PATRIOTS DAY: Researching the Day

von Lorien Kayleigh Göner, Jana Lotter und Vera Schütze

1. Allgemeines

Patriots’ Day ist der Name eines Feiertags, der im US-amerikanischen Bundesstaat Massachusetts am dritten Montag im April stattfindet. Zu den Feierlichkeiten gehört auch der Boston Marathon. Dieser findet auch am 15. April 2013 statt, als in Boston kurz hintereinander zwei Bomben in der Nähe der Ziellinie explodieren. Drei Menschen sterben durch die Explosionen, viele weitere werden verletzt. Damit beginnt die Suche nach den Verantwortlichen für diesen Anschlag, in die auch das FBI involviert ist (vgl. Morrison/O‘Leary 2015). Dieser Anschlag sowie die Ereignisse der folgenden Tage und Wochen werden im Film PATRIOT’S DAY/BOSTON verarbeitet. Das Augenmerk des Spielfilms liegt auf der Fahndung nach den Verantwortlichen und dem Einsatz von Polizei und FBI.

Auf der DVD zum Film PATRIOTS DAY/BOSTON wird dem Zuschauenden viel zusätzliches Bonusmaterial in Form von Videos verschiedener Längen zur Verfügung gestellt. Neben Videos wie Die realen Vorbilder: John Goodman & Ed Davis, der Dokumentation: Boston Strong, Die Helden vor Ort, einem erweiterten Ende und einem Trailer zum Film findet man dort auch das Video Researching the Day – Der Dreh. Viele der Videos weisen einen äußerst spezifischen Fokus auf einzelne Schritte oder Aspekte der Produktion oder des Films auf. So auch die beiden Videos Die realen Vorbilder, in welchen die Schauspieler*innen des Films zusammen mit ihren realen Vorbildern der Filmfiguren interviewt werden, oder Die Schauspieler erinnern sich, in welchem die Darsteller*innen von PATRIOTS DAY ihre persönlichen Erinnerungen an die realen Ereignisse des Marathon-Anschlags teilen, auf denen der Film basiert. Im Gegensatz dazu zeigt das Video Researching the Day – Der Dreh den produktionstechnischen Vorgang und den Dreh am Filmset von PATRIOTS DAY/BOSTON. Diese thematisch großflächige Abdeckung im Making-of-Video ist der Grund für seine Auswahl. Unsere leitende Analysefrage lautet: Inwiefern trägt die Darstellung des Regisseurs Peter Berg zu der Suggerierung von Realitätsnähe in Researching the Day – Der Dreh bei? Laut unserer Hypothese wird in dem Making-of der Film PATRIOTS DAY von den Produktionsmitgliedern und der Filmcrew als realistischer, beinahe dokumentarischer Film dargestellt. Durch das hohe Lob, welches Peter Berg immer wieder erfährt, soll zusätzlich versichert werden, dass dieser nur die besten Absichten für die Produktion und den Dreh dieses Films hatte.

2. Analyse

Researching the Day – Der Dreh stellt eine emotional stark aufgeladene Atmosphäre zu den Ereignissen des 15. Aprils her. Dies geschieht unter anderem durch farbliche Anspielungen auf die amerikanische Flagge bei der Titeleinblendung in den ersten Sekunden des Videos, sowie bei den Interviews mit verschiedenen Crew-Mitgliedern. So inszeniert das Making-of-Video amerikanischen Patriotismus und verbindet ihn mit einer subjektiven Darstellung der Ereignisse und des Filmdrehs.

Diese Subjektivität wird auch hergestellt, indem zu Beginn des Making-ofs reale Aufnahmen vom Boston-Marathon gezeigt werden (Researching the Day – Der Dreh, 00:01-00:24) und dazu der Kommentar von Regisseur Peter Berg asynchron eingespielt wird. Berg erklärt in diesem Voiceover: “There’s so much joy at the finish line of a marathon and to see these innocent people attacked in this joyful environment was a big part of why I and […] Mark Wahlberg wanted to tell the story” (00:17-00:28). Diese persönliche Beziehung, die Berg durch seine Geschichte herstellt, tut genau das, was nach Nichols den “performativen Dokumentarfilm” auszeichnet. Nichols erläutert, dass “recent performative documentaries try to give representation to a social subjectivity that joins the general to the particular, the individual to the collective, and the political to the personal. The expressive dimension may be anchored to particular individuals, but it extends to embrace a social, or shared, form of subjective response” (Nichols 2001: 133).

