Uli Ziemons

Ästhetischer Eigensinn, gesellschaftlich-künstlerischer Diskurs und Reflexion des filmischen Mediums – Filme und Installationen im Forum Expanded

Interview mit Uli Ziemons geführt von Gina Sucker & Elena Heinz, November 2018

Uli Ziemons studierte Medienwissenschaft und Anglistik an der Ruhr-Universität Bochum und absolvierte sein Masterstudium der Europäischen Medienwissenschaft an der Universität in Potsdam. Er hat einen breiten Erfahrungsschatz im Bereich der Arbeit für Film- und Videofestivals und ist beim Forum Expanded im Rahmen der Berlinale tätig.

Wir würden Sie zunächst gerne um eine kurze Definition des Forum Expanded und Ihrer konkreten Tätigkeit dort bitten.

Ziemons: Ganz banal gesagt, ist das Forum Expanded ein Programm im Rahmen des Forums der Berlinale und das Forum ist eine der größten Sektionen der Berlinale. Das Internationale Forum des Jungen Films – wie es offiziell heißt – existiert seit den 1970ern. 1971 gab es bei der Berlinale einen Skandal um den Film „o.k.“ von Michael Verhoeven, der damals die Jury gespalten hat. Im Nachgang wurde das bereits unabhängig neben der Berlinale stattfindende Forum zum festen Bestandteil des Festivals und fungiert seitdem als Ort für experimentelles, politisches, sowie unabhängiges Kino. Ab den 90er Jahren gab es die Entwicklung, dass immer mehr Bewegtbild in Galerien und im Kunstkontext stattgefunden hat. Auch für das Forum wurden immer mehr Arbeiten eingereicht, die nicht mehr strikt für das Kino produziert wurden. Aus diesem Bedürfnis – dem bewegten Bild außerhalb des Kinos im Festival einen Platz zu geben – ist dann 2006 das Forum Expanded entstanden. Inzwischen hadern wir ein wenig mit der Definition, die wir früher benutzt haben, dass sich das Forum Expanded mit den Grenzbereichen zwischen Kino und Kunst beschäftigt. Das war zwar als es gegründet wurde überwiegend richtig, diese Verortungs-Fragen interessieren uns aber inzwischen weniger.

Das Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. ist die Institution, die das Forum und das Forum Expanded innerhalb der Berlinale eigenständig organisiert. Es gibt von der Berlinale ein Budget, aber die inhaltliche Verantwortung liegt komplett beim Arsenal. Im ersten Jahr bestand das Forum Expanded aus einer Ausstellung, in der nur rein installative Arbeiten gezeigt wurden und dann wurde es immer mehr zur Plattform für Filme, die man im weitesten Sinne – aber nicht nur – unter dem Begriff Experimentalfilm, oder artists’ moving image, zusammenfassen könnte. Darunter sind auch Arbeiten, die schon formal bei der Berlinale eher durch das Raster fallen. Wir sind zum Beispiel das einzige Programm, neben dem nur auf deutsche Filme spezialisierten Programm Perspektive Deutsches Kino, das bei der Berlinale Filme zwischen 30 und 60 Minuten Länge zeigt. Das ist eine Länge, die in für den Kunstkontext produzierten Arbeiten häufiger vorkommt. Man arbeitet in diesen Zusammenhängen vielleicht weniger auf die Festivals oder auf einen Sendeplatz hin, ist deshalb weniger stark formatiert. Unsere jährliche Gruppenausstellung umfasst jeweils 12-14 Positionen. Gemeinsam mit dem Filmprogramm kommen wir auf 40 bis 50 Arbeiten jährlich die wir zeigen.

Wie entscheidet sich das Programm und welch Arbeitet aufgenommen wird? Wie arbeiten sie zusammen und wieviele Mitglieder hat das Gremium der Sektion?

