JODOROWSKY’S DUNE

1. Allgemeines

JODORWOSKY’S DUNE, ein Making-of-Film von Frank Pavich, verhandelt das Scheitern der DUNE-Filmproduktion des chilenischen Regisseurs Alejandro Jodorowsky. Das Making-of wurde bei den Filmfestspielen von Cannes im Mai 2013 uraufgeführt. Seit 2014 steht der Film als DVD, Blu-ray und Video on Demand für den Heimkinomarkt zur Verfügung. Basierend auf Interviews mit Jodorowsky und anderen Beteiligten wird der Verlauf der Pre-Produktion nachgezeichnet und mit persönlichen Sichtweisen sowie Spekulationen über den Film (sofern er verwirklicht worden wäre), kontextualisiert. Wie zu zeigen sein wird, nimmt das Making-of dabei eine Neubewertung des unvollendeten Werkes vor.

2. Analyse

Trotz zahlreicher Widrigkeiten und dem letztendlichen Scheitern des DUNE-Filmprojekts sind die Beteiligten und vor allem Jodorowsky geprägt von einer positiven, mitunter enthusiastischen Grundstimmung. Für diesen scheinbaren Widerspruch liefert Paul Arthur in (In)dispensible cinema: confessions of a making-of addict eine mögliche Erklärung: “underground auteurs flourish amid seemingly ironclad restrictions […]” (Arthur 2004: 39). Jodorowsky nutzt die Interviewsituationen bewusst zur Selbstdarstellung. Zwar hebt er die Leistungen der an dem Filmprojekt DUNE beteiligten Künstler immer wieder hervor – doch dienen sie vor allem dazu, seine eigene Visionen umzusetzen. Indem sich Jodorowsky einerseits von Frank Herbert und dessen Roman als Vorlage für eine filmische Adaption abgrenzt und sich andererseits als wegweisender Anführer stilisiert, entspricht er recht genau Paul Arthurs Charakterisierung des Regisseurs als Subjekt von Making-ofs: “Predictably, directors receive the lion’s share of praise, and […] they are willing co-conspirators in an updated myth of auteurism” (ebd.: 40).

Die Mission der Hauptfiguren in Jodorowskys DUNE-Drehbuch ist es, die Gesellschaft durch eine radikal neue Form des zwischenmenschlichen Austausches zu transformieren. Eben dieser Mission geht auch Jodorowsky nach eigene Aussage selbst nach. Die Etablierung dieses Anspruches findet bereits in den ersten Minuten des Making-ofs statt, als Jodorowsky im Interview sagt: “For me it was not [important] to make a picture. I wanted something deeper. I wanted to make something sacred, free [and] with new perspectives [to] open the mind” (TC 00:03:55-00:04:12). Die scheinbare Aussichtslosigkeit eines solchen Unterfangens wird zum narrativen Konflikt des DUNEMaking-ofs. Jodorowskys Bemühen, die Ideale seines Films Jahre nach dessen de facto Scheitern noch zu verbreiten, dient als Spannungskurve. Auf diese Weise gelingt es dem Makig-of, sich einer Taktik zu bedienen, die auf den ersten Blick eines konkret vorhandenen filmischen Werks bedarf, zu dem ein Bezug hergestellt wird: “A recurring tactic is to seize on an integral trope for the filmmaking process that mirrors the typology of the original narrative” (Arthur 2004: 41).

