THE GREAT DICTATOR: Chaplin heute

von Moritz Hilger und Alexander Schweers

1. Allgemeines

Im Making of CHAPLIN HEUTE – DER GROßE DIKTATOR von Serge Toubiana geht es um Charlie Chaplins Film DER GROßE DIKTATOR, welcher am 05.10.1940 in den Vereinigten Staaten uraufgeführt wurde. Das dazugehörige Making-of erschien im Jahr 2003 und wurde in Kooperation von France 5 und MK2TV produziert. Der Arthaus Filmvertrieb nahm das Making-of im Jahr 2010 in das Bonusmaterial zum Film auf und veröffentlichte eine spezielle DVD-Edition.

Der griechisch-französische Filmregisseur Constantin Costa-Gavras nimmt die zentrale Rolle im Making of ein, indem er dabei gezeigt wird, wie er den Film schaut und analysiert. Interessant bei der Wahl des Interviewpartners ist dabei die Tatsache, dass dieser erst rund sieben Jahre vor Erscheinen des Films geboren wurde. Costa-Gavras kann damit schon biographisch kein direkter Zeuge der Dreharbeiten gewesen sein, die außerdem nicht, wie moderne Produktionen, mit behind-the-scenes-Aufnahmen filmisch dokumentiert wurden. Damit stellt sich die Frage, welche Strategie dieses Making-of verwendet, um die Entstehung des Hauptfilms dennoch ohne klassisches Hintergrundmaterial oder Augenzeugenberichte von Cast und Crew zu dokumentieren. Die Hypothese lautet, dass das Making-of durch archivarische Materialien und rhetorische Ausschmückungen ein Format erschafft, das den Filmzuschauer*innen eine dezidiert cinephile Rezeptionsweise des Films DER GROßE DIKTATOR anbietet.

2. Analyse

Häufig findet die Produktion eines Making-ofs parallel zur Entstehung des eigentlichen Films statt. Das behandelte Making-of zum Film DER GROßE DIKTATOR (USA 1940, Charles Chaplin) stellt eher eine Ausnahme dar. Während der Film in den 30er Jahren produziert wurde, erschien das Making-of erst im Jahre 2003. Zum Zeitpunkt der Uraufführung des Films war Costa-Gavras, der zentrale Akteur des Making-ofs, noch ein Kind.

Somit erscheint es im ersten Moment wenig sinnvoll, das Making-of mit einer Person zu drehen, welche nicht am Set dabei war. Costa-Gavras kompensiert das Fehlen eines solchen Hintergrundwissens mit einer Redeweise, die am ehesten als “cinephiler Diskurs” (vgl. Hagener 2016) zu bezeichnen wäre. Der französische Filmregisseur beschreibt und deutet gezeigte Szenen aus dem Hauptfilm detailliert. Dabei bezieht er sich nicht auf die Dreharbeiten im Allgemeinen, sondern vielmehr auf innerfilmische Qualitäten wie Kamerabewegungen und Bildkompositionen sowie auf spezifische Handlungen des Regisseurs. Costa-Gavras gerät hier regelrecht ins Staunen, wobei man nicht einschätzen kann, aus welchen Informationen er seine Einschätzungen eigentlich bezieht. Laut Barbara Klinger zeichnet einen modernen Cinephilen unter anderem aus, dass er durch das Erlangen bestimmter Hintergrundinfos zum “Insider” wird (vgl. Klinger 2006: 69). In diesem Fall ist es allerdings so, dass Costa-Gavras seine Erkenntnisse primär aus dem Sichten des Filmmaterials zu erlangen scheint, welches den gewöhnlichen Rezipient*innen ebenfalls zugänglich ist. Seine Kompetenz als Insider bezieht er folglich eher aus seinem geschulten Umgang mit dem Material, die er seiner kulturellen Bildung als Filmemacher und Cineast verdankt.

