Degeling – Dividuelle Praktiken

Abstract

Beim Surfen im Internet stellen Online Tracking-Dienste automatisiert Vermutungen darüber an, wo jemand wohnt, welchem (zumeist binären) Geschlecht diese Person zuordnet werden kann und vor allem wofür sich der*die Nutzer*in interessiert. Zwischen denen, die Werbeflächen zur Verfügung stellen und solchen, die Marketingkampagnen schalten wollen, agieren verschiedene Akteur*innen in einem komplexen Netzwerk, bei dem automatisiert erstellte Nutzer*innenprofile und Vorhersagen auf Basis des beobachteten Surfverhaltens eine zentrale Rolle spielen.

In meinen Vortrag möchte ich die Ergebnisse mehrerer Studien zum Online Profiling diskutieren, und mit den Debatten um Datenschutz in Beziehung setzen. Der Konflikt liegt in dem unterschiedlichen Verständnis von Privatheit, personenbezogenen Daten und den dividuellen Praktiken, die zum Einsatz kommen.

Anders als etwa bei Persönlichkeitsprofilen die über Plattformen wie Facebook erstellt werden, setzen die Online Tracking-Dienste auf ständige Anpassung und Aktualität. Dabei sind die möglichen Ergebnisse der Algorithmen stark an den Interessen der Werbeindustrie ausgerichtet, wie die genutzten „Taxonomien“ – Hierarchien der möglichen Attribute eines*r Nutzer*in – dokumentieren, die ebenfalls kontinuierlichen Anpassungen unterliegen. Dieses Vorgehen ist nicht nur von Nutzen für die online Werbetreibenden, die Werbung heute vor allem in Kampagnen organisieren und sich an den aktuellen Interessen oder tagesaktuellen Events orientieren, sondern kann auch im Sinne der Nutzer*innen instrumentalisiert werden, deren Profile eben nicht ein Abbild ihrer gesamten Persönlichkeit sein sollen, sondern sich auch leicht beeinflussen lassen.

Biographical Note

Martin Degeling ist seit 2018 Post-Doktorand und wissenschaftlicher Koordinator eines Graduiertenkollegs zum Thema “Human Centered Systems Security” am Horst-Görtz Institut für IT-Sicherheit der Ruhr-Universität Bochum. Nach seiner Promotion mit dem Titel “Online Profiling: Analyse und Intervention zum Schutz von Privatheit” (2016) an der Universität Duisburg-Essen war er zwei Jahre Post-Doktorand an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. Aktuell beschäftigt er sich mit den Auswirkungen der Datenschutzgrundverordnung auf Internetseiten.