Jodorowskys radikale Erwartungen an das Filmprojekt DUNE treffen jedoch nicht nur auf die praktischen Hürden des marktwirtschaftlich orientierten Hollywoodsystems, sondern auch auf mit ihnen tendenziell widerstreitende Erwartungen des Publikums. So beteiligen sich Zuschauer*innen des Making-ofs zwar gerne an den Gedankengängen Jodorowskys – deren anekdotische Qualitäten einen offensichtlichen Unterhaltungswert darstellen – doch die transformativen politischen Wirkungen, die von Jodorowsky erhofft werden, bleiben aus. Die Bereitschaft der Zuschauer*innen, sich Jodorowskys Sichtweisen anzuschließen, bleibt weit hinter jener zurück, die Jodorowsky im Verlauf des Making-ofs in den Mitwirkenden des Projekts ausmacht. Eine Faszination für DUNE speist sich nicht so sehr aus den geradezu transzendentalen Qualitäten des Stoffes, eher aus einem generellen Interesse für das Status des Films als abgebrochenes, nie realisiertes Projekt. Das Making-of setzt ein solches Interesse an unfertigen, nie veröffentlichten Filmprojekten in gewisser Weise voraus. Gleichzeitig aber wird das Faszinosum des abgebrochenen Filmprojektes dadurch weiter befeuert, dass es – so argumentiert es das Making-of – sichtbare Spuren in anderen, späteren Filmen hinterlassen. Diese Faszination lässt sich als besondere Spielart von Cinephilie verstehen. Im Falle von DUNE zielt sie nicht so sehr auf das apparativen Eigenschaften des Spielortes Kino ab, wie es Malte Hagener (2016: 181) in einem historischen Überblick ausführt. Fluchtpunkt dieser Cinephilie sind vielmehr die unausgeschöpften Möglichkeiten des Mediums Film, auf all die berühmten Projekte, die nie fertiggestellt wurden, und die die historische Entwicklung des Films möglicherweise in eine andere Richtung gelenkt hätten.

Auf Jodorowskys Erzählungen folgen Interviewsequenzen mit anderen Beteiligten, die seine Aussagen einerseits bestätigen, andererseits – etwa im Falle seines Sohnes – in ein neues Licht rücken. Neben der Auseinandersetzung mit Jodorowsky selbst und seiner öffentlichen Persona hebt sich Jodorowsky’s DUNE vor allem durch seine Laufzeit von anderen Making-ofs ab: Mit ca. 90 Minuten Laufzeit erreicht der Film die Länge eines kurzen Kinofilms. Dies lässt sich relativ leicht dadurch erklären, dass ein Making-of in der Regel als ergänzendes Material zum fertigen Film fungiert – da dieser in DUNEs Fall nie zustande kam, ist es hier das einzige Endergebnis, das in der Rolle eines ‘Ersatzproduktes’ eine größere Aufmerksamkeit durch die Produzenten erfährt, als das Making-of zu einem erfolgreich realisierten Film. Eine Analogie ist bei LOST IN LA MANCHA (2002, Keith Fulton/Louis Pepe) zu erkennen, einem ebenfalls 90minütigen Making-of zu einem abgebrochenen Filmprojekt.

Die verhältnismäßig lange Dauer bringt die Herausforderung mit sich, 90 Minuten ausreichend spannend und ansprechend zu gestalten, obwohl nicht einmal Filmszenen zur Verfügung stehen, die aufgegriffen und diskutiert werden können. Diesem Problem stellen sich die Produzenten mit verschiedenen Mitteln. Zunächst werden Filmszenen durch hintereinander gezeigte Konzeptzeichnungen ersetzt, die die Handlung des geplanten Films rekonstruieren. Dabei wird das Konzeptbuch, analog zu Jodorowsky als Genie und auteur, als ein besonderes, künstlerisch wertvolles Artefakt inszeniert. Zudem lässt sich in Dune eine Plotstruktur nachweisen, die durch eine rudimentäre Story führt. Den Hauptteil bildet hierbei Jodorowskys Suche nach den Mitgliedern des Filmteams (die er selbst mit pathetischen Worten als “Warriors” bezeichnet (TC 00:29:16), die als Fabel voller Zufälle und skurriler Momente dargestellt wird und einem spirituellen „Quest“ des Regisseurs gleicht (Mitglieder des Teams müssen teils umständlich gefunden und überzeugt werden, Dalí etwa stellt Jodorowsky eine Rätselfrage).

Des Weiteren findet eine ambivalente Darstellung Jodorowskys statt: In seiner Rolle als Regisseur wird er einerseits als objektiver Experte für DUNE interviewt, andererseits widmet sich das Making-of auch ausführlicher seiner Biografie und seiner – betont exzentrischen – Persönlichkeit, wie zuvor bereits ausgeführt. Auch die Analogie der Produktion zur Story des (geplanten) Films als ein beliebtes Stilmittel, dessen sich viele Making-ofs bedienen (vgl. Steinhart 2018), trägt gewissermaßen zur Fiktionalisierung der dokumentierten Produktion bei.

