TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER: Das Making-of

von Christian Maga, Kevin Luijer und Jessica Kugler

1. †Allgemeines

TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER ist eine deutsche Neuverfilmung der gleichnamigen ARD-Serie aus dem Jahr 2012. Regie führte Bora Dagtekin, der bereits das Drehbuch zu der Serie TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER schrieb. Angelehnt an die Originalhandlung der Serie erzählt die Neuverfilmung von der Begegnung einer türkischen und einer deutschen Familie, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Familie Schneider und Familie Öztürk befinden sich gerade in einem Flugzeug auf dem Weg zu ihrem Urlaubsziel Thailand, als dieses in Turbulenzen gerät. Dies führt dazu, dass sich die jungen Protagonist*innen Lena, Cem, Yagmur und Costa nach einer Notlandung auf einer vermeintlich verlassenen Insel wiederfinden, während ihre Eltern Doris und Metim sicher in einem Hotel in Thailand untergekommen sind.

Das Making-of der DVD beinhaltet Szenen aus dem Film sowie Interviews mit den Schauspielern, die über ihre Rollen, sowie ihre Erfahrungen am Set in Thailand berichten. Darüber hinaus entstand ein noch umfangreicheres Making-of in Kooperation mit dem Sender BR, – unter anderem durch Constantin Film auf Youtube veröffentlicht – das zusätzlich noch Parallelen zur gleichnamigen Serie zieht und einen Einblick in die Zusammenarbeit mit der thailändischen Crew gibt. Diese Version des Making-ofs unterscheidet sich von der DVD-Version insofern, dass sie expliziter auf den Regisseur und sein Filmdebüt, wie auch auf die Star-Interviews und die Zusammenarbeit mit der thailändischen Crew und die thailändische Kulisse eingeht.

TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER – das Making-of zeigt die Dreharbeiten einer deutschen Filmproduktion als Versuch, das Format Making-of als Werbeinstrument zu nutzen. Daher stellt sich die Frage, wie das Making-of des Spielfilms TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER Elemente des Mediums Werbespot und Werbefilm übernimmt, um sie mit der Dokumentation der Dreharbeiten in Thailand zu verbinden. Das Motiv der Patchworkfamilie, die Darstellung der Filmcrew und des Drehortes Thailand spielen hierfür eine besondere Rolle.

2. Analyse

Werden Making-ofs als Werbefilme verstanden, sind sie Teil des ‘paratextuellen’ Umfeldes eines Films. Paratexte sind Textelemente, die ein Begleitelement für einen Haupttext darstellen (vgl. Gray 2010: 88). Sie sind wichtig für die Haupterzählung, da sie als begleitendes Material eine bestimmte Rezeptionshaltung gegenüber einem Film (oder einem Medium) nahelegen. Jonathan Gray beschreibt zusätzlich die Online-Präsenz von Filmemacher*innen und Autor*innen als eine neue Form des Paratextes. Ihre Blogs und ihre Aktivitäten in sozialen Medien und auf Diskussionsplattformen sind ein Fan-Service, der einen offenen Dialog zwischen kreativen Schöpfer*innen und Leser*innen eröffnen kann (vgl. Gray 2010: 92ff).

Wird das Making-of auf diese Art und Weise betrachtet, ergibt sich ein durchaus interessantes Bild. Ein Paratext kann marketingstrategisch genutzt werden, um das eigene Produkt zu bewerben. Mit dem Wissen, dass es ‘noch mehr’ zu einem Film gibt – etwa Interviews und Behind-the-Scenes-Material – sollen Rezipient*innen neugierig und zum Kauf einer Fassung des Films mit dem entsprechenden Zusatzmaterial animiert werden. Der Paratext Making-of wird mit seinem begleitenden, bzw. zusätzlichen Material zum Film als Vertriebskanal genutzt. Insbesondere der Drehort Thailand stellt hier einen interessanten Mehrwert dar. Die einzelnen Locations werden im Making-of von TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER ausführlich gezeigt. Immer wieder beschreiben Interviewpartner, wie schön es am Strand, unter den Palmen und am Meer doch sei.

Indirekt wird neben dem Film und seinen Dreharbeiten auch Thailand als Ferienziel beworben. Ein Urlaub dort, wo der Film gedreht wurde, stellt dann in gewisser Weise auch eine Art Paratext dar. Die Fans, die als Touristen zu den Drehorten reisen, können die Aussagen im Making-of über die Location nachvollziehen und selbst erleben.

