Bulgakowa: Geschwindigkeit vs. Langsamkeit, Oberfläche vs. Tiefe

MedienDenken05

Abstract

Regisseure der Tauwetter-Ära schufen in den 1960er Jahren einen Repräsentationskanon, der die Filme jener Zeit auf charakteristische Weise auszeichnete und von Andrej Tarkowski erfolgreich ins Ausland exportiert
wurde. Dieser Kanon wurde in den 1980er Jahren korrigiert, und mit dem Untergang der Sowjetunion in den 1990ern zerbrach er. Die Kombination visueller und akustischer Zeichen in den Filmen aus jüngster Zeit (Andrej Swjaginzews Elena; Anna Melikjans Star, 2014; Roman Prygunows Духless, 2014 u.a.) stellt Körper, Verhaltensweisen und den Raum im Film völlig neu dar. Diese Umgestaltung (und Umwertung) hängt zusammen mit der Herausbildung einer neuen symbolischen Gemeinschaft auf der Basis einer neuen medialen Erfahrung, mit der sich dieser Vortrag auseinandersetzt.
Diese Veränderungen werden am Beispiel zweier Kriterien analysiert: die Schnittfrequenz (Geschwindigkeit),
die von einem neuen Umgang mit der Zeit zeugt, und die Oberflächenbeschaffenheit („faktura“).
Beide Phänomene haben eine lange Vorgeschichte in russischen und sowjetischen Diskussionen um Film,
sie führen vom Futurismus und Konstruktivismus bis hin zur neuen Phänomenologie und zu haptischem
körperlichen Sehen. Sie eröffnen auch den Weg, über Atmosphäre und Stimmungen in der russischen
Gesellschaft von heute zu sprechen.

 

Biographical Note

Oksana Bulgakowa, Professorin für Filmwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, studierte an der Moskauer Filmhochschule und promovierte an der Humboldt Universität. Sie hat mehrere Bücher über das russische und deutsche Kino verfasst und herausgegeben (Eisenstein. Eine Biographie, 1998/Engl. 2002; Fabrik der Gesten, 2005; Die SinnFabrik, 2015); bei Filmen Regie geführt, Ausstellungen kuratiert und Multimediaprojekte entwickelt (die Website The Visual Universe of Sergei Eisenstein, Daniel Langlois-Foundation; die DVD Factory of Gestures. On Body Language in Film).