Ziemons: Das ändert sich jedes Jahr ein bisschen. Dieses Jahr sind wir vier Leute im kuratorischen Team des Forum Expanded. Neben der Leiterin und Gründerin Stefanie Schulte Strathaus ist das Anselm Franke, der 2006 das Forum Expanded mitgegründet hat. Er war damals der künstlerische Leiter der KW Institute for Contemporary Art (Kunstwerke, Berlin), einem sehr wichtigen Ausstellungsraum in Berlin, und ist inzwischen Leiter des Bereichs Bildende Kunst und Film am Haus der Kulturen der Welt. Außerdem noch Maha Maamoun, Kuratorin und Filmemacherin aus Kairo und ich. Wir treffen uns meist im Spätsommer zum ersten Mal in Berlin und sichten in der Zeit zwischen Ende September und Mitte Dezember dann regelmäßig insgesamt ungefähr 300 bis 500 Arbeiten.
Die Berlinale hat einen offenen Einreichprozess, der über eine Initiativbewerbung funktioniert. Man zahlt eine Einreichgebühr und der Film wird gesichtet. Beim Forum Expanded ist eine Einreichung nicht möglich. Deswegen funktioniert das viel über Arbeiten, die Leute aus dem Team mitbringen, die sie irgendwo gesehen haben, z.B. auf Biennalen. Oder wir fragen Filmemacher*innen und Künstler*innen gezielt an, ob sie etwas Neues haben, was wir sichten können. Wir schauen alle Titel zusammen in der Gruppe und treffen eine Vorauswahl, wovon am Ende 40-50 Titel ausgewählt werden. Es wird auch nochmal unterschieden zwischen Arbeiten für eine installative Präsentation und für das Kino. Es gibt keinen formalisierten Prozess mit einzelnen Stimmen oder Vetorechten, sondern es wird frei ausdiskutiert. Wir haben zudem einen Berater*innenkreis, der uns zusätzlich Arbeiten zukommen lässt.

Eine Besonderheit der Auswahl ist, dass wir mit vielen Leuten zu tun haben, die sich eher in Kunst-Zusammenhängen bewegen. Es ist nicht für alle, deren Arbeiten bei uns auf dem Tisch liegen, so klar, dass wir als Teil der Berlinale auch bestimmten Premierenregeln entsprechen müssen. Viele FilmemacherInnen produzieren für die Premiere bei einem Festival – sie produzieren quasi darauf hin. Sie kennen ganz genau die Einreichfristen und wissen sehr genau, wann und wo ein Film gezeigt werden darf oder auch nicht. Sie haben eine Strategie, wie sie ihren Film weltweit vermarkten und auf Festivals versuchen unterzubringen. Die kennen sich aus mit den Regularien, wissen, wo sie ihre Filme zeigen dürfen, etwa, wenn sie den Film in Asien bereits uraufgeführt haben, ist es trotzdem noch möglich, ihn im Forum zu zeigen. All das wissen die Leute, die ihre Installationen bei uns zeigen nicht unbedingt und da ist es manchmal schwieriger aktuelle, noch nicht gezeigte Arbeiten auszuwählen. Hinzu kommt die Schwierigkeit eine installative Arbeit zu bewerten, die man zuvor so noch nicht im Raum gesehen hat. Die Mitglieder des kuratorischen Teams reisen sehr viel und sehen Ausstellungen auf der ganzen Welt und können von dort auch Sachen mitbringen, von denen sie auch schon einen tatsächlichen Eindruck bekommen haben. Bei anderen Arbeiten entscheiden wir auf Basis des uns vorliegenden Konzepts. Nach der Auswahl wird dann mit dem Künstler*innen gemeinsam entschieden, wie genau wir die Arbeit installieren wollen. Mitte Dezember versuchen wir die Auswahl abzuschließen. Damit sind wir eine der ersten Sektionen der Berlinale die ihr Programm finalisiert. Die anderen Auswahlgremien sichten noch bis Anfang Januar, aber wir müssen es so machen, weil wir die ohnehin sehr knappe Vorbereitungszeit brauchen, um die Ausstellungen umzusetzen. Das muss alles geplant und budgetiert werden, da bleibt nicht viel Zeit.
Grundsätzlich ist es also so, dass vier Leute die Arbeiten gemeinsam auswählen, wir haben kein Team mit Vorsichter*innen oder ähnliches. Es sind viele gezielt angefragte Arbeiten darunter und wenn nicht von uns angefragt, dann von einem Kreis vertrauter Berater*innen.

