blicke-Team

Blicke vs. DoxBox: Ein Vergleich

Interview mit dem blicke-Team: Felix Hasebrink, Alisa Berezovskaya und Layla Nyrabia geführt von Anna Izmailova, Heidrun Schulze Closter und Nele Helmers, November 2018

Felix Hasebrink ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medienwissenschaften der Ruhr Universität Bochum. Gemeinsam mit Alisa Berezovskaya ist er in der Auswahlkommission und als Co-Leitung von blicke – filmfestival des ruhrgebiets tätig. Layla Nyrabia arbeitet als Pressekontakt für das blicke-Festival und war außerdem für das DoxBox-Filmfestival in Syrien tätig.

Was sind Ihre jeweiligen Tätigkeiten bei blicke?

Alisa Berezovskaya (lachend): Wir kümmern uns grundsätzlich um alles.
Felix Hasebrink: Ich war die ersten Jahre nur in der Sichtungskommission. Dort war ich bei der Sichtung der Filme dabei, habe bei der Programmgestaltung mitgeholfen und moderiert. Seit diesem Jahr kümmere ich mich mit Alisa auch um die organisatorischen Tätigkeiten im Büro. Wir pflegen den Kontakt zu den Filmemacher/innen und zu Filmschulen. Außerdem organisieren wir die Kinder- und Jugendangebote des Festivals.
Layla Nyrabia: Ich bin vor allem als Pressekontakt tätig, aber unterstütze das Team zusätzlich bei organisatorischen Tätigkeiten.

Wieso gerade blicke?

Alisa Berezovskaya: Ich habe vor vier Jahren spontan eine Initiativ-Bewerbung an blicke geschickt. Einen Monat vor dem nächsten Festival wurde ich kontaktiert und arbeite seitdem im Festivalbüro mit.
Felix Hasebrink: Ich habe grundsätzlich ein großes Interesse an Filmfestivals. Am Ende meines Bachelor-Studiums habe ich als Praktikant beim Internationalen Forum des Jungen Films im Rahmen der Berlinale Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Später habe ich für dieselbe Sektion zweimal als Gästebetreuer während der Festivalkernzeit gearbeitet. Es war auch bei mir eine spontane Entscheidung, bei blicke mitzuarbeiten.
Layla Nyrabia: Ich habe seit meinen Tätigkeiten beim syrischen DoxBox-Filmfestival nicht mehr bei Filmfestivals gearbeitet. Allerdings musste ich feststellen, dass mir die Arbeit sehr gefehlt hat, sodass ich dieses Jahr eine Initiativ-Bewerbung an blicke abgeschickt habe.

Ihr habt zuvor bei Filmfestivals, wie der Berlinale und DoxBox gearbeitet. Wie unterscheiden sich diese vom blicke Filmfestival?

Alisa Berezovskaya: Durch die geringe Anzahl an Teammitgliedern, dem Standort und dem engen Kontakt zu den Filmemachern entsteht ein sehr familiäres Arbeitsumfeld. Bei größeren Filmfestivals ist dies meistens nicht gegeben.
Felix Hasebrink: Das blicke-Filmfestival unterscheidet sich vor allem programmatisch von anderen Festivals. Anders als andere Filmfestivals beschränken wir uns auf keine Spiellänge der Filme, sodass bei uns sowohl Kurzfilme als auch Langfilme gezeigt werden. Des Weiteren haben wir nur eine Programmschiene und zeigen nicht parallel mehrere Filme. Zusätzlich haben wir jedes Jahr einen Programmpunkt, welcher sich dem Bereich „Neue Medien“, wie z.B. Virtual Reality, widmet.
Layla Nyrabia: Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Bezug zum Ruhrgebiet. Dabei beschränken wir uns allerdings nicht nur auf Filme über das Ruhrgebiet. Wir zeigen auch Filme, die zwar thematisch nichts mit dem Ruhrgebiet zu tun haben, aber von Filmemacher/innen aus dem Ruhrgebiet gedreht wurden, oder Filme, die wir dem Ruhrgebiet vorstellen wollen. Durch diese komplexe Auseinandersetzung mit dem Ruhrgebiet setzt sich blicke von anderen Filmfestivals ab.
Alisa Berezovskaya: Wir bieten zusätzlich lange und ausführliche Filmgespräche mit den Filmemacher/innen an. Bei anderen Festivals beschränken sich diese Gespräche oft auf eine sehr geringe Zeitspanne.

