INCEPTION: Behind the Scenes

von Christina Grams, Sabrina Glücks und Joëlle Schamann

1. Allgemeines

INCEPTION ist ein US-amerikanischer Science-Fiction Film von Christopher Nolan aus dem Jahr 2010. Nolan führte nicht nur Regie, er fungierte auch als Produzent und Drehbuchautor. Dominick Cobb (Leonardo Di Capiro), die Hauptfigur des Films, hat sich darauf spezialisiert, während eines Traums wertvolle Informationen aus dem Unterbewusstsein seiner Opfer zu stehlen. Nach einem gescheiterten Auftrag erhält er die Aufgabe, eine sogenannte Inception durchzuführen: das Einpflanzen eines Gedankens in das Unterbewusstsein eines anderen. Sollte dieser als unmöglich geltende Auftrag gelingen, bekommt Cobb die Möglichkeit, nach langer Zeit im Exil wieder in die Vereinigten Staaten einzureisen und seine Kinder wiederzusehen.

INCEPTION war mit einem Einspielergebnis von 825 Millionen US-Dollar ein kommerzieller Erfolg und wurde zudem von den Kritikern für seine ungewöhnlich komplexe und originellen Handlung gelobt. Der Film erhielt unter anderem vier Oscars und wurde viermal für den Golden Globe nominiert. Das Making-of von INCEPTION wurde auf der Film-DVD (2011) als Zusatzmaterial veröffentlicht. Es wurde von Jordan Goldberg und Jason Hillhouse produziert. Als einziges Zusatzmaterial umfasst es eine Länge von 51:07 Minuten.

2. Analyse

Das Making-of betrachtet, archiviert und ästhetisiert Produktionsprozesse von medialen Formaten und künstlerischen Werken. Das Gezeigte – seien es spektakuläre Szenen oder ein aufwendiges Set – soll die Zuschauer*innen neugierig auf den Film machen (vgl. Rauscher 2007: 412), oder ihn dazu bewegen, sich intensiver mit dem Film zu beschäftigen (vgl. Hediger 2005: 332).

Making-ofs lassen sich grundsätzlich nach dem Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung unterscheiden. Als prospektiv können diejenigen Making-ofs bezeichnet werden, die einen zum Zeitpunkt der Beschreibung in der Zukunft liegenden Produktionsprozess beschreiben. Es wird eine Produktionsöffentlichkeit hergestellt, bevor die eigentliche Produktion beginnt. Retrospektive Making-ofs betrachten den Produktionsprozess aus zeitlicher Distanz im Rückblick. Als simultan können diejenigen Making-ofs bezeichnet werden, die einen gegenwärtig noch laufenden Produktionsprozess beschreiben. Die Unterscheidung von Making-ofs nach dem Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung lehnt sich an die Systematisierung von Paratexten bei Genette an, in dessen Formulierung prospektive Making-ofs als eine Form früher Paratexte verstanden werden können. Eine weitere Differenzierung nimmt Genette zwischen nachträglichen und späten Paratexten vor. Demnach wäre das klassische Making-of ein nachträglicher Paratext, der zusammen mit der DVD-Fassung eines Films an die Öffentlichkeit tritt und die Reaktionen der am Produktionsprozess Beteiligten enthalten kann, aber immer im näheren zeitlichen Umfeld der Erstveröffentlichung seines Urtextes publiziert wird. Andere retrospektive Making-ofs sind gemäß Genettes Differenzierung als späte Paratexte zu verstehen (vgl. Genette 2014: 13).

Das Making-of zu INCEPTION ist in dieser Typologie ein nachträglicher Paratext, der sich mit der komplexen und schwierigen Produktion des Films befasst. Dabei liegt der Fokus stark auf Christopher Nolas Vision und dem enormen Aufwand der Produktion. Das Making-of beginnt ohne Einleitung mit einem kurzen Ausschnitt aus dem Referenzfilm, gefolgt von einer animierten Sequenz, in der ein Flug über Hochhäuser aus der Vogelperspektive gezeigt wird. Ein Bild eines Kreisels, ein wichtiges Motiv des Films, und ein Interview mit dem Regisseur Nolan und der Produzentin Emma Thomas folgen. Während der Interviews werden Notizen von Nolan und Bilder von Gesprächen mit den Schauspieler*innen und vom Set eingeblendet, die den langen Entstehungsprozess des Drehbuchs unterstreichen sollen. Anschließend folgt ein kurzes Interview mit dem Protagonisten Leonardo DiCaprio, welches mit Bildern vom Set und aus dem Film untermauert wird.