Was bedeutet eine Ausstellung bei der Berlinale für die Künstler*innen und besonders für jene, die weniger bekannt sind? Gibt es Künstler*innen bereits mehrmals bei der Berlinale vertreten waren und handelt es sich dabei eher um die Minderheit?

Ziemons: Es ist gar nicht unbedingt so, dass die Leute, deren Arbeiten wir zeigen, nicht bekannt wären und wir uns nur auf Nachwuchs spezialisieren. Wir haben auch namhafte Leute dabei. Eine Strategie und ein Anliegen des Forums insgesamt ist es, dass man versucht eine Karriere von Künstler*innen über einen längeren Zeitraum zu verfolgen und zu begleiten. Sehr produktive Künstler*innen können dann auch mal mehrere Jahre in Folge mit Arbeiten vertreten sein. Natürlich kommt das auch daher, dass wir keine Einreichungen haben und sich über die Jahre Netzwerke und Kontakte entwickeln. Letztes Jahr hatten wir in der Ausstellung glaube ich 13 Installationen und da waren sicher mindestens 3-4 Künstler*innen dabei, die schon einmal bei uns im Programm waren, sei es mit einer Installation oder einem Film. Das ist relativ üblich.

Man merkt schon, dass einige Filme enorm davon profitieren, dass sie im Berlinale-Kontext gezeigt wurden und anschließend sehr stark nachgefragt werden. Wir können das ganz gut verfolgen, weil die Filme, die wir im Forum Expanded zeigen in der Mehrzahl nach dem Festival in den Verleih des Arsenals übernommen werden. Viele andere Festivalmacher sind bei der Berlinale, was dazu führt, dass Filme aus unserem Programm recht häufig nachgespielt werden. Bei den Installationen haben wir da nicht so einen genauen Überblick, weil die Sachen eher selten bei uns im Verleih landen. Der Verleih von Installationen ist aufwändiger, da diese Arbeiten oft eben nicht nur eine Festplatte mit einer Datei sind oder eine 16mm-Filmrolle, sondern klare Vorgaben bzgl. Aufbau etc. umfassen, und diese Vermittlung können wir oft nicht leisten oder überprüfen. Das schafft eine Galerie besser.

Ich glaube es ist schon so, dass der Berlinale-Stempel für Filme recht viel wert ist. Ob es im Kunst-Kontext so ist, kann ich schwerer einschätzen. In diesem Bereich vielleicht eher für die Leute, die noch nicht so ein standing haben. Im Filmbereich ist es definitiv hilfreich für die weitere Festivalkarriere des Films. Die ist ja Aufgrund der üblichen Premierenregeln relativ begrenzt – nach der Premiere vielleicht auf maximal zwei Jahre. Danach merkt man, dass die Filme weniger nachgefragt werden, es sei denn man hat einen richtigen Klassiker produziert.

Gibt es denn einen richtigen ‚Klassiker’, der besonders erfolgreich war nachdem Ihr ihn gezeigt habt? Sowohl Filme, als auch Installationen.