Während Making-ofs von Gray als Paratexte analysiert werden, diskutiert John Thorton Caldwell “Behind-the-Scenes”-Filme als eigenes Genre in der Film- und TV-Landschaft (vgl. Caldwell 2008: 283). Diese Filme übermitteln laut Caldwell ein neues Wissen über den jeweiligen Referenzfilm und vermarkten diesen auf vielfältige Weise. Caldwell versteht demgegenüber das “Making-of” als eigenständiges Genre. Es ist für ihn ebenfalls eine Darstellung von Filmdreharbeiten, nimmt aber einen dokumentarischen Charakter an. Die Entstehung eines bestimmten Films, einer Serie, einer Episode usw. wird von Anfang bis Ende nachvollzogen (vgl. ebd.: 287).

Wird das Making-of von TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER erneut betrachtet, so fällt auf, dass es eigentlich beide Genres bedient, die Caldwell zu unterscheiden versucht. Es werden überwiegend Interviews gezeigt, gelegentlich auch Szenen und wie diese gedreht wurden; aber gerade dadurch, sowie durch die Darstellung von Kameratechnik, nimmt das Making-of den Charakter eines Dokumentarfilms an. Auch Caldwell geht von einer engen Verbindung zwischen Making-of und Marketing aus; ebenso spricht er den Umstand an, dass die Behind-the-Scenes-Szenen in Making-ofs in der Regel gestellt und geplant sind (vgl. ebd.: 306f). Ob dies auch für Türkisch für Anfänger zutrifft, lässt sich letztlich nicht sicher sagen. Auffällig ist in jedem Fall die ‘lockere Atmosphäre’, die das Making-of vermittelt. Schauspieler*innen und Crew scheinen sich blendend zu verstehen, die harmonische Stimmung wird nicht von Streitigkeiten oder gar schwerwiegenderen Konflikten eingetrübt. Anhand des Making-ofs lässt sich fast schon eine Patchwork-Familie erkennen, die sich sichtlich wohl beieinander fühlt. Das Filmteam im Making-of hält wie eine Familie zusammen, wirkt wie eine echte Gemeinschaft und hat Spaß zusammen. Dieser Eindruck des Filmteams scheint eine explizite Strategie zu sein, den Inhalt des Films an seine Produktionsumstände rückzubinden. Ähnliche Rhetoriken sind typisch für Making-ofs insgesamt: Als “publicly disclosed deep texts” geben sie den Filmzuschauer*innen keine ungefilterten, neutralen Einblicke in Arbeitsabläufe der Filmindustrie, sondern werden laut Caldwell zu bevorzugten Orten, an denen die Filmindustrie Bilder, Vorstellungen und Ideen über ihr eigenes Tun entwickelt – ein Vorgang, den er als “Selbst-Theoretisierung” der Filmindustrie versteht (vgl. Caldwell 2009: 207f).

In ähnlicher Weise geht Vinzenz Hediger davon aus, dass ein Making-of durch die geplanten ‘Blicke hinter die Kulissen’ häufig als Imagefilm auftritt (vgl. Hediger 2005a: 56). Im Falle von TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER zählt zur Imagepflege auch, dass das Making-of in ausgedehnter Form bereits im Free-TV ausgestrahlt wurde, ehe eine gekürzte Version auf DVD zu sehen war. Die von Hediger hervorstechenden technischen Prozesse eines Making-ofs werden in TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER allerdings nicht groß thematisiert. Die DVD enthält lediglich einen einminütigen Einspieler, der grob zusammenfasst, an welchen Stellen des Films mit Effekten gearbeitet werden musste, aber es wird nicht preisgegeben, wie diese Effekte genau erzeugt wurden. Vielmehr dient das Making-of als Werbemittel, dass die Aufmerksamkeit verschiedener Zielgruppen auf sich lenken soll (vgl. Hediger 2005a: 57). Making-ofs werden dadurch von Produzenten und Verleihern als Gratiswerbung genutzt (vgl. Hediger 2005b: 332). Ähnliches gilt für Stars, die in Making-ofs als Interviewpartner*innen auftreten. So gelten die Hauptdarsteller*innen von TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER insofern als Werbung, als dass sie bereits durch die gleichnamige Serie an Beliebtheit und Bekanntheit gewonnen haben. Aus diesem Grund werden diese auch in den Interviews zu den Making-ofs gezielt genutzt. Interessanterweise betonen sie nicht, anders als in den von Hediger analysierten Making-ofs (vgl. ebd.: 334), wie anstrengend die Dreharbeiten gewesen seien. Im Gegenteil: Im Making-of zu TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER wird eher von Urlaub, als von Arbeit gesprochen.

