Gabi Hinderberger

Aus- und Einblicke in das Filmfestival des Ruhrgebiets

Interview mit Gabi Hinderberger geführt von Lena Berndes & Katharina Schmitz, November 2018

Gabi Hinderberger ist Mitbegründerin sowie Leiterin des blicke Filmfestivals. Sie hat 10 Jahre lang ehrenamtlich bei dem lokalen Videomagazin „Die aktuelle Monatsschau“ mitgearbeitet, produzierte zahlreiche Beiträge und Dokumentarfilme für das Fernsehen und ist versiert im Bereich Film- und Medienpädagogik.

Warum haben Sie damals das Festival gegründet – was war die Motivation, hatten sie konkrete Ziele bei der Gründung?

Hinderberger: Ich und die anderen, die damals das Festival gegründet haben, kamen aus der Videobewegung, die Gegenöffentlichkeit zum Ziel hatte. Es gab verschiedene Videogruppen, nicht nur in Bochum und im Ruhrgebiet, sondern in ganz Deutschland, die sich das Schaffen von Gegenöffentlichkeit auf die Fahnen geschrieben hatten. Denn damals – heute kaum mehr vorstellbar – gab es keine alternative Presse und es gab kein Internet, nur die offizielle Presse und das offizielle Fernsehen. Die offiziellen Medien haben wir in vielen Punkten kritisiert, weil sie bestimmte Nachrichten nicht oder sehr eingeschränkt gebracht haben und Protagonisten/Betroffene nicht zu Wort kamen. Das wollte die Bewegung der Gegenöffentlichkeit ändern und erweitern. Wir in Bochum hatten ein Videomagazin, das hier auf lokaler Ebene Nachrichten über Bochum produziert und verbreitet hat, die eben nicht im Fernsehen oder in der Presse waren. Die Medienwerkstatt in Freiburg hat einmal im Jahr ein Videoforum organisiert, bei dem sich viele Videoinitiativen aus ganz Deutschland getroffen haben. Dort in Freiburg, im tiefen Schwarzwald, haben wir andere Videogruppen aus dem Ruhrgebiet kennengelernt und begriffen, dass wir nicht die einzigen hier sind – es gab auch die Medienwerkstatt in Dortmund, in Essen usw.
Zudem gab es über das Ruhrgebiet eigentlich nur Bilder von außen und wir wollten eigene Bilder zeigen. Von dem Videomagazin ausgehend entstand dann die Idee, einen regionalen Ort zu schaffen, an dem die ganzen Initiativen des Reviers sich austauschen können – und in dem auch Amateurfilme gezeigt werden.
Natürlich gab es auch die Duisburger Filmwoche, die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen, das Frauenfilmfestival in Dortmund, die Filmzwerge in Münster und Lünen. Wir haben im Verhältnis zu den bereits vorhandenen Festivals ein eigenes Profil entwickelt, in dem wir das, was wir schon angefangen hatten, weiterentwickelt haben, also einen Ort für die Amateure, Videoinitiativen, Vereine und Hochschulen im Ruhrgebiet zu schaffen. Als wir 1993 den ersten Aufruf gestartet haben, uns Filme zu schicken, waren wir selber überrascht, wie viel Resonanz das hatte, obwohl das erste Programm noch auf zwei DIN-A4-Seiten gepasst hat (lacht). Das war die Ursprungsmotivation und lange Zeit hat unser Programm auch darin bestanden zu zeigen, was es hier im Ruhrgebiet an Initiativen gibt und worüber gearbeitet wird. Also nicht nur Filminitiativen, sondern auch soziale und politische Initiativen. Das hat sich dann langsam gewandelt, dass wir sagten, okay, wir sind ein Filmfestival, wir wollen jetzt nicht nur den Film zeigen, weil er eine soziale Initiative vorstellt, die lobenswert ist, sondern wir wollen gute Filme zeigen. Und so hat sich blicke im Laufe der Zeit zu dem entwickelt, was es heute ist.

