WAG THE DOG: 12 Minuten ‚The Making-of’ Wag the Dog

Von: Tim Hendrik Müller, Alexander Best, Simon Masurkewitsch, Cristina Feuerstein

1. Allgemeines

Bei WAG THE DOG handelt es sich laut des DVD-Covers um eine „Komödie über Skandale, Intrigen und andere ‚Special-Effects‘“. Der Film zeigt, wie mit filmischen Mitteln und mit Hilfe des (fiktiven) Hollywoodproduzenten Stanley Motss (gespielt von Dustin Hoffman) ein Krieg inszeniert wird, der nie stattgefunden hat, um von einem Skandal des amtierenden US-Präsidenten, im Vorfeld seiner erhofften Wiederwahl, abzulenken.

Das Making-of des Films ist im Jahr 1997 auf der DVD des Herstellers Concorde Home Video in der Cine Collection erschienen. Das Making-of zu WAG THE DOG wird auf dem Cover der DVD als 12 Minuten „The Making-of” WAG THE DOG beworben. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine gewöhnliche Making-of-Dokumentation im herkömmlichen Sinne, sondern um eine Aneinanderreihung von Aufnahmen, die während der Dreharbeiten am Set entstanden sind. In der Hierarchie der DVD heißt der Titel, der sich relativ versteckt unter den Unterpunkten Hauptmenü – Cine Collection – Background befindet, auch treffend Am Set. In der PAL-Version der DVD dauert das Making-of 10 Minuten und 10 Sekunden (Die Ursachen, für die fast zweiminütige Diskrepanz zur beworbenen Zeit, bleiben unklar. Sie lässt sich mit PAL speed-up allein nicht begründen).

Der Film WAG THE DOG kann als Making-of einer Medienkampagne betrachtet werden. Es stellt sich also die Frage: Wie gestaltet man ein Making-of zu einem Making-of? Die Macher des Making-ofs, die nirgends explizit genannt werden, haben sich für den Einsatz einer anderen Ästhetik im Dokumentationsstil eines Direct Cinema entschieden. Dabei stellt sich unter anderem auch die Frage, ob und inwiefern das Making-of von WAG THE DOG überhaupt noch ein Making-of ist.

2. Analyse

Das Making-of besteht aus einer Reihe von Aufnahmen, die von einer Kamera außerhalb der Kameras, die für die Filmproduktion eingesetzt wurden, gemacht wurden. Insgesamt gibt es 15 Schnitte. Es sind keine Ausschnitte aus dem finalen Film zu sehen, es gibt auch keinen extradiegetischen Kommentar und keine extradiegetische Musik oder Töne. Ebenso fehlen übliche Interviews oder Fotos (Production Stills), wie sie in anderen Making-ofs Verwendung finden. Das Material zeigt hingegen den Monitor des Regisseurs (s. bspw. Abb. 1), Bilder der Kamerasucher, Besprechungen des Regisseurs mit den Darstellern, Reaktionen der Darsteller und des Regisseurs auf das gefilmte Material, während des gemeinsamen Ansehens, sowie den Vorgang der Aufnahmen aus einer anderen Perspektive (hinter oder über den Filmkameras des Sets). Alle Aufnahmen sind am Set entstanden.

Die Reihenfolge der Szenen folgt im Großen und Ganzen linear der Reihenfolge, wie sie im fertigen Film zu sehen sind. Es beginnt mit Set von Stanley Motss’ Anwesen. Zu sehen ist hier der Kontrollbildschirm des Regisseurs.

Abbildung 1: Abgefilmter Bildschirm (00:02:17)

Es folgt eine Außenaufnahme mit Kamerakran, eine Szene mit Anweisungen des Regisseurs an die Darsteller und eine gespielte Szene. Alle diese Szenen enden mit einem Schwenk auf den Regisseur. Die Hälfte des Making-ofs (00:02:12 bis 00:07:10) zeigt Aufnahmen in einem Bluescreenstudio. Auch hier werden Aufnahmesituationen gezeigt und Bildschirme abgefilmt. Darüber hinaus sieht man, wie sich Cast und Crew die Wiederholung einer Szene auf einem Bildschirm ansehen. Dabei äußert sich eine positive Stimmung durch Lachen und Scherze. Sie sprechen sich mit ihren realen Namen an. Es folgen zwei Szenen des diegetischen Tonstudios, in denen jeweils die Filmkamera zu sehen ist, und zwei Szenen, die die Aufnahmen an einem abgestürzten Flugzeug zeigen, wobei die erste aus der Vogelperspektive und die zweite aus einer Perspektive hinter den Filmkameras gefilmt ist.

