VICTORIA: Making-of

von Gina Sucker und Anna Tsovyan

1. Allgemeines

Der Film VICTORIA ist ein in Deutschland produzierter One-Take-Film, was bedeutet, dass er aus einer einzigen 140-minütigen Kameraeinstellung besteht und keinen Schnitt enthält. Es wurde für den Dreh nur eine einzelne Kamera verwendet. Die gesamte Handlung spielt sich in den Berliner Stadtteilen Kreuzberg und Mitte zwischen 4:30 und 7:00 Uhr ab und wurde lediglich vom Kameramann Sturla Brandth Grøvlen gefilmt. Regie führte Sebastian Schipper, der gleichzeitig auch am Drehbuch mitgeschrieben und den Film koproduziert hat. Die beiden Hauptrollen spielen die gebürtige Spanierin Laia Costa und Frederick Lau. Franz Rogowski, Burak Yiğit, Max Mauff, André M. Hennicke spielen die Berliner Freunde von Frederick Laus Charakter Sonne

Da die Art der Kameraführung und gleichzeitig die Leistung der Schauspieler*innen eine besondere Vorbereitung und intensive Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und den Darsteller*innen bereits im Vorfeld des Drehs erfordern, soll dieser Aspekt des Making-ofs im Folgenden näher analysiert werden. Dabei stellt sich die Frage, wie es den Macher*innen des Films gelingt, im gemeinsamen kreativen Prozess einzelne Szenen und dadurch die ganze Geschichte bis hin zum One Shot-Experiment zu kreieren, und wie dieser kreative Akt im Making-of dargestellt wird.

Das Making-of zum Film wurde als Bonusmaterial auf der DVD veröffentlicht und enthält Interview-Sequenzen, Kameratests und Casting-Szenen. Dabei kommen sowohl der Regisseur als auch (Haupt-)Darsteller*innen zu Wort und äußern sich über den Entstehungsprozess des Films, sowie erste Begegnungen und die Idee des One Takes. Es wird hierbei oft das gegenseitige Vertrauen in die Idee von Sebastian Schipper geäußert: eine Vision, die sich allerdings erst allmählich im Laufe der Vorproduktion manifestierte. Das Making-of zeigt weniger Situationen der konkreten Dreharbeiten, sondern konzentriert sich auf den kreativen Schaffensprozess und die Ausarbeitung des Zusammenspiels der Darsteller*innen im Vorfeld. Das Making-of hat nicht den Anspruch, eine besonders große Produktion vorzustellen, sondern die Zuschauer*innen auf die intensive Vorbereitung für das Vorhaben eines One Take-Drehs aufmerksam zu machen, sowie Momente der Zusammenarbeit der Schauspieler*innen und des Regisseurs zu präsentieren.

2. Analyse

2.1 Absicht des Making-ofs

Das Making-of stellt in den Interviews Schippers verschiedene Diskurse gegenüber: auf der einen Seite die der Rezipient*innen und ihrer Reaktion auf den Film, auf der Anderen seine eigene Position und Stellungnahme. Allein durch die hier und im Audiokommentar ausführlich beantworteten Fragen hebt das Making-of den scheinbar breiten öffentlichen Diskurs und das Interesse am Werk hervor. Volker Wortmann spricht in Anlehnung an Niklas Luhmann davon, dass ein Film besonders über die Ausstattung mit Bonusmaterialien und ergänzenden Diskursen auf DVDs als Kunstwerk in Erscheinung trete. Je umfangreicher diese Ausstattung sei, desto bedeutsamer scheine der Film und desto eher sei er zum Bereich der Kunst zu rechnen (vgl. Wortmann 2010: 98-99). Während sich Wortmann selbst von diesem Kunstverständnis ironisch distanziert, nutzen es die Vertriebsfirma und Produzenten des Filmes VICTORIA zur Vermarktung. Durch die Darstellung eines starken Interesses an seinem Werk in der öffentlichen Debatte und die ausführliche Beschreibung der, laut Schipper, “bemerkenswerten Kameraführung” (diese sei auch mit einem Preis ausgezeichnet worden!), hebt er den künstlerischen Faktor und die Einzigartigkeit seines Filmes hervor. Durch die Dokumentation scheint er seinem Werk einen würdigen Platz in der Filmgeschichte und der Filmwirtschaft einräumen zu wollen. Er behauptet zwar, der Film hätte nicht den Dreh in nur einer Einstellung benötigt, jedoch lobt er sowohl Kameramann als auch Darsteller*innen dafür, dass sie es trotzdem ‘so gut hinbekommen hätten’ und das Endergebnis film- und kameratechnisch überzeugen würde.