Während im obigen Absatz vom Regisseur Constantin Costa-Gavras die Rede war, welcher aus nachvollziehbaren Gründen kein Augenzeuge der Produktion gewesen sein kann, beinhaltet das Making-of zusätzlich private Bild- und Videoaufnahmen von Charlies älterem Bruder Sydney. Hierbei handelt es sich um amateurhafte Aufnahmen, die mutmaßlich nicht für eine kommerzielle Auswertung bestimmt waren. Da der Film in schwarz-weiß gedreht wurde, liefern die Farbaufnahmen von Sydney Chaplin diverse Details, die dem Kinogänger von 1940 verborgen blieben. Beispielsweise wird auf einigen Bildern gezeigt, dass die Soldaten der Miliz in roten Hosen gekleidet waren. Nicht nur solche gezielten Details, sondern auch das generelle Einbeziehen dieser Aufnahmen in das Making-of stellen für die Zuschauer*innen eine Neuheit dar. Derartige “Trivia”-Informationen (vgl. ebd.: 73-74) sind zwar weder für den Inhalt des Hauptfilms von großer Bedeutung, noch sagen sie etwas über Beweggründe oder Sichtweisen des Regisseurs aus. Dennoch sind sie insofern von Bedeutung, als dass sie einen Einblick in die Dreharbeiten bieten, die schon aus sich heraus, als historische Ereignisse und Umstände, für Filmzuschauer*innen von Interesse sein können. Mit Sydney Chaplins Aufnahmen können heutige Zuschauer*innen näherungsweise nachvollziehen, wie es damals am Set während der Dreharbeiten ausgesehen hat.

Bei den Aufnahmen handelt es also um Material, das unabhängig vom damaligen Filmstudio, dem Regisseur oder sonstigen Beteiligten entstanden ist. Toubiana und Costa-Gavras können das Material lediglich arrangieren und durch einen voice-over kommentieren. Einige entscheidende Geschehnisse vor, während und nach den Dreharbeiten und historische Hintergründe, auch zur Person Chaplins, werden dem Publikum vorgestellt und direkt beim Schauen entsprechend eingeordnet. Untermalt wird das Ganze mit einigen Pressestimmen und Zeitungsausschnitten aus der damaligen Zeit, die zusätzlich von einem unbekannten Voice-over-Sprecher entsprechend kommentiert werden. Die Zuschauer*innen erhalten dadurch einen Einblick in die Sichtweise des Regisseurs: Wie und warum produzierte Charlie Chaplin den Film? Was waren seine Beweggründe? Und auf welche Probleme oder Hindernisse stieß er? Alles das sind Fragen, die in dem Making-of eine Rolle spielen. So wird etwa auch erklärt, Chaplin hätte zum ersten Mal überhaupt ein Drehbuch für einen Film geschrieben, und dass man ihn erstmalig in einem seiner Filme reden hören konnte.

Bill Nichols zufolge handelt es sich bei dieser Art von Dokumentarfilm um eine “teilnehmende” Dokumentation, in welcher eine Person interviewt wird und mit den Zuschauer*innen interagiert. Zudem benutzt diese Person archivierte Dokumente oder Filme, um einen Bezug zur Geschichte darzustellen (vgl. Nichols 2010: 43). Bei dieser Form der Dokumentation muss der handelnden Personen quasi blind vertraut werden, da ihre Meinung von zuschauenden Laien nur schwer widerlegt werden kann. Das Auftreten der Interviewten kann deshalb teilweise aufdringlich wirken, was so im Making-of tatsächlich mehrfach deutlich wird. So betitelt Costa-Gavras Chaplin fortlaufend als Visionär, der Hitler durchschaut habe, obwohl er zum Zeitpunkt des Schreibens des Drehbuchs einige historische Geschehnisse und Abläufe der damaligen Zeit nicht hätte kennen können. Dass Chaplin etwa das Konzentrationslager im Film fast schon ein wenig zu komödiantisch dargestellt hat, ignoriert Costa-Gavras gekonnt. Er stützt sich lediglich auf die Dinge, die er persönlich für wichtig empfindet. Dies lässt ihn zeitweise nicht sonderlich objektiv wirken.