Es wird deutlich, dass das Making-of zu WAG THE DOG eine andere Ästhetik einsetzt, als gängige Beispiele anderer Making-ofs. Nach Lipp (2012), der fünf Spielarten des Dokumentarischen anhand ihrer narrativen Strukturen unterscheidet, handelt es sich eher um Direct Cinema. Direct Cinema ist eine minimalistische Dokumentationsform, die versucht, unauffällig zu beobachten, ohne die mitgefilmten Vorgänge zu beeinflussen. Dabei wird weder mit Kommentaren noch mit Interviews, Sprechern oder Musik gearbeitet (ebd. 2012: 86ff). Nichols (2001: 109ff) fasst dies auch unter den Begriff observational documentary, da in diesem dokumentarischen Modus, Dinge beobachtet werden, wie sie geschehen und dabei

Kommentare oder gar ein Nachspielen des Geschehens vermieden werden. Abbildung 2 zeigt die Szene aus dem Film, die in einem Bluescreenstudio spielt. Man sieht hier hinter Dustin Hoffman weitere Schauspieler, die Produktionsassistenten darstellen. In der gesamten Sequenz laufen Schauspieler und Komparsen durch das Bild, die Kameraleute, Tonassistenten und andere Mitarbeiter eines Studios oder auch Darsteller selbst verkörpern.

Abbildung 2: Szene im Bluescreenstudio (00:30:50)

Das Making-of zeigt diese Szene aus einer anderen Perspektive. Hier wird deutlich, dass die Bilder stark kontextabhängig sind und sich verschiedene intra- und extradiegetische Ebenen ergeben. Man sieht im Making-of eine Aufnahme, welche die real aufnehmende Kamera und die realen Produktionsassistenten sowie ihre diegetischen Pendants zeigt. Eine solche Aufnahme hätte genauso gut im Film selbst zu sehen sein können. Hier sind aber nunmehr diegetische Produktionsassistenten im Vordergrund (s. Abb. 3) als auch extradiegetische (s. Abb. 4) im Hintergrund zu sehen.

Abbildung 3
Abbildung 4

Nun stellt sich die Frage, ob sich diese beobachtenden Aufnahmen wirklich von der Ästhetik eines gewöhnlichen Making-of unterscheiden. Man könnte argumentieren, dass das, was in dem Making-of zu WAG THE DOG zu sehen ist, nur das ist, was am Set geschehen ist und somit jedem anderen Making-of stark ähnelt. Dass Verwirrung auf Grund des Themas und Inhalts des Filmes entsteht, ist hierbei noch kein Argument für eine andere Ästhetik. Allerdings ist es gerade wegen des Themas des Films dennoch eine besondere Sichtweise, die das Making-of einnimmt: Im Prinzip berichtet es von der Entstehung eines Films, der selbst die Entstehung eines Films zeigt, und zwar mit Einstellungen, die formal kaum von den Making-of-Aufnahmen zu unterscheiden sind. Deshalb kommt dem realen Regisseur Barry Levinson eine besondere Rolle zu, weil er ein wesentliches Indiz dafür ist, dass wir nun das Making-of des Films sehen und nicht den Film selbst. Bei jedem anderen Making-of ist es selbstverständlich, den Regisseur zu sehen, welcher natürlich am Set tätig ist. Bei einigen ist er gar die zentrale Person der Dokumentation (vgl. Hediger 2005: 340). Bei WAG THE DOG allerdings erweitert sich dies durch die Besonderheit, dass die Aufnahmen des realen Regisseurs erst den entscheidenden Unterschied zwischen Film und Making-of ausmacht.