Durch die Veröffentlichung des Making-ofs auf der DVD wirbt die Vertriebsfirma für den Kauf des Datenträgers. Aufgrund der starken medialen Beschäftigung mit dem Film in der Presse besteht ein großes Interesse an einer Erklärung des Gesehenen – deutlich wird dieses Interesse auch an der Vielzahl verschiedener Making-of Dokumentationen und Interviews auf YouTube und im sonstigen Internet. Vinzenz Hediger spricht in Bezug auf Making-of-Formate von einer “demokratisierten Initiation” und meint den Eintritt einzelner Personen in den Kreis derjenigen, die in die scheinbaren Geheimnisse der Produktion eingeweiht werden. Die Betrachter*innen würden durch das Sichten des Begleitmaterials ein persönliches Verhältnis zum Film aufbauen und dieses pflegen (vgl. Hediger 2005: 332). In ähnlicher Weise können die Interessierten im vorliegenden Fall Erkenntnisse über den Film VICTORIA erlangen und gegebenenfalls ein besonderes Verhältnis zum Film aufbauen.

2.2. Sebastian Schippers Vision und Vorplanung

Zunächst lässt sich sagen, dass Sebastian Schipper eine Art Freiheit oder auch Kreativität im Produktionsprozess suggeriert, welche lediglich auf seiner Idee eines “gut erzählten Films” basiert. Schippers Vision eines gewagten Films, welcher auf eine möglichst spektakuläre Weise entstehen sollte, äußert er selbst nur vage. Vieles überließ er scheinbar dem Zufall oder der Kooperation seiner Darsteller*innen, ihrem Zusammenspiel und Improvisationstalent. Es stellt sich also die Frage, wer nun eigentlich Urheber*in oder Autor*in dieses Films ist, und wer eigentlich maßgeblich ‘schafft’, also Teil am Schaffensprozess des filmischen Endproduktes hat (vgl. Vonderau 2013: 10).

Das Streben nach der Produktion eines “gut erzählten Films”, wie es Sebastian Schipper ausdrückt, ist verbunden mit der Imagination der späteren Zuschauer*innenreaktion und dem Erlebnis des Filmgeschehens, also der Rezeptionserfahrung des Publikums. Hierbei muss Schipper als Regisseur fortwährend aus dem Bereich der Produktion in dem Bereich der Rezeption wechseln – ein Spagat zwischen zwei eigentlich grundverschiedenen Erfahrungs- und Wissenssphären (vgl. ebd.: 17). Schließlich kann die Filmcrew nur den Versuch wagen, einen Film zu kreieren der den Anspruch hat, seine Protagonisten möglichst natürlich und realistisch – in einer Art Momentaufnahme an Ort und Stelle – darzustellen und dies auf den Ablauf und die Dynamik eines One-Take- Films zu übertragen. Da in einem One-Take-Film wie VICTORIA auch zwangsläufig Belanglosigkeiten und Nebensächlichkeiten gezeigt werden, ist die Aufrechterhaltung der Spannungskurve scheinbar eine besonders schwierige Aufgabe. Ob dies gelingen kann, ist auch im Making-of bis zuletzt unklar.