Indem Berg zu Beginn die Situation eines Marathons mit emotionalen Ausdrücken umreißt und schließlich sein eigenes, inneres Bedürfnis, die Ereignisse zu verfilmen, erläutert, subjektiviert er die emotionale sowie politische Sicht auf diesen Anschlag. Berg zeigt sich als ein Repräsentant der amerikanischen Bürger. Er verurteilt den Anschlag und spürt eine aufrichtige Leidenschaft, einen realistischen Film darüber zu drehen. Dies geschieht ebenfalls mit dem Filmprojekt PATRIOTS DAY, welchem durch die Emotionalität eine Legitimation verliehen wird.

Neben dem performativen Modus erinnert das Making-of in Nichols Terminologie auch an den expositorischen Modus, obwohl der Referenzfilm PATRIOTS DAY eigentlich kein Dokumentarfilm ist. Hier ist jedoch anzumerken, dass das Making-of diesen Eindruck wiederholt nahelegt. Wie Nichols (ebd.: 105) erklärt, werden die Zuschauer*innen mehrfach durch interviewte Personen direkt adressiert. Das ständige Voiceover hilft zudem, die gezeigten Ausschnitte von Dreharbeiten oder Film besser verständlich zu machen: “We take our cue from the commentary and understand the images as evidence or demonstration for what is said. […] The expository mode emphasizes the impression of objectivity and well supported argument. The Voiceover commentary seems literally ‘above’ the fray; it has the capacity to judge actions in the historical world without being caught up in them” (ebd.: 107).

Das dokumentarisch auftretende Making-of legt damit den Eindruck nahe, auch der Referenzfilm PATRIOTS DAY sei in gewisser Weise dokumentarisch, da er die Geschehnisse um den Anschlag auf den Boston Marathon thematisiert. Diese Kategorisierung ist aber mit Vorsicht zu genießen, schließlich gibt es laut Odin durchaus „Dokumentarfilme, die ‘dokumentarischer’ sind als andere” (Odin 2012: 270). Auch wenn das Making-of durch seine Einblicke versucht, den Film als sehr realitätsnah zu vermarkten, wirkt diese Strategie irgendwann etwas übertrieben. Aussagen werden ständig wiederholt; vor allem Peter Bergs Fähigkeiten als Regisseur werden exzessiv hervorgehoben. Andreas Rauscher erklärt dazu, dass “der kalkulierte Blick hinter die Kulissen […] der Traumfabrik eine willkommene Gelegenheit zur Imagepflege [liefert]” (Rauscher 2007: 412). Durch das Making-of können sich Film und Produktion vorteilhaft inszenieren und zeigen, warum und mit welchen Arbeitsabläufen der Film gedreht wurde. Dabei sollen der Film und die Crew so authentisch wie möglich dargestellt werden. Entsprechend schreibt Paul Arthur: “[e]ven when ramped up to feature-length semiautonomous stature, what they [= Making-ofs] tell us about the world is filtered through a secondary reality of movie production” (Arthur 2004: 42).

