auch eine Heilpraktiker Schule und ein Therapiezentrum betreiben. Für den Besucher der Sauerland-Pyramiden findet der spannende Teil allerdings nebenan statt: im Galileo-Park. Denn hier entstanden 2009 vier weitere Pyramiden, hoch über dem Lennetal, mit einer fantastischen Aussicht auf die kleine Stadt. Benannt wurde der Park offensichtlich nach dem italienischen Gelehrten Galileo Galilei, in dessen Andenken der Park mit wechselnden wissenschaftlichen und unterhaltsamen Ausstellungen gefüllt ist.

Der erste Teil dieses Erfahrungsberichts aus dem Sauerland startet direkt in der großen Haupt-Pyramide, nachdem der Besucher es durch die Eingangs-Pyramide und einen kleinen chinesisch angehauchten Garten geschafft hat; übrigens eine recht interessante Kombination. Erklimmt man die außen gelegenen Treppen, steht man auch schon vor der Eingangstür zum „Labyrinth des Unerklärlichen“ und dem großen Banner, der mir sagt, was ich gleich bestaunen kann: „Hightech aus dem antiken Griechenland. Die Wanderausstellung des Kotsanas Museum of the Ancient Greek Technology“. Wer sich schon einmal gefragt hat, wo eigentlich die Technik für unsere modernen Maschinen ihren Ursprung hat, der ist hier goldrichtig.

 

Wassertechnik vom Feinsten

Den Besucher erwarten über 30 Exponate der griechischen Technologie. Eine tolle Maschine ist der hydraulische Automat der „zwitschernden Vögel und der wiederkehrenden Eule“ aus dem 3. Jahrhundert vor Christus: Eine sich wiederholende Automation mit Bewegung und Geräuschen. Erfunden hat sie Philon von Byzanz und sie stellt zwitschernde Vögel und eine ihnen abgewandte Eule dar. Diese verstummen, sobald sich die Eule ihnen zuwendet. Das ganze Spektakel wiederholt sich ständig ganz automatisch, indem durch Luftverdrängung durch einfließendes Wasser Pfeiftöne aus einer Flöte entstehen. Diese endet im Wasser und erzeugt durch die Schwingung so verschiedene Frequenzen und man glaubt, gleich mehrere Vögel zu hören. Wenn das Wasser in einen Nebenbehälter abfließt, wird die Achse der Eule betätigt, die sich dann umdreht und die Vögel gleichzeitig verstummen lässt.
Wenn wir bei Tönen und Wasser bleiben wollen, kann man ein paar Gänge weiter Platons Wecker bestaunen; übrigens der erste weltweit. Auch diese Technik funktioniert über Luftverdrängung und eine Flöte, aber besonders ist, dass man den Wasserfluss so regulieren kann, dass der Ton zu einer beliebigen Zeit ertönt: Wie ein Wecker eben.

Doch die Ausstellung beschränkt sich nicht nur auf Exponate und passende Plakate, immer wieder kann man zwischendurch einen kleinen abgetrennten Raum betreten und sich kurze Filme über Verteidigungssysteme oder auch die Funktion des automatischen Theaters des Heron von Alexandria aus dem 1. Jahrhundert nach Christus anschauen: ein programmiertes, selbstfahrendes Puppentheater. Um es authentisch zu halten, steht ein genauer Nachbau dieser Maschine gleich daneben.

Das Highlight der Ausstellung ist eine alte Bekannte für mich: die automatische Dienerin des Philon aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, die wir bereits letztes Jahr in der DASA Ausstellung „Die Roboter“ bestaunen konnten. Wer keine Chance mehr hatte, sie dort zu sehen, kann sich hier sogar über noch mehr Informationen dazu freuen. Der erste funktionierende Roboter in der Geschichte konnte, stellte man ihm einen Becher auf die linke Handfläche, ganz automatisch mit einem Krug Wein und danach Wasser nach Wunsch zum Beimengen eingießen. Nahm man den Becher herunter, stoppte die Bewegung. Die zwei unterschiedlichen Behälter dafür kann man im Inneren der Maschine sogar erkennen. Die Sauerland-Pyramiden punkten mit viel Hintergrundwissen, manches davon sogar sehr technisch gehalten, aber illustrieren viele Funktionen mit leicht verständlichen Grafiken.

 

Informativ und interaktiv

Auch interessant zu wissen: Der Höhepunkt der antiken griechischen Wissenschaft und Technik gipfelte bereits im 3. Jahrhundert vor Christus, dem jedoch ein Rückgang und sogar Verlust vieler Technologien in den kommenden Jahrhunderten folgte. Nach einer allmählichen Wiederentdeckung glich der Stand der neuesten Technologien im 14. Jahrhundert etwa dem zu Beginn des 2. Jahrhunderts vor Christus in Griechenland. Man fragt sich, wo die Wissenschaft heute schon sein könnte, wären so viele Sachen wie Rechenmaschinen, Dampfmobilität, Stahlantrieb und sogar Automatisierung nicht zeitweise verloren gegangen.

Um am Ende nicht zu viel vorwegzunehmen, sage ich nur, dass die Besucher mannigfaltige Einblicke darin bekommen, wie Messgeräte, weitere Wassertechnologien, Werkzeuge und Maschinen im Altertum so funktioniert haben. Selbst noch heute beliebte Spiele wie Trias – wir kennen es mittlerweile unter Tic Tac Toe – kann man hier nicht nur ansehen, sondern gleich mit seiner Begleitung ausprobieren. Man merkt immer wieder, dass die sauerländischen Ausstellungen sehr interaktiv gestaltet sind. Ganz in der Tradition der Pyramiden lassen sich auch zwischendurch kleine „Felsen“ aus der Wand ziehen, die versteckte Schätze der Antike beinhalten. Ich kann also nur empfehlen, nach den roten Schlaufen an der Wand Ausschau zu halten.

Einen spannenden Abschluss hat dieses Pyramiden-Labyrinth jedoch nicht in noch einer ausgestellten Maschine, sondern in einem Plakat. Es zeigt viele der Ausstellungsstücke, die ich vorher betrachten konnte und was ohne sie nicht möglich gewesen wäre: die Automobilindustrie. Denn ich sehe, dass die hydraulische Uhr von Ktesibios die erste Anwendung eines Getriebes und das selbstfahrende Theater des Heron das erste Fahrzeug der Geschichte mit automatischer Navigation ist oder dass in der automatischen Dienerin des Philon zum ersten Mal hydraulische Ventile und Regler eingesetzt werden und vieles mehr. All das ist auch in unseren heutigen Autos verbaut. Wer hätte gedacht, dass der Ursprung dieser im Vergleich doch relativ neuen Erfindung so weit zurückreicht?

Die Sauerland-Luft empfängt mich beim Verlassen des Labyrinths und eine Frage stellt sich mir, als ich auf die Berge blicke: Was wird mich wohl in der nächsten Pyramide Spannendes erwarten?
Wer jetzt schon weiß, dass er mehr über die antiken Technologien lernen möchte, kann das bis zum 27. November 2017 im Galileo-Park tun.

 

– Fortsetzung folgt in: Die Sauerland-Pyramiden II –

 

 

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