Eine weitere Besonderheit des Making-ofs von WAG THE DOG sind die konstanten Wechsel zwischen diegetischen Ebenen. Der Film, der im Spielfilm WAG THE DOG produziert wird, wäre hier als intradiegetische Ebene zu bezeichnen, der Film WAG THE DOG selbst als ‚normale‘ diegetische Ebene und das Making-of als dritte, nun extradiegetische Ebene. Es werden die Kamerasucher abgefilmt, von denen langsam hinaus gezoomt wird. Dies ist der Übergang von der zweiten zur dritten, extradiegetischen Ebene. Weiteren Indizien, die den Zuschauern des Making-ofs bei der Einordnung der jeweiligen Einstellung helfen, sind die echten Namen der Beteiligten, die im Making-of immer wieder hervorgehoben werden. Diese Maßnahmen sollen dem Zuschauenden eine Unterscheidung zwischen Making-of und Film erleichtern, allerdings wird das Problem einer drohenden Ununterscheidbarkeit der Szenen, durch die Machart des Making-ofs auch erst hervorgerufen. Dadurch, dass eben nicht von Sequenz eins an eine klare Grenze zwischen Making-of und dem Film selbst gezogen wird, soll der Zuschauer sich Mühe geben, herauszufinden, was nun Teil des Making-ofs ist und welche Einstellungen eventuell Szenen des Films darstellen könnten. Er muss, wie oben gezeigt, das Gesehene kontextualisieren. Gerade dieser Stil, welcher das Making-of von wag the dog konstant verfolgt, gibt ihm einen besonderen Wert.

Nach Odin (2012) programmiert das Making-of eine dokumentarische Lektüre durch ebendiese Ästhetik auf der Ebene des Bildes durch „abrupte Zooms, brutale Schnitte“ (ebd. 2012: 269) und weitere Stilmittel. Viele Making-ofs versuchen – nicht zuletzt aus Marketinggründen (vgl. Wortmann 2008: 48) – wie eine „extended narrative of the film itself“ (Hight 2005: 5), die narrative Struktur des betreffenden Filmes zu spiegeln. Zwar ist hier die Vorlage keine Direct-Cinema-Dokumentation, dennoch versucht WAG THE DOG mit erzählerischen Mitteln eine Art fiktionalisierte Dokumentation von Umständen und Ereignissen rund um eine filmische Produktion zu sein.

Es lässt sich unbestreitbar sagen, dass in dem Making-of von Wag the Dog eine andere dokumentarische Ästhetik verwendet wird. Diese Ästhetik ist nicht typisch für den Hersteller, denn zuvor im selben Jahr brachte derselbe Hersteller, der die DVD zu WAG THE DOG veröffentlichte, die erste Pal-DVD auf den Markt: Terry Gilliams Twelve Monkeys. Diese enthält ein eineinhalbstündiges Making-of mit dem Titel The Hamster Factor and other Tales of Twelve Monkeys (vgl. Wortmann 2010: 98). Hierbei handelt es sich um eine eigenständige Dokumentation im Stil einer Documentary (Lipp 2012: 73ff) mit Behind-the-Scenes-Aufnahmen, Filmausschnitten und Interviews.

Die andere Ästhetik, die das Making-of von WAG THE DOG anwendet, um eine dritte, extradiegetische Ebene zu erschaffen, ist relevant und wichtig für die filmische Kategorie des Making-ofs. Dennoch wird man auch diesem Making-of kaum unterstellen können, die direkte, ungeschönte Wahrheit der Produktionsumstände zu zeigen (vgl. Klinger 2006: 73), da alleine die Auswahl der aufgenommenen Situationen und der gezeigten Szenen eine klare inszenatorische Entscheidung sind.