Sie sind zusammen mit Irfan Akcadag, Anna Sowo Koenning und Gabi Hinderberger für die Filmauswahl verantwortlich. Nach welchen Kriterien werden die Filme ausgewählt?

Alisa Berezovskaya: Dadurch, dass das Team aus verschiedenen Kontexten kommt, hat jeder grundsätzlich seinen eigenen speziellen Input und auch seine eigenen Kriterien, was einen guten Film ausmacht.
Felix Hasebrink: Wir halten uns bei der Filmauswahl trotzdem an gewisse Richtlinien. Zum Beispiel achten wir darauf, dass die Filme moralisch sowie politisch vertretbar sind. Bis auf diese Einschränkungen sind wir sehr offen für Filme jeder Art. Es geht uns bei der Auswahl nicht darum, dass die Filme technisch perfekt sind. Wichtig ist uns vor allem die Idee hinter dem Film. Wir wollen mit den Filmen ein Seherlebnis ermöglichen, welches zum Nachdenken und Mitdiskutieren anregt. Zusätzlich ist ein wichtiges Kriterium der Bezug zum Ruhrgebiet. Dabei achten wir darauf, dass die Filme nicht einfach nur Klischeebilder des Ruhrgebiets reproduzieren, sondern im Idealfall auch eigene Bilder und Ideen zu der Region entwickeln.

Der große Schwerpunkt des blicke Filmfestivals ist der Bezug zum Ruhrgebiet. Mit der Kategorie »Ausblicke« wagt Blicke einen Einblick in internationale Filmproduktionen. Wie kam es zu dieser Überlegung?

Felix Hasebrink: Es gab schon immer einige Filme, die nicht um die Preise konkurriert haben, da sie keinen biographischen oder thematischen Bezug zum Ruhrgebiet hatten. Es ist die Überlegung entstanden, dass wir den Mehrwert dieser besonderen Filme für unser Programm betonen sollten, indem wir eine Kategorie namens „Ausblicke“ schaffen und dafür einen kleinen Preis einrichten. Dadurch wollten wir unterstreichen, dass es uns einerseits um eine gewisse Öffnung des Programms geht. Anderseits wollten wir zeigen, dass die Thematik mancher Filme durchaus auf das Ruhrgebiet übertragen werden kann. Oft entstehen interessante Verbindungen zwischen den Filmen von hier und von außerhalb. Manchmal fallen verblüffende Parallelen ins Auge. Oder die Filme stellen gegenseitig ihre eigene Perspektive scharf, weil es eben nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch viele Unterschiede zwischen ihren Entstehungsorten und Entstehungsbedingungen gibt.

Warum gibt es extra Programmpunkte für Kinder und Jugendliche?

Felix Hasebrink: Das hat damit zu tun, dass wir das Gefühl haben, dass es in bestimmten Kultursparten unglaublich viele Angebote für Kinder und Jugendliche gibt. Fast jedes Theater macht Programme und Projekte mit Kindern und Jugendlichen, aber im Bereich Film gibt es das in der Dichte und in der Qualität nicht. In Deutschland wird Film an Schulen praktisch nicht unterrichtet. Wir hoffen, dass wir Kinder und Jugendliche über unsere Angebote wieder für Kino oder für Filme interessieren können. Es geht ja auch um eine Sensibilität gegenüber Filmen; auch darum, Filme kritisch zu sehen und den Blick zu öffnen für interessante Dinge, die es früher schon einmal gab. Die Kinderprojekte, die jetzt hier während des Festivals stattfinden, zeigen zum Beispiel einen experimentellen Animationsfilm des tschechischen Filmemachers Jan Švankmajer aus dem Jahr 1965. Seine Kurzfilme sind fantastisch, aber sie sind kaum im Fernsehen, geschweige denn im Kino zu sehen. Es ist sehr wichtig, dass man auch über solche experimentellen, künstlerischen Formen mit Kindern ins Gespräch kommt.
Alisa Berezovskaya: Die beiden Programme, die während des Festivals laufen, sind an Kita-Kinder gerichtet. Eine ganz besondere Aktion ist, dass sie hier einzelne Filmstreifen bemalen, sie zusammensetzen und das dann auch im Kino sehen. Es geht darum, dass die Kinder verstehen, dass ein Film aus einzelnen Bildern besteht, die in der Projektion eine fließende Bewegung ergeben.
Felix Hasebrink: Es geht uns also auch um ein „kulturelles Erbe“ namens Film und Kino. Das ist eine riesige, spannende Fundgrube, bei der wir das Gefühl haben, dass sich Schulen zum Beispiel noch nicht ausreichend dafür interessieren. Es gibt relativ wenig Bewusstsein dafür, dass auch der Film eine bestimmte Ausdrucksgeschichte hat. Ich glaube, man kann nur davon profitieren, wenn man sich ältere Filme bewusst anschaut, sich damit auseinandersetzt und dadurch auch lernt, neuere Filme kritisch zu reflektieren und einzuschätzen.