Ziemons: Das passiert immer wieder. Gerade wieder bei einem Film der libanesischen Künstlerin Rawane Nassif, die viele Preise auf verschiedenen Festivals bekommen hat. Ihr Film „Turtles are always home“ hatte bei uns 2017 Premiere und ist wirklich sehr gut gelaufen. Ich weiß nicht, wie viele Festivaleinsätze er später hatte, aber sie reist glaube ich immer noch mit dem Film. Es ist ein Kurzfilm, eigentlich relativ unspektakulär, aber sehr toll gemacht. Die Filmemacherin lebte in Dubai, in einer Nachbildung von Venedig, und drehte dort den Film. Der Titel ist ein Zitat aus einem Gedicht: Schildkröten haben ihr Haus quasi immer dabei und der Film handelt vom Ortlos-Sein und das reflektiert sich auch in dem Drehort, der eigentlich kein Zuhause ist, sondern nur Fassade.

Wenn Filme auch nach der Berlinale noch zu sehen sind, freut uns das. Auch dies ist Grund dafür, dass das Arsenal einen Filmverleih hat. Wir möchten nicht, dass die Filme nur zwei Mal bei der Berlinale gezeigt werden und dann verschwinden, sondern auch noch weiter verfügbar sind und so noch ein Leben haben. Wir zeigen auch relativ regelmäßig eine Auswahl unserer Filme auf Festivals im Ausland oder in anderen Städten. Dieses Jahr haben wir ein Programm in Bukarest gezeigt und da war auch Rawane Nassif wieder dabei. Während des Festivals führen wir nach den Screenings Filmgespräche. Das hatten wir damals während der Berlinale schon drei Mal mit ihr gemacht und dann sprachen wir ein Jahr später in Bukarest ein weiteres Mal miteinander – inzwischen kannte sie alle möglichen Fragen zum Film bereits in- und auswendig. Sie hatte sicher bereits 50 Mal über ihren Film gesprochen. Das nur so als Indikator, wie erfolgreich der Film war.

Wir haben aber auch Leute wie James Benning im Programm oder Barbara Hammer, die eine Ikone des amerikanischen Experimentalfilms ist. Barbar Hammer ist natürlich nicht jemand, die zum Forum Expanded kommt und auf einmal explodiert ihre Karriere. Wir versuchen da immer eine gute Mischung zu haben. Diese Vertreter*innen des nordamerikanisch geprägten Experimentalfilms, die oft aus einer Tradition des Arbeitens mit Filmmaterial und aus einer strukturalistischen Strömung kommen, sind wichtige Eckpfeiler unseres Programms. Aber wir versuchen uns auch von diesen sehr klaren Experimentalfilmdefinitionen zu lösen und zu schauen, was sonst noch möglich ist. In den letzten Jahren haben wir viel aus der MENA-Region, also Mittlerer Osten und Nordafrika, gezeigt. Da gibt es eine ganz andere Kinotradition, die weniger nordamerikanisch geprägt ist. Dort gibt es auch wieder ein anderes Verständnis davon, was man vielleicht experimentell nennen könnte. Wir versuchen dafür offen zu sein und Verbindungen herzustellen, die einem im ersten Moment nicht unbedingt einleuchten. Aber im besten Fall auf eine Art, bei der alle Filme, die miteinander kombiniert werden etwas davon haben, dass sie gemeinsam gezeigt werden.

Gibt es direkte Zuschauerreaktionen auf die gezeigten Experimentalfilme? Und wie wichtig ist die Publikumsreaktion auf diese Filme?

