BOYHOOD: The Making of Boyhood

von Pia Preuß und Peggy Winter

1. Allgemeines

BOYHOOD ist ein Film von Richard Linklater aus dem Jahr 2014, der über zwölf Jahre hinweg gedreht wurde und das Aufwachsen seines Hauptdarstellers, gespielt von Ellar Coltrane, in Echtzeit vor der Kamera zeigt. Thematisch beschäftigt sich der Film mit dem Erwachsenwerden und dem Zusammenleben einer Familie. Das 10-minütige Making-of zu BOYHOOD wurde von der Distributionsfirma IFC Films ebenfalls 2014 auf der Plattform Youtube veröffentlicht. Dieser Artikel soll der Fragestellung nachgehen, inwiefern die zeitliche Komponente von zwölf Jahren nicht nur den Film, sondern vor allem das Making-of beeinflusst. Diesbezüglich lässt sich die Hypothese aufstellen, dass das Making-of anhand verschiedener zeitlicher Ebenen die Machart des Films vom ersten bis zum letzten Jahr imitiert, gleichzeitig aber Formen der direkten Vergleichbarkeit der einzelnen Produktionsabschnitte schafft, die der Film BOYHOOD eher organisch ineinander übergehen lässt.

2. Analyse

Dokumentarfilme und somit auch Making-ofs zeigen niemals nur eine ungefilterte, ungestellte Wirklichkeit. Immer finden Eingriffe in die dokumentierte Wirklichkeit statt, etwa dann, wenn eine bewusste Auswahl verschiedener Szenen getroffen wird. In dem Sinne, dass ein Dokumentarfilm die Wirklichkeit ‘bearbeitet’, erhält er immer auch fiktionale Anteile (vgl. Odin 2012: 259). Für das Making-ofs verkompliziert sich dieser Bezug zu einer dokumentierten ‘Wirklichkeit’ der Filmproduktion dadurch, dass oft nicht genau zwischen aufklärender Information, Einführung in einen Film als ‘Werk’ oder bloßer Produktwerbung unterschieden werden kann (vgl. Paech 2004: 221). Joachim Paech versteht in seinem Text Film, programmatisch dennoch die Werbefunktion als zentrales Element eines Making-ofs, dass er als filmischen ‘Paratext’ beschreibt : “Die heute üblichen ‘Making ofs’ […] richten sich in ihrer Charakteristik nach den Filmen, die sie kommentieren. Es werden die für die Werbung wichtigsten Elemente herausgestellt, das können die beteiligten Stars, der berühmte Regisseur, aufwendige Stunts in Action-Filmen und […] ‘special effects‘ sein” (ebd., 222-223).

Im Making-of zu BOYHOOD werden ebenfalls die Schauspieler*innen gezeigt, die sich zu persönlichen Fragen äußern. Der Fokus jedoch liegt auf dem Regisseur Richard Linklater, der seine persönlichen Geschichten mit den Zuschauer*innen teilt. Die narrative Struktur des Making-ofs orientiert sich an einem Interview mit dem Regisseur, der von der Entwicklung des Films, sowie den Parallelen zu seiner eigenen Geschichte erzählt. Dies wird mit Szenen vor und hinter der Kamera illustriert. Die Interviews mit den Schauspieler*innen fügen sich ebenfalls in dieses Narrativ ein. Dadurch soll das emotionale Verhältnis der Zuschauer zum Film verstärkt werden. Richard Linklater teilt seine persönliche, intime Vision mit dem Publikum. Es spielt somit der Aspekt des ‘öffentlichen Geheimnisses’ eine große Rolle. Durch das Making-of, das auf YouTube veröffentlicht wurde und somit für jeden zugänglich ist, erfolgt eine ‘Einweihung’ in das Geheimnis der Filmproduktion. Vinzenz Hediger versteht dies als eine demokratisierte Initiation: Dazuzugehören ist etwas Besonderes, an sich kann es aber jeder, der Zugriff auf das Making-of-Material hat (vgl. Hediger 2005: 332).