3. Fazit

Laut einer Definition von Andreas Rauscher haben Making-ofs „die vielfältigsten Stilformen, vom gesammelten Werbematerial bis hin zu präzise[n] beobachtenden Dokumentationen“ (Rauscher 2007: 412). Ähnlich weit gefasste Definitionen lassen sich auch an anderer Stelle finden (vgl. Wortmann 2010: 99; Arthur 2004: 39). Somit ist das Making-of von WAG THE DOG für seine Zeit eine ungewöhnliche Methode ein Making-of zu erstellen, aber es ist ein Making-of ohne Frage. Wenn es auch kein Making-of ist, welches große Geheimnisse lüftet oder etwas zum Film beiträgt, ihn möglicherweise sogar weiter verklärt und mystifiziert, so liefert es dennoch einen großen Anteil für die filmhistorische Kultur und insbesondere für das Genre – sofern man es so nennen kann – des Making-of-Films. Denn bei einem Großteil anderer Making-ofs ist eine Spiegelung der Narration des Filmes zu erkennen. Im Fall des Making-ofs von WAG THE DOG hätte dies bedeutet, dass man einem Produzenten dabei hätte zuschauen können, wie ein Film produziert wird und welche Tücken und Rückschläge, wie sie auch in der Filmvorlage ein Gros der Spannung ausmachen, dabei gemeistert werden müssen (Interessanterweise gibt es solche Parallelen dann doch an anderer Stelle im Bonusmaterial: In den Produktionsnotizen – einem über den Bildschirm laufendem Fließtext -wird stark darauf fokussiert, wie effizient in Sachen Ressourcen und Zeit produziert wurde. Die gezeigte Arbeit im Film war ebenfalls schnell und effektiv).

Die Wahl der Ästhetik und der Form als Direct-Cinema-Dokumentation ist hier eine Strategie, dem Making-of eine gewisse Authentizität zu verleihen, da nichts erzählt oder gestellt wird, sondern nur gezeigt wird ¸was wirklich gewesen ist‘. Inwieweit nun diese Authentizität inszeniert ist, kann in Hinblick auf Fischer-Lichte (2000: 20ff), nach der eine Inszenierung besonders dann wirkt, wenn sie nicht wahrgenommen wird, allerdings nicht abschließend geklärt werden.

4. Filmographie

THE HAMSTER FACTOR AND OTHER TALES OF TWELVE MONKEYS (USA 1997, Keith Fulton/Louis Pepe).

TWELVE MONKEYS (USA 1997, Terry Gilliam).

WAG THE DOG (USA 1997, Barry Levinson).

5. Bibliographie

Arthur, Paul (2004): (In)dispensable cinema. confessions of a ’making-of’ addict. In: Film Comment, Jg. 40, Nr. 4, 38–42.

Fischer-Lichte, Erika (2000): Theatralität und Inszenierung. In: Dies.: Inszenierung von Authentizität. Hrsg. von Erika Fischer-Lichte. Tübingen [u.a.]: Francke, 9–28.

Hediger, Vinzenz (2005): Spaß an harter Arbeit. Der Making of-Film. In: Hediger, Vinzenz/Vonderau, Patrick (Hg.): Demnächst in Ihrem Kino: Grundlagen der Filmwerbung und Filmvermarktung. Marburg: Schüren, 332–341.

Hight, Craig (2005): Making-of Documentaries on DVD. The Lord of the Rings Trilogy and Special Editions. In: The Velvet Light Trap Nr. 56, 4–17.

Klinger, Barbara (2006): Beyond the Multiplex. Cinema, New Technologies, and the Home. Berkeley/London/Los Angeles: University of California Press, 54–90.

Lipp, Thorolf (2012): Spielarten des Dokumentarischen. Einführung in Geschichte und Theorie des nonfiktionalen Films. Marburg: Schüren.

Nichols, Bill (2001): Introduction to documentary. Bloomington/Indianapolis: Indiana University Press, 99–138.

Odin, Roger (2012): Dokumentarischer Film – dokumentarische Lektüren. In: Hohenberger, Eva (Hg.): Bilder des Wirklichen: Texte zur Theorie des Dokumentarfilms. Berlin: Vorwerk 8, 259–275.

Rauscher, Andreas (2007): Making-of. In: Koebner, Thomas (Hg.): Reclams Sachlexikon des Films. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Reclam, 411–414.

Wortmann, Volker (2008): special extended. das Filmteam als kreativer Kollektiv-Körper im „making of“. In: Kurzenberger, Hajo/Ortheil, Hanns-Josef/Rebstock, Matthias (Hg.): Kollektive in den Künsten. Hildesheim/New York, Zürich: Olms,39–60.

Wortmann, Volker (2010): DVD-Kultur und „Making of“. Beitrag zu einer Mediengeschichte des Autorenfilms. In: Rabbit Eye – Zeitschrift für Filmforschung, Jg. 1,95–108.