Meurer: Teilchenbewegung

Abstract

Der ‚Avant-garde’ wohnt der Konflikt inne. Seit der Einsetzung des Begriffs mit der Kriegstheorie des Spätmittelalters und genauso in seiner ästhetischen Wendung markiert er die nicht selten radikale Opposition politischer wie künstlerischer Terme. So erscheint Paul Strands und Charles Sheelers experimenteller Kurzfilm MANHATTA (1921) nicht nur als Entfaltung innovativer Strategien filmischer Repräsentation, sondern ein um das andere Mal selbst als Bild- und Sinnkonstellation, in der – zwischen Erzählung und Fragment, Stand- und Bewegtbild, Nostalgie und Fortschritt – formale, mediale, ideologische Gegensätze insistieren. Diesem grobmechanischen Modell reagierender Kräfte will der Vortrag begegnen, indem er in MANHATTAs Ein-Bildungen von Stadt und Mensch die Figuren kleinstmöglicher Abweichung aufsucht: Anstelle der großen Utopie sollen die geringen „atopischen“ Verschiebungen in den Arrangements des Films Aufschluss geben über die Konsistenzen des Bildes (von einer Wahrnehmung der Festkörper bis zur gasförmigen Materieströmung) und zugleich über die Aggregatzustände und die lockere Körnung amerikanischer Gemeinschaft. Dann wäre – zumindest in diesem Fall – die Avantgarde nicht länger nur ein Streitfall, sondern schlüge der Kunst wie der Politik den kleinen Abweg und die kontinuierliche Modulation vor.

Bionote

Ulrich Meurer (www.ulrichmeurer.com) unterrichtet Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien und vertritt im laufenden Semester die Professur für Filmwissenschaft (O. Fahle) am IfM in Bochum. Seine Forschungsinteressen richten sich vor allem auf die Schnittpunkte von Filmästhetik und politischer Philosophie und auf die diskursiven wie ideologischen Implikationen von Film-, Technik- und Mediengeschichte. Vor diesem Hintergrund untersucht sein aktuelles Habilitationsprojekt die Reflexion und Produktion von Konzepten politischer Freundschaft in der US-amerikanischen (Bewegt‑)Bildkultur seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.        

Zu Ulrich Meurers Publikationen zählen unter anderem: Topographien. Raumkonstruktionen in Literatur und Film der Postmoderne (München: Fink 2007), Übersetzung und Film. Das Kino als Translationsmedium (als Herausgeber, Bielefeld: Transcript 2012) und zahlreiche Aufsätze zur Filmästhetik sowie Medienphilosophie und -archäologie.