Diese Distanzierung von einem ‘langweiligen’ Studiodreh kann wiederum als Werbestrategie, nämlich als Produktdifferenzierung betrachtet werden (hinzukommt, dass bereits die Kulisse Thailands an einen Werbefilm der Tourismusbranche erinnert). Weitere klassische Werbestrategien der Filmindustrie, die das Making-of aufgreift, sind etwa die Identifizierung von kleineren Zielgruppen innerhalb des Kinopublikums. Die Absicht ist es, das Publikum zu lokalisieren und anzusprechen, z.B. mit der Thematik der zum Schluss angedeuteten Patchwork-Familie, dem kulturellen Unterschied zwischen einer türkischen und einer deutschen Familie, sowie den vielfältigen Charakteren. Darüber hinaus werden sowohl die Fans der gleichnamigen Serie angesprochen, als auch, gerade aufgrund der Neuerzählung der Geschichte, jene Zuschauer*innen, die die Serie zuvor noch gar nicht gesehen haben. Zuletzt entspricht der Umstand, dass das Making-of in verschiedenen Fassungen im Fernsehen und auf DVD veröffentlicht wurde, der gezielten Streuung von Filmwerbung in unterschiedliche Kanäle. Auf diese Weise bringt das Making-of zu TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER klassische Strategien der Filmwerbung zusammen, die sich in mehreren Innovationsschüben im Laufe des 20. Jahrhunderts herausgebildet haben (vgl. Staiger 2005).

Unterschiede zwischen den verschiedenen Versionen des Making-ofs werden vor allem anhand der Interviews deutlich. Während in der DVD-Version des Making-ofs die Darsteller*innen zu den Protagonist*innen des Making-ofs zählen, spielt in dem Making-of des BR-Senders der Regisseur Bora Dagtekin eine große und wichtige Rolle. Grund dafür ist, dass er gleichzeitig der Drehbuchautor der gleichnamigen auf ARD ausgestrahlten Serie ist und mit dem Film sein Debüt als (Film-)Regisseur feiert. Anders als die Schauspieler*innen berichtet Dagtekin von Konflikten, mit denen er während der Produktion zu kämpfen hatte, wie beispielsweise die Witterungsverhältnisse und der zeitliche Druck. Doch auch in der Making-of-Fassung, die ihn stärker zu Wort kommen lässt, werden den Zuschauer*innen die Drehorte als potenzielle Urlaubsorte wärmstens empfohlen.

3. Fazit

Das Making-of zu TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER kann als dokumentarischer Paratext für den Film angesehen werden, der gleichzeitig wichtige Werbefunktionen übernimmt. Das Making-of bringt die Schauspieler*innen durch Interviews den Rezipient*innen näher und rückt zugleich Thailand als attraktives Urlaubsziel in den Fokus. Eine möglichst breite Zielgruppe soll angesprochen werden, indem verschiedene (und teilweise stereotypisierte) Figuren in dem Film auftreten, mit denen sich unterschiedliche Zuschauer*innengruppen identifizieren können. Obwohl das Thema Patchworkfamilie anders als in der Serie nicht das Hauptthema des Films ist, kommt es nicht zu kurz. Tendenziell wird es als Gemeinschaftsmodell auch auf die Zusammenarbeit der deutschen und der thailändischen Filmcrew übertragen. Thailand wird auf diese Weise sowohl als Drehort als auch als Urlaubsort vermarktet.


4. Filmographie

TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER (Deutschland 2012, Bora Dagtekin)

TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER – das Making-of (Deutschland 2012, Sonja Brummer)

Türkisch für Anfänger – Making of zum Film – Ab 15. März 2012 im Kino! BR KINO KINO (2012 Constantin Film, Youtube)

5. Bibliographie

Caldwell, John Thornton (2008): Production Culture. Industrial Reflexivity and Critical Practice in Film and Television. Durham/London: Duke University Press.

Caldwell, John Thornton (2009): “Cultures of Production”. In: Holt, Jennifer/ Perren, Alisa (Hg.): Media Industries – History, Theory, and Method. Chichester: Blackwell Publishing, S. 199-212.

Gray, Jonathan (2010): Show sold separately. New York/ London: New York University Press.

Hediger, Vinzenz (2005a): “Making movies is like making cars, only more fun”. In: Thomsen, Christian W./ Krewani, Angelika (Hg.): Hollywood – Recent Developments. Stuttgart/London: Axel Menges, S. 56-63.

Hediger, Vinzenz (2005b): “Spaß an harter Arbeit. Der Making-Of-Film”. In: Hediger, Vinzenz/ Vonderau, Patrick (Hg.): Demnächst in Ihrem Kino – Grundlagen der Filmwerbung und Filmvermarktung. Marburg: Schüren, S. 332-341.

Staiger, Janet (2005): “Waren anpreisen, Kunden gewinnen, Ideale verkünden. Nachdenken über Geschichte und Theorie der Filmwerbung”. In: Hediger, Vinzenz/ Vonderau, Patrick (Hg.): Demnächst in Ihrem Kino- Grundlagen der Filmwerbung und Filmvermarktung. Marburg: Schüren, S. 19-61.

6. Abbildungen

Abb. 1-2: Türkisch für Anfänger – Making of zum Film – Ab 15. März 2012 im Kino! BR KINO KINO (2012 Constantin Film, Youtube [letzter Aufruf: 15.05.2019])