Ziemons: Grundsätzlich muss man sagen, dass unser Publikum sehr aufmerksam und offen ist. Es gibt eine eingeschworene Gemeinde, die Experimentalfilm toll findet und regelmäßig unsere Veranstaltungen besucht. Das merkt man das ganze Jahr über bei Veranstaltungen im Arsenal-Kino und das merkt man auch bei der Berlinale. Man sieht viele bekannte Gesichter.
Aber die Berlinale ist sehr international und es ist ein riesiges Publikumsfestival, weshalb auch viele Leute zu uns kommen die vielleicht gar nicht wissen, was das Forum Expanded ist und was sie da erwartet. Das kann in seltenen Fällen zu Frust führen – etwa wenn man unvorbereitet einen einstündigen Film von Sharon Lockhart sieht, der nur aus einer verlangsamten stummen Kamerafahrt durch eine Fabrik-Umkleide besteht. Da wurde dann auch mal gebuht. So direkt sind die Reaktionen dann auch. Oder bei einem Film des japanischen Filmemachers Tomonari Nishikawa, der mit einer Lomo-Kamera gedreht hat, die 4-5 Bilder in Serie in einem Bildkader macht. Damit hat er einen Film auf der Pferderennbahn gemacht. Da kam im Filmgespräch nach dem Screening die Frage: „Ich habe jetzt Kopfschmerzen von ihrem Film, wieso haben Sie den denn so gemacht?“. Sowas passiert jedoch immer seltener. Ich finde es eigentlich schade, dass diese Ausreißer weniger werden, weil es vielleicht auch zeigt, dass wir ein bisschen berechenbarer geworden sind.
Im Bestfall stolpert aber immer noch jemand, der nichts mit Experimentalfilm zu tun hat, in unser Programm und vielleicht findet er oder sie es dann ja super und kommt wieder. Bei mir war es auch so, dass ich keine Ahnung hatte und dann das erste Mal vollkommen überfordert in Oberhausen bei den Kurzfilmtagen war, aber da ist dann irgendwas hängen geblieben. Ich bin immer wieder hingegangen und habe mich mit meinem Interesse langsam in diese Richtung bewegt. Das ist auch meine Hoffnung, denn wenn das Publikum immer nur aus denselben 50 Leuten bestünde, wäre es natürlich auf die Dauer langweilig.

Was sagt der Zulauf bei solchen Filmen über das Kino und den Experimentalfilm aus? Was kann es für das Kino bedeuten, wenn der Experimentalfilm auf das Mainstream Kino abfärbt? Kann sich das Programm des Kinos zukünftig zum Experimentalfilm wandeln?

Ziemons: Ich glaube schon, dass es eine Verschränkung von Experimentalfilm und kommerziellen Kino gibt. Es war immer schon so, dass im Experimentalfilm Sachen gemacht werden die 20 Jahre später im Mainstream-Kino genutzt werden. Wenn man sich beispielsweise den ganzen nordamerikanischen Experimentalfilm der 60er/70er Jahre ansieht – das Einzelbild, schnelle Schnitte, bestimmte Bildverfahren austesten und damit rumexperimentieren – das sind Sachen die irgendwann über die Werbung oder so in einem Film, vielleicht einen großen Arthouse-Film, landen. Oder Ridley Scott guckt sich dann was ab. Da kann man eine direkte Linie ziehen und das stimmt heute sicherlich noch genauso.
Wie ich vorhin gesagt habe fokussieren wir uns mit Forum Expanded nicht mehr so sehr auf das Aushandeln zwischen Kunst und Kino. Inzwischen ist es üblicher, dass ein Film auch so in einer Galerie oder in einer Kunstinstitution läuft. Man geht in Ausstellungen und es ist oft Bewegbild mit dabei. Das ist nichts was heute noch eine alleinige Daseins-Berechtigung für ein Sektion eines Filmfestivals wäre. Diese Art von Umgang mit Film ist inzwischen so normal, dass sich jetzt niemand mehr fragt, ob die Berlinale das braucht oder warum sie es macht.
Nichts desto trotz ist es immer noch so, dass der Begriff Experimentalfilm eine ganz bestimmte Szene beschreibt und diese Gruppe schließt nicht unbedingt bildende Künstler*innen mit ein, die mit Video oder Film arbeiten. Es gibt da immer noch nicht ganz so viele Überschneidungen.
Ob man jetzt ins Forum Expanded geht und sagt: „Aha, da geht der Film hin“, das kann ich nicht genau sagen. Ich glaube wir sind eher interessiert an einer aktuellen Bestandsaufnahme dessen, was gerade passiert. Das hat in den letzten Jahren gerade viel damit zu tun, dass es in Kunst-Zusammenhängen sehr viel dokumentarische Arbeiten gibt. Viele der Installationen, die wir zeigen, sind dokumentarisch. Es wird versucht damit anders umzugehen, wenn man es in einem Raum versetzten kann: etwa, dass man noch anderes Material dazu nimmt oder durch die Aufteilung in mehrere Kanäle oder mit einer anderen Schnittführung etwas ausprobieren kann, was vielleicht früher in einem klassischen 90-minütigen Dokumentarfilm verhandelt wurde.