Zwischen den Interviews und den Bildern vom Dreh werden in regelmäßigen Abständen Filmausschnitte gezeigt. Diese Ausschnitte sind umrahmt von einer Sequenz, in welcher die Zuschauer*innen aus der Vogelperspektive über animierte Häuser geführt werden. Dieser Aufbau zieht sich durch das komplette Making-of. Eine Abwandlung lässt sich erst am Ende finden. Wenn der filmische Part abgearbeitet ist und nun das Augenmerk auf die Filmmusik gelegt wird, erscheint erneut der Kreisel, diesmal abgebildet auf Tasten eines Klaviers. Anschließend folgen wiederum Interviews mit Nolan und dem Filmkomponisten Hans Zimmer, die mit Bildern der Tonaufnahmen und des Film untermalt werden. Werden Szenen aus dem Film gezeigt, jetzt mit musikalischer Untermalung, werden diese wieder von der Sequenz mit dem Flug über die Häuser eingerahmt. Das Schlussbild ist wieder der Kreisel, der auf einer Tischplatte steht. Beendet wird das Making-of mit den Credits.

Der Technikdiskurs und der Drehbuchautor stehen im Vordergrund. Es wird eine durchweg positive Stimmung am Set und während der Produktion suggeriert. Der Produktionsprozess wird von der Idee bis zum fertigen Film retrospektiv abgearbeitet. Dies ist deutlich an den Interviews mit der Filmcrew zu erkennen, die nach Ende der Filmproduktion geführt worden zu sein scheinen. Um das Making-of und die Intention dahinter in vollem Umfang zu verstehen, sollte die Filmhandlung den Zuschauer*innen bekannt sein. Doch auch ohne Vorkenntnisse wird der enorme Produktionsaufwand für das Publikum hervorgehoben. Die Besonderheit des Films wird neben dem Drehbuch besonders in seinem Produktionsaufwand verortet.

Das Making-of erfüllt dabei vor allem die Aufgabe, den Film im Gespräch zu halten und weiteres Interesse seitens der Zuschauer*innen zu wecken. Dazu schreibt Volker Wortmann: “Allein die Tatsache, dass ein Film auf bereits vorhandene Diskurse verweist, generiert ja schon die Bedeutung in dem Sinn, dass es sich hierbei offensichtlich um einen Film handelt, über den es sich zu sprechen lohnt” (Wortmann 2010: 99). Mit dieser These folgt er Niklas Luhmann, der davon ausgeht, “dass es Kunstwerke nämlich nur gibt, wenn und soweit mit Möglichkeiten der Kommunikation über sie gerechnet werden kann” (Luhmann 2007: 210, zitiert nach Wortmann 2010: 99).

Auffällig ist, dass Fragen der Zuschauer*innen zur narrativen Konstruktion des Films, zum berühmten offenen Ende oder zu tieferen Bedeutungsstrukturen des Films kaum beantwortet werden . Das Making-of von INCEPTION greift in den ersten Minuten ‘mystifizierende’ Motive des Referenzfilms auf, ohne dass offene Fragen aus dem Film aufgegriffen oder möglicherweise unklare Aspekte der Geschichte geklärt werden. Die Geheimnisse, die das Publikum kennenlernt, sind also nicht die Geheimnisse der Geschichte und des Plots, sondern die vorgeblich geheimen Vorgänge ‘hinter den Kulissen’ der Filmproduktion.

Diese ‘geteilten’ Geheimnisse verstärken die Verbindung zwischen Publikum und Film und erzeugen weiteres Interesse (vgl. Hediger 2005: 332-334). Die Zuschauer*innen bekommen umgekehrt keine neuen Filminhalte zu sehen, es werden lediglich die aus dem Referenzfilm bekannten Szenen aufgegriffen und deren Produktionsaufwand detailliert beschrieben. Die gezeigten Szenen bauen außerdem nicht inhaltlich aufeinander auf. Ein roter Faden wird über die Themen Aufwand, Genialität des Regisseurs und die Umsetzung der Ideen gesponnen. Über den Paratext Making-of können Produzenten und Studio auf diese Weise versuchen, die Sicht der Zuschauer*innen auf den Film zu beeinflussen (vgl. Krautkrämer 2009: 141).

Dabei sind die Übergänge zwischen offen werblichen Aspekten des Making-ofs und dokumentarischen Aufnahmen fließend. Auffällig ist die Vermischung von retrospektiven und simultanen Ansichten und Äußerungen zu den Dreharbeiten. Es wirkt etwa so, als wäre das Making-of Team über die gesamte Produktionszeit anwesend gewesen. Einzig die Interviews scheinen nach der Fertigstellung des Films geführt worden zu sein. Die dokumentarischen Aspekte des Making-ofs rücken besonders in den Vordergrund, wenn die Zuschauer*innen das Filmteam an verschiedene Drehorte begleiten. Hier werden Probleme bei der Produktion angesprochen, aber auch immer eine passende Lösung präsentiert.