Zu diesem Zeitpunkt klingt bereits der Versuch des Making-ofs an, Peter Berg nicht als einen exzentrischen Hollywood-Künstler aussehen zu lassen, sondern ihm einen menschlichen und glaubwürdigen Charakter zuzuschreiben. So legt Researching the Day – Der Dreh gerade nicht “den Akzent […] auf Elemente der Autorenschaft, die zu einem eher kunsttheoretischen Verständnis des Konzepts gehören, wie etwa die künstlerische Vision” (Hediger 2005: 339), sondern spielt diese Vision herunter, um Berg als interessierten Normalbürger erscheinen zu lassen. Besonders deutlich wird dies, wenn Mitglieder der Filmcrew und des Schauspieler*innen-Ensembles über Berg reden. Chris Whitcomb, der beim Dreh von PATRIOTS DAY als technischer Berater des FBI fungierte, berichtet: “I’ve known [Peter] for 25 years. Pete’s gotten to know me over the time I worked as an FBI agent […]. Pete used to come and spend a lot of time with us. He’s got quite an interest in it” (01:19-01:32). Während Whitcombs Interview werden abwechselnd der Sprecher sowie Bilder des Drehs gezeigt, auf denen Peter Berg seinen Tätigkeiten als Regisseur nachgeht. Whitcombs Aussage wird durch die Kombination von Voiceover und gezeigten Bildern verstärkt. Die Schilderung von Peter Berg als nahbaren Freund anstatt als visionäre Künstlerfigur wird hervorgehoben in der Szene, in der der Regisseur seiner Crew Anweisungen erteilt (01:24-01:27). Darin sitzt er zwar auf einer Erhöhung, was seine Autorität suggeriert, doch seine Körperhaltung zeigt Entspannung und Umgänglichkeit, unterstrichen durch einen legeren Kapuzenpullover, den er am Set trägt. Des Weiteren verstärkt Whitcomb den Eindruck, den das Making-of zu Beginn von Peter Berg herstellen wollte: Peter sei einer der Betroffenen und genauso stark involviert wie die Bostoner. Der FBI-Berater erklärt: “Pete knows these people. He was with me within the FBI hostage rescue team 20 years ago, completely involved. He knows this community very, very well. And I think he’s one of these people” (01:34-01:45).

Weitere Crewmitglieder verweisen auf Peter Bergs Leidenschaft und Hingabe. Produzent Hutch Parker berichtet: “Pete was almost religious in his dedication of getting it right” (00:50-00:56). Auch Scott Stuber, ebenfalls Produzent, erwähnt: “The great thing about Pete is that he’s curious. He approaches every movie with a sense of curiosity. He asks a thousand questions. […] One can really see his passion. You can see him figuring out what he needs to do to tell this story” (01:02-01:16). Während des ersten Parts dieses Interviews zeigt das Video noch Stuber, doch dann schwenkt es um und zeigt Peter Berg, wie schon bei Whitcombs Schilderungen, am Filmset, während Stubers Stimme weiterhin aus dem Off erklingt. Die von Stuber angesprochene Leidenschaft Bergs wird durch Bilder hervorgehoben, auf denen dieser gestikulierend und scheinbar nachdenklich am Set zu sehen ist (01:10-01:16). Später erwähnt Stuber außerdem: “[Peter Berg] loves to research these movies so they don’t just happen by chance” (02:34-02:37). Damit spielt Stuber auch auf die bisherigen Filme des Regisseurs an, welche ebenfalls auf realen Ereignissen basieren. Peter Berg “really wants to tell the right story. He really wants to be authentic and he really wants to get it right when it comes to real life people” (Scott Stuber, 03:02-03:08).

Damit geht Researching the Day – Der Dreh auf den angeblichen Realitätsanspruch des Films PATRIOTS DAY ein. Peter Bergs Engagement bilden einen Teil dieses Realitätsanspruchs, doch auch der Film als Ganzes soll legitimiert werden. So werden die Recherchearbeiten fürs Drehbuch von Joshua Zetumer, dem Ko-Drehbuchautoren, als “really intense and really fast paced and incredibly emotional” (03:10-03:14) bezeichnet. Auch Mark Wahlberg, Co-Produzent und Hauptdarsteller des Films, berichtet über die Dreharbeiten: “we’re not going to move on until we get it right” (09:14-09:15). Diese Aussage korreliert mit Aufnahmen, in denen Peter Perg mit einem Crewmitglied über den korrekten Standort eines Fahrzeugs diskutiert (09:15-09:29). Solche Details sollen nicht nur die Hingabe und Detailgenauigkeit der Filmcrew verdeutlichen, sondern auch Bergs kollaborativen Regiestil betonen. Bereitwillig akzeptiert er den Ratschlag des Crewmitglieds, obwohl es möglicherweise seiner Vorstellung widerspricht.

3. Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Researching the Day – Der Dreh Realitätsnähe durch starke Emotionalität und Subjektivität herzustellen versucht. Dies geschieht vor allem durch die Darstellung der realen Ereignisse von Regisseur Peter Berg, dessen angeblich aufrichtige Leidenschaft und Engagement ihn vom üblichen Hollywood-Künstler abhebt. Das Making-of stellt ihn nicht als Exzentriker dar, sondern als einen Freund und realitätsnahen Autoren. Peter Berg steht stets im Fokus und ist somit fester Bestandteil der Erläuterungen der Filmcrew, wenn es darum geht die Frage zu klären, warum der Film derart realistisch und authentisch sei – wenn man den Aussagen des Produktions-Teams Glauben schenkt. Das angestrebte dokumentarische Flair im Making-of ist nicht zu übersehen, jedoch wird durch ständige Wiederholung und dem Bezug zu Peter Berg als Regisseur der behauptete dokumentarische Rahmen des Filmes PATRIOTS DAY zu sehr ausgereizt. Der Film selbst hat viele typische Blockbuster-Elemente. Wenn der Anspruch darin lag, dass ‚wahre Ereignis‘ durch einen formal und narrativ ‚authentischen‘ Film nachzuvollziehen, kann PATRIOTS DAY kaum als (rein) dokumentarischer Film angesehen werden. Zum Wohle der Spannung der Action wurden konventionelle Dramatisierungen und Darstellungen eines Hollywoodfilms eingesetzt (und nicht zuletzt bekannte Schauspieler*innen verpflichtet, um reale Akteur*innen im Umfeld der Anschläge zu verkörpern).

Es bleibt zu hinterfragen, in welcher Hinsicht es berechtigt ist, Peter Berg als strahlenden Stern am Regisseur-Himmel alleinig für die Realitätsnähe zu loben und inwiefern er für die guten Absichten hinter dem Film steht. Ob dem Making-of weitere Absichten zu entnehmen sind, könnte man in einem anderen Kontext zu gegebener Zeit weiter nachvollziehen und analysieren. Somit bleiben auch die Fragen offen, inwiefern die Vermarktung des Filmes in dem Making-of Researching the Day – Der Dreh eine Rolle gespielt hat und wie die teils sehr subjektiven Aussagen der im Making-of interviewten Filmcrew zu bewerten sind.


4. Filmographie

Patriots Day (USA 2017, Peter Berg)

Researching the Day – Der Dreh (USA 2017, o.A.)

5. Bibliographie

Arthur, Paul (2004): “(In)Dispensable Cinema: Confessions of a ‘Making-of’ Addict”. In: Film Comment 40 (4), S. 39–42.

Hediger, Vinzenz (2005): “Spaß an harter Arbeit. Der Making-of Film”. In: Hediger, Vinzenz/Vonderau, Patrick (Hg.): Demnächst in Ihrem Kino. Grundlagen der Filmwerbung und Filmvermarktung. Marburg: Schüren, S. 332–341.

Morrison, Sarah/O’Leary, Ellen (2015): “Timeline of Boston Marathon Bombing Events”. Boston Globe.

Nichols, Bill (2001): Introduction to Documentary. Bloomington: Indiana University Press

Odin, Roger (2012): “Dokumentarischer Film – dokumentarische Lektüren”. In: Hohenberger, Eva (Hg.): Bilder des Wirklichen. Texte zur Theorie des Dokumentarfilms. Berlin: Vorwerk, S. 259–275.

Rauscher, Andreas (2007): “Making-of”. In: Koebner, Thomas (Hg.): Reclams Sachlexikon des Films. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Reclam. S. 411–414.

6. Abbildungen

Abb. 1-2: Researching the Day – Der Dreh (USA 2017, o.A.).