Aufgrund der zuvor genannten Eigenschaften – dem Personenkult um Jodorowsky, der Spielfilmlänge, dem fabelhaften Charakter und der Verflechtung von realer Produktionsebene und fiktiver Filmebene – erscheint es lohnenswert, JODOROWSKY’S DUNE im Hinblick auf eine Frage zu untersuchen, die auch im Allgemeinen an die Kategorie des Making-ofs gestellt werden kann: Handelt es sich hierbei um einen Dokumentarfilm? Eine populäre Definition des Dokumentarischen ist die von Nichols: “Documentary film speaks about situations and events involving real people (social actors) who present themselves to us as themselves in stories that convey a plausible proposal about, or perspective on, the lives, situations, and events portrayed. The distinct point of view of the filmmaker shapes this story into a way of seeing the historical world directly rather than into a fictional allegory“ (Nichols 2001: 14). Gemäß dieser Definition ist die Frage nach dem Dokumentarischen für DUNE weitestgehend zu bejahen, allerdings weicht etwa die Konstruktion der Parallelen zwischen dem Ende des Films und dem Ausgang der Filmproduktion von der direkten, nicht-allegorischen Darstellungsweise ab, von der Nichols spricht. Auf stilistischer Ebene finden sich zudem Inszenierungsentscheidungen, die – im Sinne Roger Odins (2012) – sich stark von einem konventionellen dokumentarischen Reportagestil abheben: Die Interviews erscheinen sorgfältig geplant und finden vor ausgewählten, inhaltlich passenden Hintergründen statt, die Farben sind satt, die Aufnahmen von hoher Qualität, Schwenks und Blenden werden gezielt als Stilmittel eingesetzt. Eine ruhige Kamerafahrt durch Jodorowskys Arbeitszimmer leitet den Film ein, bei der relevante Details wie das Konzeptbuch zwecks Spannungsaufbau erst als unscharfer Fleck im Bildzentrum aufgenommen und dann langsam scharfgestellt werden.

JODOROWSKY’S DUNE verfolgt damit den Anspruch, nicht nur relevante Informationen zum abgebrochenen Filmprojekt DUNE zu liefern, sondern den Zuschauer*innen ein hochwertiges ästhetisches Erlebnis zu bieten. Dabei muss das Making-of auf Artefakte und ‘Reste’ der DUNE-Produktion wie das Konzeptalbum und Storyboards zurückgreifen, gerade weil es sich dramaturgisch deutlich im Rahmen eines herkömmlichen Making-ofs zu konventionellen Unterhaltungsfilmen bewegt. Viele Making-ofs bleiben als Film hinter der behaupteten Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit der mit ihnen dokumentierten Bezugsfilme zurück. So schreibt Joachim Paech in seinem Aufsatz Film, programmatisch über den modernen Making-of-Film im Lichte seiner historischen Entwicklung: “Die heute üblichen ‘Making-ofs…’ richten sich in ihrer Charakteristik nach den Filmen, die sie kommentieren. Es werden die für die Werbung wichtigsten Elemente herausgestellt, das können die beteiligten Stars, der berühmte Regisseur, aufwendige Stunts in Action-Filmen und immer wieder verblüffende Kamera- oder computergenerierte ‘special effects’ sein“ (Paech 2004: 223). Ferner heißt es: “Der Blick hinter die Kulissen des Theaters und des Cinéma sollte niemals desillusionieren, sondern im Gegenteil durch Verblüffung und Faszination die Illusionswelt erweitern helfen, er dient nicht der Aufklärung, sondern der Verklärung von Produktionsabläufen; verwiesen wird nicht auf konkrete Arbeitsabläufe, vielmehr soll auf ein Ergebnis und ein Warenangebot neugierig gemacht werden, welche die Faszination seiner Herstellung zu übertreffen versprechen” (ebd.).