Vinzenz Hediger beschreibt in Bezug auf den Inhalt von Making-ofs vier Diskurse, die sich im Laufe der Geschichte des Formats entwickelt haben: die Darstellung von Technik, das Auftreten von Stars, die Dreharbeiten als industrielle Produktion und den Regisseuren als Autoren. Die Technik bezieht sich auf die verwendeten Kameras und Hilfsmittel der Dreharbeiten, Spezialeffekte, und die Personen, die die Illusion des Films kreieren. Die Stars des Films sind die Schauspieler*innen, die über ihre Rolle, den Film und die Arbeit am Set sprechen. Die industrielle Produktion und den Spaß, den alle Beteiligten bei der Arbeit haben, wird genutzt, um das Image der Filmindustrie zu pflegen. Und zu guter Letzt werden die Regisseure und Produzenten als künstlerisch tätige auteurs  inszeniert, die von ihren Entscheidungen und Erfahrungen während der Arbeit zum Film berichten (vgl. Hediger 2005: 334). Das Making-of von INCEPTION behandelt alle vier genannten Diskurse, wobei besonders Wert auf den Technik -und den Autorendiskurs gelegt wird. Der Regisseur rechtfertigt die hohen Produktionskosten (160 Mio. US-Dollar), die lange Produktionsdauer (10 Jahre von der Idee zum Drehbeginn und ein weiteres Jahr bis zum Beenden der Dreharbeiten) und den Materialaufwand. Genehmigungen zu bekommen, unter anderem für eine Explosion in einer Pariser Straße, hat einige Zeit in Anspruch genommen. Es wurden Gebäudefassaden gebaut, nur um sie anschließend explodieren zu lassen. Für Spezialeffekt-Einstellungen wurden aufwändige Sets konstruiert, die nur für kurze Sequenzen benötigt wurden. Die Echtheit der späteren aufwändigen Szenen im späteren Film wird durch die scheinbar geringe Postproduktion unterstrichen.

Der Regisseur nutzt das Making-of neben der Rechtfertigung auch als Imagepflege für sich als Produzent, und um die Filmproduktion als Industrie mit verschiedenen Experten darzustellen, die durch ihre Zusammenarbeit und trotz aufkommender Probleme den Film realisiert haben und dabei Spaß hatten (vgl. Hediger 2005: 334f). Durch die eingespielten Originalszenen wird dabei stetig eine enge Verbindung zum Film Inception geschaffen.

3. Fazit

Das Making- of von INCEPTION ist das einzige Bonusmaterial, das den Zuschauenden der DVD zur Verfügung gestellt wird. Es hat neben seiner werblichen Funktion auch dokumentarische Elemente, die die Zuschauer*innen in den Produktionsablauf mit allen Besonderheiten und Problemen einbeziehen. Der Regisseur führt durch das Making-of, so wird Nähe zum Publikum aufgebaut und die Authentizität der gezeigten Filmszenen unterstrichen. Die Diskurse des Autors und der Produktion werden besonders in den Vordergrund gerückt und damit die hohen Produktionskosten und die lange Produktionsdauer gerechtfertigt. Beide werden als ausschlaggebende Gründe für den komplexen und einzigartigen Charakter des Films INCEPTION genannt.

Dem Publikum wird keine bahnbrechende neue Idee vermittelt, aber ihm wird aufgezeigt, dass Nolan als Regisseur ‘außergewöhnliche’ Filme mit nur minimaler digitaler Nachbearbeitung produziert. Auch wenn das Making-of den Zuschauer*innen nicht unbedingt neue Ideen zur Geschichte und zu ihren Deutungsmöglichkeiten ‘einpflanzt’, lädt es zum fortgesetzten Sprechen über den Film ein. Es hilft dabei, den Film in den Köpfen der Zuschauer*innen präsent zu halten und regt an, sich weiter über den Film und seine Produktionsumstände auszutauschen.


4. Filmographie 

INCEPTION (2010, USA, UK, Christopher Nolan)

Making of Inception Behind The Scenes Documentary Part 1 of 2 (2015, Pop Culture Pandora, YouTube [letzter Aufruf: 10.05.2019])

5.Literaturverzeichnis

Genette, Gérard (2014): Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. 5. Aufl.  Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Hediger, Vinzenz (2005): “Spaß an harter Arbeit. Der Making-of-Film. In: Hediger, Vinzenz/Vonderau, Patrick (Hg.): Demnächst in Ihrem Kino. Grundlagen der Filmwerbung und Filmvermarktung. Marburg: Schüren, S. 332-341.

Krautkrämer, Florian (2009): “Ausweitung der Randzone – der im Film integrierte Paratext”. In: Gwóźdź, Andrzej (Hg.): Film als Baustelle. Das Kino und seine Paratexte. Marburg: Schüren.

Rauscher, Andreas (2007): “Making-of”. In: Koebner, Thomas (Hg.): Reclams Sachlexikon des Films. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Reclam, S. 411–414.

Wortmann, Volker (2010): “DVD-Kultur und ‘Making of’. Beitrag zu einer Mediengeschichte des Autorenfilms“. In: Rabbit Eye –Zeitschrift für Filmforschung, S. 95-108.

6. Abbildungen

Abb. 1-2: Making Of Inception Behind The Scenes Documentary Part 1 of 2 (2015, Pop Culture Pandora, YouTube [letzter Aufruf: 17.05.2019])