MAD MAX: FURY ROAD: Behind the Scenes

von Kim Brünger, Florian Kutscher und Melina Wilde

1. Allgemeines

MAD MAX: FURY ROAD von Regisseur George Miller ist der vierte Teil der MAD-MAX-Filmreihe und erschien Mai 2015 in den Kinos. Noch im selben Jahr wurden auch die DVD und Blu-Ray mit exklusiven Making-ofs veröffentlicht. Dazu zählen der hier untersuchter Titel Behind the Scenes, aber auch die Extras Cars, Max and Furiosa, Tools of the Wasteland und The five wives.

Der Kurzfilm Behind the scenes von MAD MAX: FURY ROAD lässt die Zuschauer*innen einen Blick hinter die Kulisse werfen. Er spezialisiert sich auf die Dreharbeiten der Stunts und die Örtlichkeiten, an denen gefilmt wurde. Das Augenmerk dieses Making-ofs liegt auf den Vorbereitungen und Umsetzungen der Stuntszenen, um die ‘Authentizität’ der gedrehten Action-Szenen wie beispielsweise Stunts, Explosionen und Kollisionen zu vermitteln. Dieses Vorgehen könnte ebenso eine Kritik des Regisseurs von neuzeitigen Computereffekten darstellen. Die Art der Darstellung und detaillierte Erklärung der Entstehung solcher Stuntszenen sollen den Eindruck des Gesamtwerks verstärken und die ‘Echtheit’ des Films und seine Entstehung in den Fokus stellen. Des Weiteren scheint eben diese Echtheit und die damit einhergehende transparente Darstellung dazu zu führen, dass ein möglicher ‘Entzauberungseffekt‘ hier nicht nur umgangen, sondern gänzlich aufgehoben und ins Gegenteilige verkehrt wird.

2. ANALYSE

Das Making-of zu MAD MAX: FURY ROAD verdeutlicht zunächst, dass es sich bei den gezeigten Szenen um tatsächliche Stunt-Szenen ohne CGI Effekte handelt. Dies wird sowohl durch Vorher-Nachher-Montagen als auch durch Erwähnungen in den Interviewszenen dargestellt. Die meisten Kollisionen von Autos werden ebenso wie die Explosionen als ‚echt‘ dargestellt, sodass sie höchstens noch mit einem Minimum an CGI aufgebessert bzw. ergänzt und/oder das entsprechende Bildmaterial für den ästhetischen Gesamteindruck des Films farbkorrigiert wurde musste.  Die zusätzlichen Aufnahmen mit der Handkamera suggerieren zusätzliche Nähe. Die gesamte Darstellung sorgt also für Transparenz, welche durch die Schilderung der Stuntszenen der Schauspieler*innen, des Regisseurs und der Stuntmen noch verstärkt wirkt. Laut Matthias Christen kann diese Art der Darstellung des Making-ofs als eine dokumentarische Aufarbeitung angesehen werden: “Die Dokumentation setzt mit der fertigen Filmszene ein, um dann, einer analytischen Dramaturgie folgend, zum herkömmlichen, nicht computergenerierten und noch unbearbeiteten Ausgangsmaterial zurückzukehren. Es ist durch die eingeblendete Zählung der Frames und die absichtlich niedrig gehaltene Bildqualität deutlich als vorläufige und ursprüngliche nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Rohform markiert” (Christen 2011: 97). Gegen diese dokumentarische Aufarbeitungsform spricht die szeneninterne Dramaturgie, bei welcher künstliche Spannungsbögen erzeugt werden, die für das Endresultat keine elementare Bedeutung haben. So wird in einer Szene die Möglichkeit suggeriert, ein Stuntman könnte sich bei den Dreharbeiten ernsthaft verletzt haben, obwohl während des Schnitts des Making-ofs bereits feststand, dass dies nicht der Fall war. Somit dient die vorliegende Dramaturgie der Verdeutlichung der Schwierigkeit der Arbeitsumstände am Set und des hohen Risikos, welches die Crewmitglieder für die Produktion auf sich nehmen.