Das Festival ist seit dem ersten Tag mit dem Bahnhof Langendreer verbunden. Wie kam es anfänglich zu diesem Ort?

Hinderberger: Das hing schon mit dem Vorläufer des Festivals, dem Videomagazin, zusammen. Wir sind ganz am Anfang mit unseren Nachrichten, mit dem Rekorder und Fernseher unterm Arm von Kneipe zu Kneipe gezogen um unsere Beiträge zu zeigen und zu diskutieren – das war auf Dauer zu anstrengend, auch weil viele von uns gearbeitet haben. Dann wurde dieser Bahnhof hier besetzt und renoviert. Das war wirklich mal ein Bundesbahn-Bahnhof, der zum Kulturzentrum umgebaut wurde. Ein Jahr später wurde das kino.endstation eröffnet. Dann haben wir gesagt: „Lass‘ uns doch im Kino unsere Filme zeigen.“ Die Kinoleiterin war von Anfang an dafür aufgeschlossen. Daraufhin haben wir die erste Woche im Monat unser Videomagazin Die aktuelle Monatsschau vor dem 20 Uhr-Film als Vorfilm gezeigt. Somit kam die Bindung an diesen besonderen Ort zustande und wurde enger.

Was macht diesen Ort so reizvoll für Sie und haben Sie schon einmal überlegt, den Ort zu wechseln?

Hinderberger: Es steht für uns erstmal fest, dass wir hierbleiben, aber das hat nichts damit zu tun, dass wir hier schon immer waren und deswegen hier bleiben wollen, sondern, dass es wenig andere Kinos im Ruhrgebiet gibt, die so eine kommunikative Kombination aus Kino und Foyer bieten. Ich finde das Foyer großartig, denn man purzelt aus dem Kino heraus und kann direkt weiterreden. Ob mit Filmemachern oder mit denen, die man gerade im Publikum kennengelernt hat. Das ist durchaus einzigartig und gibt es so eigentlich sonst nirgends. Der Nachteil ist, dass dieses Kino sehr klein ist und man immer wieder darüber redet sich zu vergrößern. Natürlich war die Finanzierung schwierig und die Stadt Bochum hat sich auch am Anfang ein bisschen schwergetan uns zu finanzieren. Es gab die Überlegung zu sagen: „Ist doch egal, wir sind ein Ruhrgebietsfestival, wir können auch nach Essen oder sonst wo hin gehen.“ Aber das haben wir nie getan, weil dieser Ort so super ist und das wirklich eine kommunikative, vielleicht auch eine familiäre Atmosphäre ermöglicht.

Da Sie gerade erwähnt hatten, dass Sie durchaus aufgeschlossen wären zur Erweiterung – es gibt ja auch das blicke unterwegs, was letzte Woche in der Goldkante stattgefunden hat. Möchten Sie das noch ausweiten, vielleicht noch auf andere Orte verlagern?

Hinderberger: Wir sind nicht nur in der Goldkante, wir sind z.B. seit etlichen Jahren in der Nacht der Industriekultur auf Zeche Zollverein dabei. Filme, die wir zeigen könnten, haben wir genug und auch ein umfangreiches Archiv, aus dem heraus wir themenspezifische Abende planen können und immer Filme finden, die dazu passen. Wir sind aber auch im Eden, das ist auch eine Kneipe in Bochum, wir waren schon in Mülheim, wir waren schon an verschiedenen Orten, aber das ist auch eine Frage der personellen Kraft. Wenn wir mehr Personal hätten, würden wir noch vieles an anderen Orten machen.

Inwiefern muss man beim Personal auch auf das Ehrenamt zurückgreifen? Kommt dies oft vor?

Hinderberger: Ich finde ehrenamtliches Engagement wichtig, aber ich finde es ebenso wichtig, dass Leute für ihre Arbeit bezahlt werden. Es ist sehr schwieirg aber wir haben versucht die Finanzierung so zu konzipieren, dass die Leute, die hier arbeiten auch bezahlt werden und das finde ich auch richtig.