Wo liegen die künstlerischen Grenzen beim Film. Was ist Film an sich? Wo beginnt Film, auch im technischen Zusammenhang? Was ist das „Zeigbare“? Insbesondere beim Kunstfilm, welcher für viele Leute noch nicht greifbar ist.

Ziemons: Wir hadern wie gesagt auch mit Begriffen wie „Experimentalfilm“. Das Forum oder das Forum Expanded benutzen solche Genrebegriffe erst gar nicht, wir versuchen diese Kategorisierungen zu vermeiden. Aber natürlich ist das schwierig. Ich falle selbst immer darauf zurück und spreche dann eben doch vom „Experimentalfilm“, damit sich erstmal jeder was vorstellen kann.

Ich würde nicht sagen, dass ein „Experimentalfilm“, ein „Kunstfilm“ oder was man auch immer für einen Begriff wählen will, spezifische Eigenschaften hat, die wie auf einer Liste abgehakt werden. Das widerspräche genau der Grundidee des Experimentalfilms. Natürlich gibt es da Konventionen und Traditionen innerhalb derer man arbeitet, die immer wieder aufgerufen und zitiert werden. Was uns als Forum Expanded interessiert ist beides: Einerseits Filme, die diese Traditionen komplett ignorieren oder versuchen etwas Neues zu machen. Und andererseits solche, die diese Traditionen in irgendeiner Art und Weise neu aushandeln oder neu denken. Heute geht es eher wieder darum zu schauen, was die Filme oder Installationen, die wir präsentieren über die Realität aussagen. Haben sie eine gesellschaftliche oder politische Relevanz? Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir viel Dokumentarisches sichten. Das geht Hand in Hand miteinander. Es wäre seltsam, ein Programm zu zeigen, das beispielsweise nur rein ästhetische Experimente versammelt. Die Berlinale hat ja auch einen Anspruch, eine gesellschaftliche Aktualität zu haben. Da ist auch das Forum Expanded aufgefordert Arbeiten zu zeigen, die nicht nur schön anzuschauen sind, sondern auch auf anderen Ebenen etwas mitgeben.

Erlaubt sich das Forum Expanded da mehr als die Berlinale? Oder greift es etwas auf, das die Berlinale oder der Hauptwettbewerb nicht macht? Wenn das überhaupt der Anspruch des Forums ist.

Ziemons: Der Anspruch des Forum Expanded ist, das beste Festival oder das beste Programm für den Moment zu machen. Innerhalb der Logik eines A-Festivals. Das ist die besondere Herausforderung, vor allem in unserer Gruppenausstellung, dass wir nur Arbeiten auswählen können, die aus den letzten 12 Monaten sind und auch noch nicht in Europa gezeigt wurden. Ich kann mich also nicht im Januar hinsetzen und sagen ich möchte eine Ausstellung zum Thema XY machen, jetzt recherchiere ich die ganzen Arbeiten zusammen. Im Umkehrschluss haben dann die ganzen Arbeiten die ausgewählt wurden aber hoffentlich auch eine besondere, aktuelle Relevanz.

Bei Berlinale Uncovered kamen Sie selbst auf die Frage „Was ist das Kino heute? Was kann das Kino sein?“, vielleicht haben Sie dazu nun eine Antwort gefunden?