Dieses paradoxe Phänomen wird unterstützt durch eine weitere Zeitebene im Making-of: die Kindheitserinnerungen des Regisseurs, welche durch eingespielte Originalszenen des Films illustriert werden (TC: 00:05:10-00:05:50). Es erfolgt somit die Eröffnung einer weiteren Parallele zwischen dem Regisseur und der Geschichte von BOYHOOD, sodass diese fast schon autobiographisch wirkt. Der Fokus liegt somit auf der künstlerischen Vision des Autors, welche er bewusst mit dem Publikum teilt (vgl. Hediger 2005: 339). Das Making-of gleicht somit einer Autorenerzählung, “also eine Erzählung, in welcher der Filmemacher als Figur über seine Relation zu den Schauspielern, […] thematisiert und dramatisiert wird” (Wortmann 2010: 101).

Dabei eröffnet sich durch die Fragen und Antworten der Schauspieler*innen sowie des Regisseurs eine dritten Parallele zwischen Making-of und Film: Die Schauspieler*innen seien innerhalb der Drehzeit von zwölf Jahren wie eine richtige Familie zusammengewachsen. Hierbei liegt der Fokus wieder eindeutig auf dem Regisseur und den Schauspielern. Auch die gezeigten Interviews führen die Schauspieler*innen bzw. der Regisseur gegenseitig. Weitere Crewmitglieder werden in diese Darstellung zwar einbezogen, jedoch nicht explizit gezeigt. Richard Linklater geht sogar so weit zu behaupten, der Hauptdarsteller Ellar Coltrane und die Schauspielerin Lorelei Linklater, welche im Film seine Schwester spielt, seien auch am Set zu richtigen Geschwistern geworden (TC: 00:01:20-00:01:30). Durch diese Aussagen soll einerseits der Eindruck beim Zuschauenden entstehen, wie sympathisch die gesamte Crew sein muss, um so gut miteinander auszukommen, andererseits versucht das Making-of erneut, die Zuschauer*innen emotional anzusprechen und auf diese Weise an den Film zu binden. Dies wird außerdem durch das Einspielen des Titelsongs des Films, sowie emotionale Filmszenen verstärkt (TC: 00:08:30-00:10:30). Hier steht besonders der letzte Drehtag nach 12 Jahren im Fokus, der den emotionalen Höhepunkt des Making-ofs bildet. 

Das Filmteam wird im Making-of als Kollektiv dargestellt, das weitestgehend aus dem Regisseur und seinen Schauspieler*innen besteht. Es ergibt sich ein symbolisches Leitbild, welches die Anschlussfähigkeit nach Außen, mit den Zuschauer*innen und Fans erzeugt. In dieser Form stellt das Making-ofs bestimmte Bilder zur Verfügung, um den kreativen Prozess der Filmproduktion anschaulich zu machen (vgl. Wortmann 2008: 50). Die Zuschauer*innen werden also durch die Darstellung eines Kollektivs, zu dem voranging der Regisseur und die Schauspieler*innen gehören, für das Making-of bzw. den Film begeistert.

Diese Form der Kollektivierung spielt vor allem durch die mehrjährige Produktionszeit eine große Rolle. Die große Zeitspanne wird u.a. dadurch deutlich gemacht, dass durch die Einblendung von Schrifttafeln das erste mit dem letzten Drehjahr verglichen wird. Gleichzeitig  wird hierdurch die Ausgangsidee des Films mit dem finalen Produkt, dem ‘Werk’ BOYHOOD gegenübergestellt (TC: 00:00:08, 00:08:45). Die Auswahl der Schriftart für die eingeblendeten Texte ist, im Gegensatz zu Blockbusterfilmen eher ungewöhnlich. Die scheinbar per Hand geschriebenen Großbuchstaben unterstreichen den Eindruck, als wäre alles – gerade die Interviews – spontan inszeniert worden. Diese Wahl der Schriftart unterstützt somit die Wahrnehmung des Films als Independent-Film, was erneut verdeutlicht, wie Paratexte und ihre Ausgestaltung die Rezeption eines Werkes wesentlich mitbestimmen (vgl. Paech 2004: 214).