Frau Nyrabia, sie haben beim DoxBox-Festival in Syrien mitgearbeitet. In wie weit waren Sie da involviert? Was waren Ihre Aufgaben?

Layla Nyrabia: Bei der ersten Ausgabe 2008 habe ich als assistant coordinator mitgearbeitet. Das hieß dann im Prinzip: alles Mögliche, was in der Organisation anfällt. In der zweiten Edition 2009 habe ich dann als general coordinator gearbeitet. Damals wurde das Festival an sich erweitert. Es gab mehr Industrieveranstaltungen; das heißt auch Veranstaltungen für Filmemacher/innen und überhaupt stakeholders, die sich treffen, Workshops machen und networking betreiben. Bei diesen Veranstaltungen habe ich auch bei der Koordination mitgeholfen. Für mich war es am spannendsten, die Filmsichtungen für die Auswahlkommission zu organisieren, weil ich dabei nebenher die Filme mitanschauen konnte. In der dritten Edition war ich dann ein Mitglied des Auswahlkomitees. Das hat viel Spaß gemacht. Nebenher war ich noch in der Filmübersetzung dabei. Meine Aufgabenbereiche waren also sehr vielfältig. Man bekommt eine Chance mit Filmemacher/innen, mit Gästen, aber auch mit dem Publikum oder den Caterern zu reden.

Gegenöffentlichkeit ist ein wichtiger Bestandteil von Filmfestivals. DoxBox vertritt auch den Anspruch, bestimmte Werte zu vermitteln. Wie wichtig ist es, gerade in Syrien, ein Forum für diese Form von Gegenöffentlichkeit zu schaffen?

Layla Nyrabia: Schon bei der ersten Edition war klar, dass dieses Festival etwas Neues ist. In einem Land, wo die meisten Kinos, geschweige denn Programmkinos, systematisch geschlossen wurden, in einem Land, wo Notfallgesetze herrschen und Menschenversammlungen illegal sind, sagen Menschen zum ersten Mal seit Jahrzehnten: Wir zeigen nicht nur Filme aus aller Welt, Filme mit menschenrechtlich politischen Einstellungen, sondern fördern auch eine öffentliche Diskussion mit Filmemacher/innen und dem Publikum. Das war von Anfang an problematisch, mit den Autoritäten, mit dem Geheimdienst. Es bestand zumindest in meiner Erfahrung bei jeder Edition die Gefahr, dass man von den Autoritäten komplett eingestellt wird. Eine andere Sache ist auch, dass das Genre des Dokumentarfilms relativ neu im Land war. Nicht neu im Sinne von „es wurde noch nicht gemacht“ – es gab durchaus seit Jahren sehr bekannte Pioniere, die in Syrien Dokumentarfilm gemacht haben, wie zum Beispiel Omar Amiralay, der leider kurz vor der Revolution verstorben ist. Es gab also einzelne Filme, aber keine vom Staat geförderte Industrie und wenig öffentliche Wahrnehmung. Es war eine neue Herausforderung, dem Publikum dieses Genre überhaupt nahezubringen. Für uns war es eine schöne Überraschung, dass auch Dokumentarfilme sehr gut ankommen und intensiv geschaut werden. Man sieht, wie Dokumentarfilme zum Lachen oder Weinen bringen. Das war eine Premiere für das Land.

Das ist sehr beeindruckend. Stimmt es, dass DoxBox 2012 aus politischen Gründe nicht stattfinden konnte?

