Ulrike Bergermann – Appropriation

Bergermann

Abstract

Eigentum hat eine Geschichte, in der es auch als Naturrecht erschien – ein Naturrecht des Individuums. Eigentumsrechte auch auf immaterielle Güter, auf Literatur, Kunst oder Patente zu erheben, ist verflochten mit der romantischen Idee von Autorschaft und Genius, mit dem Buchdruck und der europäischen Medienkultur (Plumpe), ihren Technologien und Subjektivationen, und mit der Kolonialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. Verwurzelt in europäischer Aufklärung und Moderne, ist das globalisierte Copyright ein Agent der Creative Industries und ihren enormen finanziellen Ressourcen, der auf das ‘Eigene’ indigener Kulturen, ihrer gemeinschaftlichen Produktion und Tradierung sowie ihr Geist/Materie-Verständnis nicht passt, den globlen Austausch aber dennoch regelt, auch nach Protesten aus dem globalen Süden in den 1960er Jahren (Roy, Riley, Eckstein). Was wäre “folklore”, was indigenes Wissen, und wie soll man die Manifestationen entlang der kolonialen Strukturen ohne ihre “Propertization” (Siegerist, Heineke, Perlman, Coombe) und anderen westlichen Kategorien und ökonomischen Vorteilen verstehen? Dass auch die post_kolonialen Copyright-Prinzipien des globalen Nordens in Konflikt mit denen des globalen Südens und indigener Kulturen stehen, zeigt sich aktuell in Debatten um cultural appropriation.

 

Auf der Suche nach Praktiken kultureller Produktion im globalen Süden traf ich auf den ostafrikanischen Kleidungsstoff namens Kanga. Seine Geschichte besagt, dass er aus einer Weiterentwicklung portugiesischer Schnupftücher entstand (Fair, Moon Ryan; McCurdy). Gleichzeitig steht er in einer Geschichte gesellschaftlicher Umbrüche sowohl für Frauen als auch für freigelassene Sklaven. Diese Geschichtsschreibung möchte ich vor dem Hintergrund von transnationalen Urheberrechtsfragen (Boateng, Rabine, Sylvanus), Ökonomien des Werts und der Rolle von Baumwolltuch in der Geschichte der Sklaverei (Beckett) und westlich-historiografischem Begehren gegenlesen und mit Fragen der Copyrightfähigkeit “indigener” Produktionen sowie einem Beispiel queerer Aneignung des Kangas diskutieren. Specters of Slavery materialisieren sich zwischen allen Orten (Baucom, Hartman, Sharpe). Fäden laufen zusammen in Formationen des international zirkulierenden Kapitals – oder was zu solchem gemacht wird.

Biographical Note

 

Ulrike Bergermann ist seit 2009 Professorin für Medienwissenschaft an der HBK Braunschweig, war vorher Vertretungsprofessorin an der Ruhr-Universität Bochum und wissenschaftliche Mitarbeiterin in Köln und Paderborn nach einer Dissertation zu Sign language notation in Hamburg. Arbeitsschwerpunkte: Gender Studies, Postcolonial Studies, Wissenschaftsgeschichte. Redaktion der Zeitschrift für Medienwissenschaft seit 2007, DFG-Lenkungsgremium Medienwissenschaften 2010-2017. Letzte Publikationen: Leere Fächer. Gründungsdiskurse von Kybernetik und Medienwissenschaft, Hamburg 2016; hg. mit Nanna Heidenreich: total. Universalismus und Partikularismus in post_kolonialer Medientheorie, Bielefeld 2015; co-hg.: Connect and Divide: The Practice Turn in Media Studies. The 3rd DFG conference of Media Studies, Zürich/Chicago 2018, i. Dr. Aufsätze u.a. vgl. http://www.ulrikebergermann.de