Ziemons: Ich weiß es nicht und glaube auch, dass wenn darauf eine Antwort gefunden würde, wir aufhören könnten. Das ist jetzt genauso eine Plattitüde, aber ich glaube weiterhin, dass das Kino wichtig ist. Es ist mir immer wichtig zu betonen: Uns geht es nicht darum zu sagen „das Kino ist als Ort abgemeldet, als Rezeptionszusammenhang, und deswegen gehen wir jetzt in den Galerieraum.“ Aber das Kino ist eben nicht mehr der einzige Ort, in dem man in sinnvoller und bereichernder Weise bewegte Bilder zeigen kann. Das hat sich erweitert und dass sich das Forum Expanded innerhalb eines der größten Filmfestivals der Welt so etabliert hat, zeigt auch, dass man sich diesem Gegenüber geöffnet hat.

Gibt es ähnlich aufgebaute und erfolgreiche Institutionen wie das Forum Expanded bei anderen großen Festivals?

Ziemons: Es gibt natürlich Modelle aus der Medienkunst und auf anderen Festivals, die ähnliche Konstellationen bespielen. Ob es die transmediale ist, die in Berlin stattfindet oder das European Media Art Festival in Osnabrück, die Monitoring-Ausstellung des Kasseler Dokfests, aber auch größere Festival wie das Toronto International Filmfestival. Dort gibt es die Sektion Wavelengths, die ähnlich gelagertes Kino zeigt wie wir. Das Filmfestival in Rotterdam hat eine ganz interessante neue Initiative zu Filmperformances. Dazu kommen die unzähligen Kunst-Biennalen, bei denen ganz selbstverständlich Bewegtbild gezeigt wird, zum Teil in speziellen Film- bzw. Kinoprogrammen. Ich glaube da gibt es eine gegenseitige Befruchtung.

Was ist Ihr persönliches Lieblingsformat oder Genre? Vielleicht auch Lieblingsfilm?

Ziemons: Meine Lieblingsfilme hängen oft damit zusammen, was ich zuletzt gesehen habe, aber ich glaube so vielfältig die Filme sind, die ich bei der Arbeit beim Forum Expanded sehe, bin ich doch immer noch ein großer Fan des nordamerikanischen Experimentalfilms. Ken Jacobs ist zum Beispiel einer meiner absoluten Lieblingsfilmemacher. Er ist auch ein fantastisches Beispiel für jemanden, der sich nicht ausruht auf einem Begriff und einem vermeintlichen Wissen darum, was Experimentalfilm bedeutet. In den 50er Jahren hat er angefangen sehr barocke Filme zu drehen, mit Freunden die unglaublich ausstaffiert waren und sehr exaltiert vor der Kamera performten. Dann ist er immer mehr zu einem strukturellen Filmemacher geworden. Er hat einen der besten Filme überhaupt gemacht, der heißt passenderweise „Perfect Film“. Ken schickt uns bis heute jedes Jahr fünf neue Filme. Schon sehr früh hat er angefangen sich mit 3D zu beschäftigen. Er macht jetzt 3D-Filme, die man aber ohne Brille schaut. Filme, deren 3D-Effekt sogar besser zu sehen ist, wenn man ein Auge zumacht. Das basiert auf einem altbekannten optischen Phänomen: Er animiert auf eine bestimmte Art und Weise stereoskopische Bilder, fügt Schwarzbilder ein und wechselt von negativ zu positiv. Das ergibt Bilder, die er „etarnalisms“ nennt, ähnlich einer unendlichen Bewegung, die nicht von der Stelle kommt. Außerdem entsteht eine räumliche Tiefe. Er hat ein super Gespür dafür Bilder zu finden, bei denen 3D einen verunsichert und total verwirrt was man da grade eigentlich sieht. Das ist jenseits von irgendwelchem Immersionsbegehren. Es geht gar nicht darum, jemanden einzusaugen, sondern es geht wirklich darum, die Betrachter*in dazu zu bringen, darüber nachzudenken was er oder sie da gerade sieht, wie das funktioniert, wie die Wahrnehmung funktioniert und so weiter. Das ist wirklich großartig und er ist einfach ein ganz toller Filmemacher.