Layla Nyrabia: Es wurde sogar endgültig bis auf weiteres eingestellt, aus Protest gegen die Unterdrückung im Land. Als das Festival noch in Syrien lief, wurden Dokumentarfilme aus Syrien gezeigt. Das Festival hat aber auch Dokumentarfilme aus aller Welt nach Syrien gebracht und sie in mehreren Städten gezeigt. In den zwei Editionen nach der Revolution, die im Ausland stattfanden, war es umgekehrt: Man hat Dokumentarfilme aus Syrien hinaus in die Welt gebracht. An dem DoxBox Global Day wurden in über 33 Städten gleichzeitig auf der Welt ein Programm von Dokumentarfilmen aus Syrien gezeigt. Den Großteil da präsentierten Filme hätte man in Syrien nicht zeigen können. Danach ist das Kernteam nach Deutschland gekommen und existiert hier als DoxBox e.V. weiter. Das ist eine Organisation, die allgemein documentary filmmaking im arabischsprachigen Raum fördert, also networking-Möglichkeiten mit Geldgebern ermöglicht und Bildungsmöglichkeiten auf verschiedenen Ebenen für die neuen und auch für die erfahrenen Filmemacher/innen bietet.

Sie haben es ja schon angesprochen, dass Sie bei der Auswahl und Gestaltung wegen der Autoritäten und der Sicherheit vorsichtig sein mussten. Sie haben ja jetzt den direkten Vergleich, wenn Sie jetzt hier in Deutschland bei einem Filmfestival arbeiten. Wie unterscheiden sich Filmfestivals in Deutschland und in Syrien?

Layla Nyrabia: Ich kann auf jeden Fall sagen: Das Gefühl im Team hat sich nicht verändert. Das Ziel ist weiterhin, wirklich gute, neue, innovative, aber auch ästhetisch hochqualitative Inhalte zu bringen und Denkanstöße in die Welt auszustrahlen. Der erste und auffälligste Unterschied, der mir einfällt (außer der Anwesenheit des Geheimdienstes): Man muss hier keine Filme zu irgendeiner Zensurbehörde schicken, die dann wirklich Film für Film ihre Zusage geben muss. In Syrien heiß das: Sobald irgendwelche roten Linien überschritten wurden, wurde ein Film sofort abgelehnt. Das ist ein Weltenunterschied.

Und was meinen Sie, wie unterscheidet sich die Themenfindung beim DoxBox Festival zu der Themenfindung oder der Filmfindung hier?

Layla Nyrabia: Das ist eine ganz klare Unterscheidung. Dort ging es um ein spezifisches Genre. Es ging wirklich um persönliche, künstlerische Dokumentarfilme, bei denen der Dreh meist Jahre gedauert hat. blicke hat zwar einen thematischen Schwerpunkt, aber keine Begrenzungen bei Genres.

Wie wichtig ist es in Deutschland, einen Fokus auf die Filmcommunity im arabischen Raum zu setzen? Könnten wir davon profitieren, den arabischen Filmemacher/innen bei uns mehr Aufmerksamkeit zu schenken?

Layla Nyrabia: Absolut. Nicht zuletzt, weil die meisten freien Filmprojekte, die inhaltlich unabhängig sind, von europäischen Geldern gefördert werden. Bis auf den Arab Fund for Cultures, der noch gar nicht so lange existiert, sind die meisten Förderer in Europa ansässig. Es gibt eine ganze Industrie, die von unserer freien Welt hier abhängig ist, damit sie überhaupt ihre Meinungsfreiheit, ihre Kunstfreiheit ausleben können.
Felix Hasebrink: Vielleicht kann man ergänzen, dass es auch Filmfestivals gibt, die sehr gezielt internationale Filme fördern, z.B. Rotterdam, aber auch die Berlinale, die dafür eigene Programme und eigene Gelder zur Verfügung haben. Es gibt immer wieder Beispiele für sehr erfolgreiche Kooperationen.
Layla Nyrabia: Der Anteil an Koproduktionen, die mindestens zur Hälfte europäisch produziert worden sind, teilweise mit privaten Produzenten aus Deutschland, ist viel mehr als man denkt.

Der Film hat sich in den letzten 20 Jahren stark entwickelt und damit auch die Art, wie Filme konsumiert werden. Wo sehen Sie da die Zukunft des Films und des Filmfestivals?