3. Fazit

Das Making-of ist in vielerlei Hinsicht von typischen Making-ofs der Blockbuster-Generation abzugrenzen. Wie herausgearbeitet wurde, stecken keine unmittelbar kommerziellen Interessen hinter Serge Toubianas Film. So integrierte er beispielsweise Sydney Chaplins amateurhafte Aufnahmen, die zu den spektakulären Aufbereitungen von heutigem Behind-the-Scenes-Material in scharfem Kontrast stehen. Glaubt man Vinzenz Hedinger, dienten Making-ofs schon zu Zeiten Chaplins dazu, dass leicht verruchte Image Hollywoods aufzupolieren und der Gesellschaft zu zeigen, dass hinter einer Filmproduktion zwar Spaß, aber durchaus auch harte Arbeit steckt (vgl. Hediger 2005, 335). Sydney und Charlie Chaplin haben dokumentarische Aufnahmen des Filmdrehs also eher zu privaten Zwecken genutzt.

Serge Toubiana versucht mit seinem Making-of, die Entstehungsgeschichte eines historisch bedeutsamen Films aus mehreren Blickwinkeln zu dokumentieren. Er zeigt den Zuschauer*innen, dass hinter einem parodistischen Film eine Ernsthaftigkeit und Akribie steckt, die man in der Form vor Sichtung seines Making-ofs nur erahnen konnte. Somit erscheint es im Nachhinein auch gar nicht mehr sonderbar, dass mit Costa-Gavras ein Interviewpartner gewählt wurde, der über Abläufe zu den Dreharbeiten oder über konkrete Beweggründe Chaplins keinerlei Informationen hatte. Als cinephiler Zuschauer gibt er eine bestimmte Rezeptionsweise vor und bietet sich als Stellvertreter für die übrigen Zuschauer*innen des Filmklassikers an. Gegen Ende des Making-ofs wird Costa-Gavras plötzlich aus der Ich-Perspektive gezeigt, wie er in seinem Sessel sitzt und eine Schlüsselszene des Films sieht. Während dieser Szene spielt der von Chaplin verkörperte Diktator Hynkel mit einer Weltkugel. Costa-Gavras erklärt das Gezeigte mit großen Worten und Gesten. Durch dieses stilistische Mittel verschmilzt er mit dem Rezipient*innen.

Es wird verdeutlicht, dass Costa-Gavras letztlich keine anderen Möglichkeiten hat, den Film zu bewerten und einzuordnen, als die Zuschauer*innen selbst. Auch er kann nur den Film schauen, in Bibliotheken oder dem Internet nach Hintergründen recherchieren und über Geschehnisse während der Dreharbeiten spekulieren. Dieser Umstand unterstreicht einmal mehr Nichols‘ Standpunkt, wonach bei dieser Art der Dokumentation ein gewisses Maß an Vertrauen in die handelnden Personen unabdingbar ist. Ob man dieses Vertrauen erbringen möchte, liegt bei einem selbst. Durch Costa-Gavras Wissen als erfahrener Regisseur, in Kombination mit seinen ausgeprägten rhetorischen Mitteln, wirkt er allerdings in der Tat geeigneter als andere, um als kundiger Stellvertreter des Publikums in den Film und seine Entstehungshintergründe einzuführen. So könnte man sagen, dass Costa-Gavras in diesem Making-of, besonders hinsichtlich eines cinephilen Diskurses, die Rolle eines Experten einnimmt.


4. Filmographie

CHAPLIN TODAY – THE GREAT DICTATOR (FR 2003, Serge Toubiana)

THE GREAT DICTATOR (USA 1940, Charles Chaplin)

5. Bibliographie

Hagener, Malte (2016): “Cinephilia and Film Culture in the Age of Digital Networks”. In: Hagener, Malte/Hediger, Vinzenz/Strohmaier, Alena (Hg.): The State of Post-Cinema. Tracing the Moving Image in the Age of Digital Dissemination. Marburg. S. 181-194.

Hediger, Vinzenz (2005): “Spaß an harter Arbeit. Der Making-of-Film”. In: Hediger, Vinzent/Vonderau, Patrick (Hg.): Demnächst in Ihrem Kino. Grundlagen der Filmwerbung und Filmvermarktung. Marburg: Schüren, S. 332-341.

Klinger, Barbara (2006): Beyond the Multiplex. Cinema, New Technologies, and the Home.  Berkeley/London/Los Angeles: University of California Press.

Nichols, Bill (2010): Introduction to Documentary. Bloomington/Indianapolis: Indiana University Press.

6. Abbildungen

Abb. 1-2: CHAPLIN TODAY – THE GREAT DICTATOR (FR 2003, Serge Toubiana)