Innerhalb des Making-ofs werden vermehrt die schwierigen Umstände der Produktion angesprochen, welche sowohl durch Drehort als auch durch die Tatsache, dass sich der Film fast ausschließlich in fahrenden Vehikeln abspielt und nur wenige Szenen statisch sind, verursacht werden. Dies wird wiederholt von Cast und Crew im Making-of thematisiert. All dies dient als Zeichen harter Arbeit. Dadurch “wird die Making-of Dokumentation […] zum Industriefilm: zum Imagefilm” (Hediger 2005: 336). Eigenschaften des Making-ofs als Imagefilm sind laut Hediger großes Engagement aller Beteiligten und vor allem die Darstellung einer tayloristischen Arbeitsteilung am Set. Die Filmindustrie als solche erscheint als gut funktionierende, durchorganisierte Einheit – eine Darstellungsform, die laut Hediger ursprünglich aus anderen Industriezweigen übernommen wurde, um der skandalgebeutelten Filmindustrie in den 1920er Jahren mehr Seriösität zu verleihen (vgl. Hediger 2005: 335-336). Diese konventionellen Charakteristika des Making-ofs treffen auch auf das hier untersuchte Beispiel zu. Die Einblicke in die Produktionsabläufe der Stuntszenen dienen dazu, Respekt für das Können, den Mut und den Aufwand der Beteiligten zu erzeugen (vgl. Christen 2011, S.98). “Die Frage, ob sich kreative Prozesse überhaupt filmisch abbilden lassen” (Wortmann, 2008: 49) wird durch das Making-of dabei vor allem über Interviewausschnitte und das Zeigen von Rohmaterial zu lösen versucht. Wenn Storyboard-Ausschnitte und Berichte über Drehbedingungen gezeigt werden, wird eine ganzheitliche, objektiv anmutende Arbeitsweise suggeriert.

Im Folgenden soll aufgeschlüsselt werden, wie das Making-of dem teils umstrittenen Akt der Entzauberung entgegenwirkt und diesen teilweise umkehrt. Nichole Jean Evans zeigt in ihrem Aufsatz Undoing the Magic?, dass die Magic, sprich der Zauber/die Magie, in den 1970ern Jahren ein diskursives Attribut der Filmindustrie war, welche besonders spektakulären, nicht zu erklärenden Szenen zugeschrieben wurde. In damaligen Making-ofs wurden entsprechende Szenen weiterhin als Geheimnis behandelt, um die magische Affizierung der Szene nicht zu untergraben (vgl. Evans 2010: 588). Filmstudios in den 70er und 80er Jahren hatten die Befürchtung, dass Szenen, welche stark von Spezialeffekten Gebrauch machten, ihren ,Zauber‘ verlieren würden, sobald im Making-of die Entstehung dieser aufgeklärt wird (vgl. ebd.). Die Sorge war primär, dass beeindruckende Szenen an Wirkung verlieren, sobald eine weniger imposante Rohfassung zu sehen ist und die Entstehung für die Zuschauer*innen damit einsehbar wird (beispielsweise Aufnahmen vor einem Green Screen). Dadurch wird das dargestellte Material für die Zuschauer*innen zwar transparenter, verliert jedoch an Faszination, da die Differenz zwischen Rohfassung und fertigem Film sehr groß ist.

Die Argumentation beruht auf eben dieser Disparität, die im Making-of von MAD MAX: FURY ROAD nicht vorhanden ist, sondern durch die Forcierung der Echtheit von Effekten umgekehrt wird. Der Inhalt des Making-ofs gleicht also nahezu dem Inhalt des tatsächlichen Films. Die ,Entzauberung‘ kann hier nicht greifen, da es keine Aufschlüsselungen von ,magischen‘ Momenten gibt, die durch beispielsweise CGI oder Greenscreens erzeugt werden. Man könnte daher behaupten, dass dieser Effekt nicht nur umgangen, sondern gänzlich aufgehoben und ins Gegenteilige verschoben wird.

Evans bemerkt zu der Unterscheidung zwischen Making-of und Filmszenen: “However, to argue that the lines between the feature film and its extras have shifted is not to say that no lines exist” (Evans 2010: 593). Im Falle von MAD MAX: FURY ROAD lässt sich zwischen einigen Szenen nur schwer differenzieren, da das zu sehende Rohmaterial teilweise eins zu eins den im Film zu sehenden Bildern entspricht. An anderen Stellen wiederum unterscheidet sich das Making-of vom Hauptfilm deutlich in seiner Struktur, da die gezeigten Stunt-Szenen immer wieder durch Interviewsequenzen unterbrochen und kontextualisiert werden.

Die Beilegung des Making-ofs zur Blu-Ray läuft primäre Marketing-Effekten zuwider, da es zu keiner Veröffentlichung vor dem Kinostart kam. Der Effekt der Vermarktung generiert sich durch eine Wertsteigerung der Blu-Ray, welche sich auf zusätzlichen Content zurückführen lässt. Jener Effekt wird von Volker Wortmann aufgegriffen, der sowohl den Mehrwert des Bonusmaterials im Hinblick auf cineastische Diskurse kommentiert als auch mit Bezug auf die gesamte Schauzeit, welche die DVD oder Blu-Ray mitsamt Bonusmaterial liefert. Denn: “DVD-Editionen [ermöglichen] diverse Zugänge zum Werk und reichern den jeweiligen Referenzfilm mit multiplen Diskursschichten an” (Wortmann 2010: 98). Gerade der bereits aufgezeigte Realismus- und CGI-Diskurs wird durch das Making-of in den Vordergrund gestellt und gewinnt nicht zuletzt wegen des Bonusmaterials an Relevanz. Diese Relevanz bezieht sich sowohl auf MAD MAX: FURY ROAD selbst, als auch auf die Filmlandschaft als Ganzes, da eine Hervorhebung des Themas sich auch auf die generellen Diskurse auswirken kann. Das Aufgreifen der etablierten CGI- und Authentizitäts-Diskurse führt über das Making-of hinaus zu einer Verdichtung der angesprochenen Thematik, da das Making-of auch als Vorgabe für einen beispielhaften Diskurs über Film im Allgemeinen gesehen werden kann (ebd.: 99). Diese Übernahme der Diskurse führt zu einer Möglichkeit von Produzent und Regisseur, den Fokus bei einer Analyse des Werks in die von ihnen gewünschte Richtung zu leiten.