Felix Hasebrink: Das ist schwierig. Es ist interessant, dass es mehr Festivals gibt. Es ist zum Beispiel nicht so, dass es durch mehr Streaming-Angebote automatisch weniger Festivals gibt. Im Gegenteil: Es gibt eher mehr Festivals, sogar Onlinefestivals. Ich glaube, dass dies tatsächlich eine Form sein könnte, in der es auch weiterhin Kino gibt. Das Kino ist ja nicht tot. Es gibt schließlich Kinomärkte, die immer noch wachsen, in Asien zum Beispiel. Auch in Deutschland ist es ja nicht so, dass keiner mehr ins Kino geht. Aber: Nur weil weltweit mehr Filme produziert werden, heißt das nicht, dass es auch mehr Filme ins Kino schaffen. Durch die steigende Anzahl an Filmen wächst der Konkurrenzdruck, welche Filme gezeigt werden. Letztendlich gelingt das oft nur den Filmen, die den meisten Gewinn versprechen – was nicht unbedingt heißt, dass das auch die interessantesten Filme sind. Ich glaube, dass tendenziell weniger interessante Filme ins Kino kommen. Aber wenn es Festivals gibt, die in Kinos stattfinden müssen, spielt Kino als ein öffentlicher Erfahrungsraum weiterhin eine wichtige Rolle. Festival funktioniert nicht, wenn jeder allein vor dem Laptop zuhause sitzt. Die klassischen Filmfestivals funktionieren so, dass man sich real trifft, ins Gespräch kommt und auch kritisch über Filme diskutiert. Und dafür ist das Kino immens wichtig. Es ist kein anderes Medium in Sicht, das das Kino in dieser Funktion ablösen könnte.
Alisa Berezovskaya: Vor allem für die Regisseur/innen. Für sie sind Festival eine wichtige Möglichkeit, öffentlich wahrgenommen zu werden und in der Branche Fuß zu fassen. Vielleicht gibt es heute mehr Filme als früher, weil die Möglichkeiten einfacher geworden sind, überhaupt einen Film zu drehen. Jeder hat eine Kamera. Dabei wird die Plattform noch wichtiger. Gerade weil Kinos vermehrt Hollywood-Blockbuster zeigen, um sich finanziell über Wasser zu halten, wird es für unbekannte und noch unerfahrene Filmemacher/innen immer schwieriger, ihre Filme in Kinos zu zeigen.
Felix Hasebrink: Es ist ein Trugschluss zu glauben, dadurch, dass alle Filme machen können, gäbe es keine Zugangsbeschränkungen mehr. Ich glaube, dass es eher umgekehrt ist. Im Moment zeichnet sich international eine starke Monopolbildung ab, wenn man sich etwa anschaut, wie sich der Disney-Konzern gerade entwickelt. Umgekehrt gibt es immer mehr Filme, die nur auf Festivals verfügbar sind, um danach vielleicht irgendwann einmal auf Plattformen wie Vimeo oder Mubi zu landen. Es existiert nach wie vor ein starker festivalcircuit, der für die Auswertung und den öffentlichen Zugang zum Film sehr wichtig ist, weil eben nicht alles online ist.
Layla Nyrabia: Ich kann mich nur anschließen. Ich denke, Festivals werden weiterleben, weil man dieses komplexe Gesamterlebnis nicht zuhause haben kann. Die Chance, eine bestimmte Kombination von Filmen zu sehen mit den Diskussionen – das ist eine Erfahrung, die Menschen weiter haben wollen.
Felix Hasebrink: Bis hin zu DoxBox, das ist ein gutes Beispiel für ein Format, das stark von der Idee des Festivals lebt. In anderen Kontexten würde es mit derselben politischen Ausrichtung nicht funktionieren. Wenn es darum geht, bestimmte Filme verfügbar zu machen, ihnen ein öffentliches Forum zu geben, oder auch die Öffentlichkeit über bestimmte Filme von Geschehnissen zu informieren, eine Sichtbarkeit zu schaffen, sind Festivals wichtig. Ein durchschnittliches Kino hätte an einem syrischen Dokumentarfilm nicht so viel Interesse, weil er kommerziell nicht sofort auswertbar ist. Eine Kopie kommt nicht unbedingt nach Deutschland und hier dann nicht in den Verleih. Es gibt zahlreiche Zugangsbeschränkungen, durch die diese Filme einfach nicht hindurch kommen, wenn zehn Startplätze schon mit Marvel-Filmen ausgebucht sind.
Layla Nyrabia: An dem, was Felix sagt, merke ich, dass man quasi auch dem Publikum in Deutschland die Freiheit von diesem kommerziellen Aspekt schenkt. Gerade auf Festival werden Filme gezeigt, die ein bisschen ausgefallener sind, außerhalb des Mainstreams.