Im Falle von JODOROWSKY’S DUNE gibt es dieses Warenangebot nicht; dennoch ähnelt der Film den von Paech beschriebenen Strategien. Zuschauer*innen werden auf das Ergebnis neugierig gemacht, das hätte entstehen können. Es wird der unerfüllbare Wunsch geweckt, den nie realisierten Film zu sehen, und damit auch ein Bedauern dafür erzeugt, dass seine Produktion eingestellt wurde. Es wird geworben, allerdings weniger für ein zu kaufendes Gut als vielmehr für Jodorowskys Vision eines unerfüllten Meisterwerks. Der pathetische Gestus des Films verträgt sich sehr gut mit dem bereits erwähnten werbenden Charakter des Making-ofs. Wie viele andere behandelt es seine Zuschauer*innen als Insider, denen Zugang zu einem scheinbar behüteten und, paradoxerweise, dennoch öffentlichen Geheimnis gewährt wird (vgl. Hediger 2005: 332). Hier ist es eine künstlerische Sensation, die sich feiert (vgl. Distelmeyer 2012: 83); entsprechend der Prämisse des Making-ofs wird das Publikum in den Kreis derer eingeführt, die um den Verlust des hochkarätigen, aber verhinderten Kunstwerkes wissen. Damit können auch sie zu dem Kreis der Künstler gehören, die sich von den nicht realisierten Vision haben berühren und inspirieren lassen.

3. Fazit

Als Making-of eines unvollendeten Werkes gelingt JODOROWSKY’S DUNE dessen Neubewertung in drei zentralen Hinsichten. Einerseits dienen die zahlreichen konkreten (etwa das artefaktische Drehbuch) und vagen (etwa Berichterstattungen) Überbleibsel des gescheiterten Projektes als Basis für eine bis zu einem gewissen Grad konventionelle Struktur eines Making-ofs und werden gleichzeitig als Evidenz für die Bedeutung des Werkes trotz des Scheiterns angeführt. Dazu wird ein Narrativ erzeugt, das Parallelitäten zum unvollendeten Werk herstellt, ohne dabei deckungsgleich zu werden. Nicht zuletzt wird dem Regisseur, Jodorowsky, ermöglicht, seine eigene Beteiligung am Projekt zu bewerten und dessen Absichten zum zweiten (bzw. ersten) Mal darzulegen. In mancherlei Hinsicht findet Jodorowskys Projekt im Making-of JODOROWSKY’S DUNE eine späte Vollendung – zumindest aber eine teilweise Aussöhnung mit dem so schmerzlich empfundenen Scheitern.


4. Filmographie

JODOROWSKY’S DUNE (FR/USA 2013, Frank Pavich)

LOST IN LA MANCHA (USA 2002, Keith Fulton/Louis Pepe)

5. Bibliographie

Arthur, Paul (2004): “(In)dispensible cinema: confessions of a making-of addict”. In: Film Comment 42 (3), S. 38–42.

Distelmeyer, Jan (2012): Das flexible Kino. Ästhetik und Dispositiv der DVD und BluRay. Berlin: Bertz und Fischer.

Hagener, Malte (2016): “Cinephelia and Film Culture in the Age of Digital Networks”. In: Hagener, Malte/Hediger, Vinzenz/Strohmaier, Alena (Hg.): The State of Post-Cinema. Tracing the Moving Image in the Age of Digital Dissemination. London: Palgrave Macmillan, S. 181–194.

Hediger, Vinzenz (2005): “Spaß an harter Arbeit. Der Making-of-Film”. In: Hediger, Vinzent/Vonderau, Patrick (Hg.): Demnächst in Ihrem Kino. Grundlagen der Filmwerbung und Filmvermarktung. Marburg: Schüren, S. 332-341.

Nichols, Bill (2001): Introduction to Documentary. Bloomington/Indianapolis: Indiana University Press.

Odin, Roger (2012): „Dokumentarischer Film – dokumentarische Lektüren“. In: Hohenberger, Eva (Hg.): Bilder des Wirklichen. Texte zur Theorie des Dokumentarfilms. Berlin: Vorwerk, S. 259–275.

Paech, Joachim (2004): “Film, programmatisch”. In: Kreimeier, Klaus/Stanitzek, Georg (Hg.): Paratexte in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin: Akademie Verlag, S. 213–223.

Steinhart, Daniel (2018): “The Making of Hollywood Production: Televising and Visualizing Global Filmmaking in1960s Promotional Featurettes”.In: Cinema Journal 57 (4), S. 96–119.

6. Abbildungen

Abb. 1-4: Screenshots aus JODOROWSKY’S DUNE (FR/USA 2013, Frank Pavich).