Wie kamen Sie zu der Finanzierung des Festivals?

Hinderberger: Ehrlich gesagt, hatten wir das Glück, dass wir nicht nur eine Initiative oder ein Projekt, sondern ein Festival sind, das sich auf eine Region spezialisiert hat. Ende der 90er Jahre wurde vom Kulturministerium NRW das Aufgabenfeld »Regionale Kulturpolitik« etabliert, aus dem das blicke filmfestival seitdem gefördert wird. Ohne die Förderung durch das Land würde es uns schon lange nicht mehr geben, weil alle Kommunen im Ruhrgebiet abgebrannt sind und Bochum uns das nie zahlen könnte. Das finde ich eigentlich schon arg wichtig, ich find es aber auch angemessen, wir sind nun mal ein landesweites oder zumindest ruhrgebietsweites Festival.

Das heißt, die Hauptunterstützung geht tatsächlich vom Land aus? Gibt es noch Nebenquellen?

Hinderberger: Natürlich ist auch die Stadt Bochum ein verlässlicher Partner und auch der RVR, der Regionalverband Ruhr, der für das ganze Ruhrgebiet zuständig ist. Wir haben immer gesagt: „Wenn es uns nicht gäbe, dann müsstet ihr das Festival eigentlich erfinden.“ Wir werden trotzdem nur minimal vom Regionalverband unterstützt und manchmal auch von anderen Stiftungen, aber der Hauptfinanzierer ist das Land.

Es gibt neben dem regulären blicke Festival auch das Kinder- und Jugend-blicke. Ist Ihnen Jugendförderung besonders wichtig?

Hinderberger: Absolut. Ich finde es total wichtig, Angebote für Kinder und Jugendliche zu machen. Die stehen heute schon mit zwei Jahren im Kontakt mit Bewegtbild auf ihren Smartphones oder dem Fernseher und es gibt viele Kinder, mit denen niemand über das redet, was sie da sehen und die keine Vorstellung haben von Filmen. Wir haben seit mindestens sechs/sieben Jahren ein Programm für Kindergärten und das ist super. Wenn die Kleinen ins Kino kommen, viele zum ersten Mal mit vier bis fünf Jahren, und sie gefragt werden „Was ist denn da hinter dem schwarzen Vorhang?“ „Ja, der Fernseher!“ sind sie erstaunt, dass dies nicht der Fall ist. Wir sprechen mit den Kindern oder begleiten sie mit filmbildenden Maßnahmen. Gestern und heute hatten wir zum Beispiel eine Kooperation mit dem deutschen Filminstitut in Frankfurt. Da haben auch Kleine die Basics über die Entstehung von Trickfilmen vermittelt bekommen. Die Kinder haben vorab Steine in ihren Kindergärten gesammelt und mitgebracht. Diese wurden auf die Erde gelegt und frontal, von oben mit einem Smartphone fotografiert, dann minimal verrückt und wieder fotografiert. So entstanden 10 bis 20 Sekunden lange bewegte Bilder. Das Ganze verknüpften wir mit einem Experimentalfilm über Steine, den die Kinder auch super fanden. Kinder sind sehr offen für Experimentalfilme, weil nicht alles festgelegt ist und sie somit ihre eigene Fantasie gebrauchen können. Dann können sie ihren eigenen Film noch auf der Leinwand sehen und das ist großartig. Dies ist zwar Minimalarbeit, aber ich glaube, sie gehen mit einer ganz neuen Erfahrung nach Hause und zwar nicht nur wie Trickfilme entstehen.

Haben Sie später nochmal von Kindern gehört, die an diesen Projekten teilgenommen haben?