3. FAZIT

Die gewählte Darstellung des Making-ofs verdeutlicht, dass der Fokus tatsächlich auf eine dokumentarische Aufarbeitung der gedrehten Stuntszenen liegt, um die Echtheit des Films zu verstärken und seine Entstehung in den Vordergrund zu rücken. Dokumentarisch wirkt das Making-of insofern, als dass viele der gezeigten Stuntszenen in ihrem gesamten Aufbau beschrieben und erklärt werden, was eben zu einer transparenten Einsicht führt. Dies wird durch die Tatsache unterstützt, dass das Making-of nur auf der DVD/Blu-Ray Fassung enthalten ist, also kein direktes Werbematerial für die Kinofassung war. Neben dem Ziel, den Zuschauer*innen eine authentische Einsicht zu gewähren, führt die Aufschlüsselung der Szenen dazu, dass kein Effekt einer ‘Entzauberung’ eintritt. Dies liegt daran, dass die Differenz zwischen Rohmaterial der Actionszenen und dem fertigen Film gering gehalten wird. Der Inhalt des Making-ofs gleicht in seinen dargestellten und vorgeführten Szenen denen im Film, da größtenteils auf CGI-Effekte verzichtet wird und Stunts laut Interview-Aussagen nach Möglichkeit ‘praktisch’ umgesetzt wurden. Der Verzicht auf Spezialeffekte lässt darauf schließen, dass der Regisseur George Miller diesen Effekten eher kritisch gegenübersteht. Mindestens wird Echtheit hier erfolgreich auf verschiedenen Ebenen suggeriert, da den Zuschauer*innen Ebenen einer nachträglichen Postproduktion bewusst vorenthalten werden. Die bisher forcierte Authentizität setzt sich auch in den Interviewszenen weiter fort, da vermehrt auf die Schwierigkeit des Unterfangens und dessen Umsetzung eingegangen wird. Das Erwähnen der aufgetretenen Probleme in den Interviews und der Lösung dieser nimmt einen unterstützenden Part ein, um hervorzuheben, dass die Darstellung des Making-ofs transparent wirken soll.


4. Filmographie

Behind the Scenes (USA 2015, Cory Watson)

MAD MAX: FURY ROAD (USA/AUS 2015, George Miller)

5. Bibliographie

Christen, Matthias (2011): “Das bewegliche Archiv. DVD-Editionen als Schnittstelle von Filmwissenschaft, Philologie und Marketingstrategien”. In: Fahle, Oliver/Hediger, Vinzenz/Sommer, Gudrun (Hg.): Orte filmischen Wissens. Filmkultur und Filmvermittlung im Zeitalter digitaler Netzwerke. Marburg: Schüren, S. 93–108.

Evans, Nicole Jean (2010): “Undoing the magic? DVD extras and the pleasure behind the scenes”. In: Continuum: Journal of Media & Cultural Studies, Vol. 24, Nr. 4, S.587-600.

Hediger, Vinzenz (2005): “Spaß an harter Arbeit. Der Making-of-Film”. In: Vinzenz Hediger/Patrick Vonderau (Hg.): Demnächst in ihrem Kino. Grundlagen der Filmwerbung und Filmvermarktung. Marburg: Schüren, S. 332-341.

Wortmann, Volker (2008): “special extended: Das Filmteam als kreativer Kollektiv-Körper”. In: Kurzenberger, Hajo/Ortheil, Hanns-Josef/Rebstock, Matthias (Hg.): Kollektive in den Künsten. Hildesheim/New York/Zürich: Olms, S. 39-60.

Wortmann, Volker (2010): “DVD-Kultur und’Making of’. Beitrag zu einer Mediengeschichte des Autorenfilms”. In: Rabbit Eye – Zeitschrift für Filmforschung 1, S. 95-108.

6. Abbildungen

Abb. 1-2: Behind the scenes: Mad Max: Fury Road (Pierre-Olivier POTIER 2015, Youtube, [letzter Aufruf: 17.05.2019]).