Interessant ist hierbei auch der “Fokus auf das Prozessuale, Vorläufige, Unfertige” (Göttel 2018: 42), was dem Film, der Produktion und auch dem Making-of innewohnt. Hierbei werden unfertige, bzw. nicht im Film enthaltene Szenen gezeigt, die den Zuschauer*innen das Zusammenspiel der Schauspieler in ihren Charakteren eröffnen. Diese Charakterstudien sind Teil des kreativen Prozesses, der sich zwischen dem Regisseur und den Schauspieler*innen, sowie den Schauspieler*innen untereinander, noch vor dem eigentlichen Dreh abspielt. Anders als bei großen Produktionen wird hier ein intimer und kreativ offener Raum suggeriert, welcher aber gezielt nur wenige Einblicke etwa in größere, systemische, makroökonomische Strukturen der Filmherstellung bietet (z.B. den Bereich der Filmförderung und -finanzierung), was sich in diesem Fall aber auch störend auf die Darstellung der (Vor)Produktion auswirken könnte (vgl. ebd.: 43).

2.3 Kamera

Das untersuchte Making-of fixiert sich stark auf die Leistung des Kameramanns Grøvlen. Dieser hätte, so Schipper, die gesamte 140-minütige Plansequenz über mit einer etwa 6kg schweren Handkamera im Anschlag verfolgt. Obwohl der Dreh für Grøvlen ein schwerer körperlicher Akt gewesen sein muss, hätte sich dieser kaum etwas anmerken lassen und bis zur letzten Minute mit höchster Konzentration und ästhetischer Genauigkeit gearbeitet. Aufgrund der besonderen Rolle des Kameramanns wäre dieser auch als erster im Abspann genannt worden, statt wie üblich der Produzent, Regisseur oder die wichtigsten Darsteller*innen des Films.

Grøvlen filmt die Szenen nah an den Darsteller*innen und begleitet diese ähnlich eines unsichtbaren sechsten Mitglieds der Gruppe. Die Zuschauer*innen nehmen so den Blick eines direkten Begleiters ein. Deutlich wird dies auch in der im Making-of enthaltenden Kameratest-Sequenz. Die Kamera begleitet zunächst den Darsteller Frederick Lau im Hotel, welcher schließlich von anderen Gruppenmitgliedern ergänzt wird. Die Kamera verfolgt die Handlung zumeist auf Kopf- bzw. Blickhöhe aus nächster Nähe. Wenn Lau auf die Kamera bzw. seinen unsichtbaren Begleiter Grøvlen zutritt, muss diese*r zurückweichen. Alternativ hätte Grøvlen nur einen Zoom zur Annäherung an das Geschehen nutzen können. 

 Durch die verwendete Art der Kameraführung – verstärkt durch das Wippen der Kamera mit den Schritten und Bewegung Grøvlens statt der Verwendung einer Kamerastabilisierung wie in Alexander Sukorows One-Take-Film RUSSIAN ARK (2002) – wirkt diese in einem hohen Maße körperlich und authentisch.

Im Making-of wird jedoch kein Bildmaterial geliefert, welches das Wirken des Kameramanns aus der Perspektive eines anderen Dokumentaristen einfängt. Es sind lediglich Aufnahmen aus der Kamera Grøvlens selbst vorhanden, die einem die Form der Kameraführung erkennen lassen. Auf YouTube existiert jedoch ein Videoclip eines Anwohners, welcher von seinem eigenen Fenster aus den frühmorgendlichen Dreh beobachtet. Hier wird deutlich, mit wie viel Körperlichkeit und zuweilen Akrobatik Grøvlen zu Werke geht. Er geht und rennt mit den Darsteller*innen mit und verstärkt so das Gefühl des Dabeiseins. Zu den Gründen des Mangels der Dokumentation lässt sich bloß spekulieren, benannt wird dieser Umstand nicht.

