Maren Haffke

Abstract

 Zu Friedrich Kittlers reizvollsten argumentativen Strategien gehört es, apollinische Ordnung und dionysische Entgrenzung gleichzeitig für Analysen in Anspruch zu nehmen, die höchste technische Präzision behaupten. Für die Fröhlichkeit der Medienarchäologie als Theorie zwischen Rausch und Regelanalyse bürgt in Kittlers Schriften seit den späten 1970er Jahren immer wieder die Musik. Sie wird zuletzt das zentrale Thema seines unvollendeten Spätwerks einer erotischen Seinsgeschichte von Homer bis Jimi Hendrix. Kittlers Liebe zum Sound privilegiert dabei ein analoges Konzept akustischer Medialität als Grenze sowohl der Literatur wie auch der digitalen Medien. Das Glücksversprechen der Musik ist direkter Kontakt mit einer Ordnung ohne Mangel, konstitutiv unerreichbar für Systeme endlicher Signalzustände. Seine charismatische Konzeption von Klang als ‚reales Rauschen‘ und Rest der Schrift – formuliert aus der Perspektive der Literaturwissenschaft – wird schon früh aufgenommen auch in kritischen Auseinandersetzungen mit der Musikwissenschaft. Sie ist bis heute eine wichtige und viel zitierte Theoriereferenz für die Sound Studies. Angesichts der starken diskursiven Produktivität eines emphatisch analogen Materialitätskonzepts als Zugang zu akustischen Medien stellt sich heute vermehrt die Frage nach dem medialen Status diskret-kombinatorisch operierender musikalischer Verfahren. Eine Untersuchung von Kittlers Zugriff auf die diskrete Klaviertastatur wird in diesem Vortrag als Weg begriffen, die Rolle der digital/analog-Unterscheidung und die Epistemologie der medienarchäologischen Methode in ihrer Rezeption musikwissenschaftlicher Fragestellungen selbst einer Analyse zu unterziehen. Dabei wird eine mögliche Geschichte digitaler musikalischer Strategien vorgeschlagen, die in den Prinzipien von Rhythmizität und Taktilität Potentiale für ein Digitalitätskonzept jenseits eines Schriftbegriffes entdeckt, der bei Kittler zugleich Einsatzpunkt einer auf die Semantik zielenden Hermeneutikkritik ist.

Kurzvita

Maren Haffke, Dr. des., 2004-2010 Studium der Musikwissenschaft, Medienwissenschaft und Psychologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. 2010 Abschluss des Studiums mit einer Magisterarbeit zum Thema Mannigfaltigkeit und Proportion. Musikalische Ordnungsverfahren zwischen Musik, Magie und Mathematik in der Renaissance. Seit 2012 Mitglied der Mercator Forschergruppe Spaces of Anthropological Knowledge der Ruhr-Universität Bochum mit einem Promotionsstipendium von 2012-2016, Dissertationsprojekt betreut von Prof. Dr. Anna Tuschling, Ruhr-Universität Bochum, Zweitbetreuung Prof. Dr. Rolf Großmann, Leuphana Universität Lüneburg. 4/2016-1/2017 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. 8/2016 Abgabe der Dissertation, 12/2016 Verteidigung der Dissertation zum Thema Die Frage der Tasteninstrumente. Musikalische Medien und der symbolische Mangel bei Friedrich Kittler und Wolfgang Scherer – Versuch einer Archäologie der Medienarchäologie. Seit 2/2017 Postdoc am GRK 1787 Das Dokumentarische mit einem Projekt zu Field Recordings.Ausgewählte Publikationen: (2015): „Was weiß Musik über Medien? Medienarchäologie, Akustik und musikalisches Wissen im Anschluss an Friedrich Kittler“. In: Schlüter, Bettina/Volmar, Axel (Hg.). Von akustischen Medien zur auditiven Kultur. Navigationen 2 (2015). Siegen 2015. (2013): „Spielt Charlie Parker in den Wind oder mit ihm? Bemerkungen zu Friedrich Kittlers Verständnis von Jazz und Literatur“. In: Balke, Friedrich/Siegert, Bernhard/Vogl, Joseph (Hg.). Mediengeschichte nach Kittler (Archiv für Mediengeschichte). München 2013.