Es gibt also die klare Parallele zwischen der Machart des Films und der Machart des Making-ofs in Bezug auf den Verlauf von zwölf Jahren. Während im Film jedoch die Übergänge zwischen den einzelnen Jahren verwischen, werden sie im Making-of als eigene Produktionsabschnitte gezeigt und dadurch vergleichbar gemacht. Das Making-of fokussiert sich somit auf die Vergleichbarkeit, besonders vom ersten Jahr zum zweiten Jahr, um eine Entwicklung zu zeigen. Diese Entwicklung bezieht sich zum größten Teil auf das Aufwachsen der Kinderdarsteller*innen zu jungen Erwachsenen und das Zusammenwachsen zu einer Familie. Auf technische Herausforderungen und Entwicklungen während der Produktionszeit wird hingegen nicht eingegangen.

3. Fazit

Das Making-of von BOYHOOD stellt besonders den langen Produktionszeitraum in den Vordergrund. Dies wird vor allem in der Nutzung von Schrifttafeln deutlich. Durch sie wird ein Vergleich zwischen dem ersten und dem letzten Produktionsjahr hergestellt. Ohne die lange Produktionszeit mit denselben Schauspieler*innen wäre solch ein Vergleich nicht möglich gewesen. Die Schrifteinblendungen verdeutlichen den zeitlichen Aspekt noch einmal und stellen diesen klar als Alleinstellungsmerkmal des Films heraus. Außerdem beeinflusst die zeitliche Komponente auch die emotionale Aufladung des Making-ofs. Der Regisseur zieht einen Vergleich zwischen der Filmcrew und einer echten Familie. Dieser emotionalisierte Vergleich wird ebenfalls nur durch den langen Produktionszeitraum möglich. Allerdings zielt diese Emotionalität auch auf die Vermarktung des Films bzw. die Bindung des Publikums an den Film. Desweiteren wird auch die Autorenerzählung des Regisseurs von der langen Produktionsdauer beeinflusst. Sie dreht sich nicht um den direkten Produktionsprozess des Films dreht, sondern stiftet immer den Vergleich zwischen Linklaters eigenem Heranwachsen und der Geschichte des Films.


4. Filmographie

BOYHOOD (USA 2014, Richard Linklater)

THE MAKING OF BOYHOOD (USA 2014, o.A.)

5. Literaturverzeichnis

Hediger, Vinzenz (2005): “Spaß an harter Arbeit. Der Making-of-Film”. In: Hediger, Vinzenz/Vonderau, Patrick (Hg.): Demnächst in Ihrem Kino. Grundlagen der Filmwerbung und Filmvermarktung. Marburg: Schüren, S. 332–342.

Odin, Roger (2012): “Dokumentarischer Film – dokumentarisierende Lektüre”. In: Hohenberger, Eva (Hg.): Bilder des Wirklichen. Texte zur Theorie des Dokumentarfilms. Berlin: Vorwerk, S. 259–276.

Paech, Joachim (2004): “Film, programmatisch”. In: Kreimeier, Klaus/Stanitzek, Georg (Hg.): Paratexte in Literatur, Film und Fernsehen. Berlin: Akademie Verlag, S. 213–225.

Wortmann, Volker (2008): “special extended. Das Filmteam als kreativer Kollektiv-Körper im ‘making-of…'”. In: Kurzenberger, Hajo/Ortheil, Hanns-Josef/Rebstock, Matthias (Hg.): Kollektive in den Künsten. Hildesheim/New York/Zürich: Olms, S. 39–61.

Wortmann, Volker (2010): “DVD-Kultur und ‘Making of’. Beitrag zu einer Mediengeschichte des Autorenfilms”. In: Rabbit Eye – Zeitschrift für Filmforschung 1, 95–108.

6. Abbildungen

Abb.1 u. 2: The Making of Boyhood | Featurette | IFC Films (IFC Films 2014, Youtube [letzter Aufruf: 10.05.2019]).