2.4 Drehorte und Timing

In den Interviews wird der Umstand angesprochen, dass durch die Einhaltung der einzelnen Aufnahme und dem Dreh in Echtzeit keine großen Distanzen durch zeitliche Sprünge überwunden werden können, sondern alle in der Aufnahme enthalten bleiben. Dieser Umstand habe das Filmteam zu präzisen Planungen der Lage und Verbindungswege zwischen den einzelnen Drehorten gezwungen. Für die finale Szene sei beispielsweise ein passendes Luxushotel ausgesucht worden, von dem ausgehend dann die weiteren Drehorte festgelegt worden seien. Da es aufgrund des auf einem Samstag liegenden Drehtags an einem Club mangelte, wurde laut Schipper ein Getränkelager dem Dreh entsprechend zu einem Club umgebaut. Nachdem geeignete Drehorte ausgesucht wurden, habe das Filmteam einen starren Zeitplan mit Festlegung der Dauer einzelner Handlungen konkretisiert. In der Szene des Bankraubs hätten Mitarbeiter*innen mit Stoppuhren beispielsweise den Darsteller*innen Anweisungen gegeben, wann sie die Bank verlassen sollten. Der Zuschauer sollte hierdurch einen realistischen zeitlichen Eindruck bekommen, denn in den vorherigen Proben wären die Darsteller*innen aufgrund der hohen Anspannung meist viel zu früh wieder aus der Bank gerannt, wodurch die Szene unnatürlich kurz gewesen wäre.

3. Fazit

Das Making-of zu VICTORIA dokumentiert den Schaffensprozess des Filmes und legt scheinbare Geheimnisse der Produktion offen. Zum einen stellt es die Vision des Regisseurs Sebastian Schipper dar. Zum anderen hätte dieser aber erst im angeblich ausgezeichneten Zusammenspiel mit Darsteller*innen und Filmcrew seine und die Idee aller Beteiligten umsetzen können. Das Making-of präsentiert die Filmproduktion also als kollaborativen Prozess. Der Film entspricht nicht einer im Vorfeld ausgearbeiteten Vision Schippers, sondern ist das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit von Regisseur, Kameramann und Darsteller*innen – sowohl im Vorfeld des Drehs, als auch in der Improvisation während der späteren Umsetzung. Die Dokumentation beschäftigt sich in großen Zügen mit den Problematiken, die sich durch den Dreh in einem Zug ergeben und welche überwunden worden seien. Gehören perfektes Timing und differenzierte Vorplanung zum Erfolg des Werkes, so vermittelt das Making-of auch die künstlerischen Elemente des Films, welche sich im Besonderen in der Kameraführung von Sturla Brandth Grøvlen ausdrücken. De Zuschauer*innen werden durch die Körperlichkeit der Kamera scheinbar selbst zu Begleitern der Figuren des Films. Das Making-of präsentiert den Film als gewagtes Experiment, welches hätte scheitern können, aber zumindest aus Sicht des Regisseurs im dritten Anlauf geglückt sei. Die Platzierung der Dokumentation im Bonusmaterial steigert das Interesse potentieller Käufer in den Kreis derjenigen eintreten zu können, welche die verborgenen Aspekte und Motive der Produktion erfahren.


4. Filmographie

RUSSIAN ARK (2002, Alexander Sukorov)

VICTORIA (D 2015, Sebastian Schipper)

VICTORIA: Making ofs (D 2015, o.A.)

“Victoria” shoot out scene, Kreuzberg, Berlin, seen from my window” (Paul Burn 2015, Youtube [letzter Aufruf: 10.05.2019]).

5. Bibliografie

Hediger, Vinzenz (2005): “Spaß an harter Arbeit. Der Making-of-Film”, in: Hediger, Vinzenz/Vonderau, Patrick (Hg.) Demnächst in Ihrem Kino. Grundlagen der Filmwerbung und Filmvermarktung. Marburg: Schüren, S. 332-341.

Göttel, Dennis (2018): “Das Making-of als Produktionsforschung”. In: González de Reufels, Delia et al. (Hg.): Film als Forschungsmethode. Produktion-Geschichte-Perspektiven. Berlin: Bertz + Fischer, S. 36-44.

Vonderau, Patrick (2013): “Theorie zur Produktion: ein Überblick”. In: montage AV 22 (1), S. 9–32.

Wortmann, Volker (2010): “DVD-Kultur und ‘Making of’. Beitrag zu einer Mediengeschichte des Autorenfilms”. In: Rabbit Eye – Zeitschrift für Filmforschung 1, S. 95-108.

6. Abbildungen

Abb. 1: “Victoria” shoot out scene, Kreuzberg, Berlin, seen from my window (Paul Burn 2015, Youtube [letzter Aufruf: 10.05.2019]).