Gabi Hinderberger: In dem Fall nicht, aber wir bieten auch in den Ferien Workshops an, wo die Kinder selber Filme machen können. Es gibt auch einen Trickfilmworkshop und da gibt es einen Jungen, der jetzt das vierte Jahr dabei ist, der das so toll findet, dass er immer wieder kommt. Beispielsweise, gibt es ja auch die Dokumentarfilme für Kinder und Jugendliche bei der Filmwoche in Duisburg und da kam eine Kooperation mit einer Schule in Hattingen zustande, die sind auch mehrere Jahre wiedergekommen. Ich finde es toll, dass sie dabeigeblieben sind, da die Kinder ja auch immer älter werden. Es gibt wenig Dokumentarfilme für Kinder und Jugendliche im Fernsehen und im Kino erst recht nicht, daher fand ich es besonders, dass sie so dabeigeblieben sind.
Wir hatten auch bei Kindergartenkindern den Eindruck, dass man sie schon mit Dokumentarfilmen in Berührung bringen kann. Wir hatten einen Film dabei über ein vielleicht 10-jähriges Mädchen, das mit ihren Eltern auf einem Bauernhof lebt. Sie ist dafür zuständig, sich um die drei Schweine zu kümmern und hat ein ganz liebevolles Verhältnis zu diesen. Erst meinten die Kinder „Ih, Schweine!“, aber, wenn man sie später fragte – die anderen drei waren Animationsfilme – welcher ihnen am besten gefiel haben mehrere Kinder betont, dass ihnen dieser Dokumentarfilm sehr gefiel. Die Kinder begreifen schon, dass es ein Unterschied ist, ob das Mädchen real vorhanden ist, oder ob es irgendeine Figur ist, die gezeichnet wurde oder der Fantasie entsprungen ist.

Haben Sie Kooperationen mit anderen Festivals?

Hinderberger: Ja, das gibt es ja immer wieder, dass man sich auf regionaler Ebene zusammenschließt, vor allem dann, wenn es zum Beispiel Geldstreichungen gibt, aber es gibt ein Netzwerk Filmkultur NRW und dort sind wir natürlich Mitglied, da sind die anderen Festivals dabei, auch die Medienwerkstätten aus Düsseldorf, Münster und Bielefeld. Es geht nicht immer nur darum wie wir uns gegen finanzielle Streichungen wehren können, sondern was wir gemeinsam machen können, was im Falle der ganzen Festivals schwierig ist, weil jeder mit sich beschäftigt ist, aber es gibt diesen Zusammenhalt, den Austausch auf verschiedenen Ebenen und das finde ich auch gut so. Auf lokaler Ebene gehören wir dann eher zur freien Kulturszene. Es gibt den Kulturstammtisch, der sich mehr oder weniger regelmäßig trifft, aus dem letztendlich die BoBiennale entstanden ist, ein Festival, mit dem die freie Szene zeigt, was sie alles kann.

Gibt es Zielsetzungen für das nächste Festival?

Hinderberger: Im Moment noch keine konkreten. Obwohl, es gibt jetzt ein neues Teammitglied, Layla Nyrabia, die syrische Wurzeln hat und wir haben für nächstes Jahr geplant einen syrischen Schwerpunkt zu setzen, weil sie selbst in Syrien bei einem syrischen Dokumentarfilmfestival aktiv war, welches dann allerdings abgewandert ist wegen der Repression und der Politik. DoxBox hat jetzt ieinen Standort in Berlin. Ich stelle mir das sehr spannend vor, einen Einblick in die Produktionen syrischer Filmemacher*innen im Exil zu zeigen.

Warum ist es wichtig, dass es solche Festivals wie blicke gibt?

Hinderberger: Die ganzen Festivals haben verschiedene Ausrichtungen. Wir zeigen keine Kinofilme, oder wenn dann nur selten. Wir haben Amateure, besonders viele Studierende von diversen Universitäten, auch Profis, die sich nicht dem Druck des Fernsehens unterwerfen wollen und Künstler*innen die etwas ausprobieren. Das ist ein ganz anderer Austausch, eher ein Ort für Leute die noch experimentieren oder immer noch experimentieren, die ihren eigenen Stil ausbauen wollen.
Das ist das Interessante hier, eine ganz andere Atmosphäre, ein ganz anderer Sinn.