Natascha Frankenberg

»Queerer Film und seine Festivals: warum Repräsentation diskutiert werden muss«

Interview mit Natascha Frankenberg geführt von Julia Germer & Alina Nolte, November 2018

Natascha Frankenberg ist beim internationalen Frauenfilmfestival Dortmund/Köln tätig. Sie ist Medienwissenschaftlerin; ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt im Bereich des Queer Cinema. 2018 war sie Teil der Jury des Teddy Awards der Internationalen Filmfestspiele Berlin, der Berlinale.

Was sind Ihre Forschungsbereiche und welche Tätigkeiten üben sie im Festivalbereich aus?

Frankenberg: Ganz unterschiedliche Bereiche. Zu den Teddy Awards war ich eingeladen, weil ich für das Frauenfilmfestival die „begehrt“ Sektion kuratiere, das ist die queere Filmsektion beim Frauenfilmfestival. Dabei gibt es natürlich viele Schnittmengen mit dem, womit ich mich wissenschaftlich beschäftige. Ich bereite gerade die Verteidigung meiner Doktorarbeit vor, in der ich mich mit Zeitlichkeit in den Queer Studies beschäftige.
Seit einigen Jahren gibt es eine Konjunktur der Auseinandersetzung mit Zeitlichkeit als normativer Ordnungsstruktur. Es wird untersucht, wie bei diversen Phänomenen, Machtstrukturen oder Ordnungsstrukturen herausgestellt werden können, wenn wir uns auf Fragen nach Zeitlichkeit fokussieren. Fragen die in diesem Kontext bei Jack Halberstam auftauchen, wären zum Beispiel: Warum legen wir so viel Wert auf Langlebigkeit? Warum ist es uns so wichtig, dass wir alle so gut abgesichert sind, dass wir uns alle auf eine bestimmte Zukunft gut und sicher vorbereiten? Aber das ist nur ein kleiner Aspekt und es gibt noch viele weitere Fragen, die in Bezug auf Zeitlichkeit in den Queer Studies gestellt werden. Ich interessiere mich hier besonders für die Überschneidungen mit filmwissenschaftlichen Fragen zur Zeitlichkeit. Zudem frage ich, welche Beiträge queere Filme selbst zu einer Auseinandersetzung mit Zeitlichkeit leisten.

Was verbindet Sie mit dem blicke Filmfestival? Der Schwerpunkt dort über-schneidet sich ja wenig mit Ihren Forschungsbereichen.

Frankenberg: Das blicke Filmfestival habe ich bereits kennengelernt, als ich in Bochum studiert habe und dort mitarbeiten durfte. Beim Frauenfilmfestival habe ich das Glück, queere Filme isoliert ansehen zu dürfen, aber die Frage ob ein Film queer ist kann man sich in Bezug auf jeden Film stellen. Obwohl blicke nicht das Label hat, ein queeres oder feministisches Filmfestival zu sein, finde ich hier trotzdem Auseinandersetzungen mit Fragen nach Machtverhältnissen, Geschlechter-verhältnissen, Geschlechterkonstruktionen, Begehrenskonstruktionen. Darüber hinaus, laufen bei blicke ganz unterschiedliche Filme zusammen: Filme von Leuten, die gerade mal ihren ersten Film gezeigt haben genauso wie Filme von etablierten Filmemacher*innen. Das ist natürlich auch eine Form von (Film-)Politik.

Kann man also jeden Film aus einer queeren Sichtweise betrachten?

Frankenberg: »Geschlecht« und Begehren sind interessanterweise Aspekte, die viele Geschichten die in Filmen erzählt werden mit strukturieren und die auf die ein oder andere Art und Weise darin hergestellt oder reflektiert werden. Unter der Frage von Queerness kann man sich erst einmal jeden Film anschauen, nicht nur solche, die man als queere Filme bezeichnen würde. Das wäre also eine Perspektive auf die Filme, nicht eine Kategorisierung der Filme.

Ab wann kann ein Film dann mit dem Label „Queer“ versehen werden?

Frankenberg: Meiner Meinung nach kommt es immer darauf an, in welchem Kontext diskutiert wird. Die Frage nach dem queeren Film ist auch immer die Frage nach einem Film, der in normative Ordnungen intervenieren kann.
Gleichzeitig funktioniert queer aber mittlerweile auch oft – auch bei den Filmfestivals – als so etwas wie ein Oberbegriff. Man sagt also: „Wir zeigen queere Filme“ um bei-spielsweise zu sagen: „Wir zeigen Filme, die etwas mit nicht-heterosexueller Identität zu tun haben“, „Wir zeigen lesbische Filme“ oder „Wir zeigen Filme über oder von Trans*personen“. Ich glaube, dass das miteinander einhergeht. Es gibt den Oberbegriff queer, der kein Identitätsbegriff sein soll, aber doch eine Gruppe derjenigen, die sich hier zugehörig fühlen, bezeichnet und dann gibt es die andere Ebene, die queer als politischen Begriff der Intervention definiert. Man muss bei jedem einzelnen Film nachschauen, warum er dieses Label bekommt, was es hier bezeichnet.

Was für queere Filmfestivals gib es noch?

Frankenberg: Werfen Sie mal einen Blick auf die Webseite http://queerfilmfestivals.org. Da gibt es eine ganze Liste der internationalen queeren Filmfestivals und die gibt es tatsächlich in fast allen Ländern unter den jeweiligen Bedingungen. Es gibt überall auf der Welt queere Filmfestivals, die unterschiedlich ausgestaltet sind und unterschiedlichen Bedingungen unterliegen. Die Festivals die unter eher repressiven Bedingungen stattfinden, nehmen sicherlich eine andere Form an, als Filmfestivals die, beispielsweise als Teil von Diversitätspolitik, staatlich gefördert werden.

Warum ist es auch den Veranstaltern von Festivals die nicht gefördert werden trotzdem so wichtig eine Öffentlichkeit dafür zu schaffen?

Frankenberg: Da stellt sich die Frage ob es darum geht, Öffentlichkeit zu schaffen und so etwas wie einen Bildungsauftrag zu erfüllen oder darum, einen Raum für eine Community zu schaffen? So banal es klingt, Repräsentation ist wichtig. Es ist wichtig, sich selbst zu sehen und Figuren zu haben mit denen man sich identifizieren kann: Ich habe früher zum Beispiel nur wenige lesbische Figuren in Filmen gesehen, da waren die queeren Filmfestivals für mich eine wichtige Entdeckung.

Der Aufruf nach mehr Repräsentation wird oft kritisiert, mit der Begründung, dass es heute schon viel Repräsentation gebe. Wie stehen sie dazu?

Frankenberg: Ja, es gibt da unterschiedliche Politiken. Aber zum Beispiel sehen wir immer noch wenige Geschichten mit trans* Figuren und auch über inter* Personen gibt es ganz wenige Filme.
Da gibt es ein großes Bedürfnis nach mehr und originelleren, vielfältigeren Ge-schichten. Es geht außerdem darum, nicht nur in Bezug auf Figuren, sondern auch ästhetisch eine Vielzahl von Geschichten zur Verfügung zu haben und sich auch irgendwie eine Welt zu entwerfen.
Es ist wichtig eine Menge von Filmen zur Auswahl zu haben, denn dann kann man auch diskutieren und verwerfen. Dann kann man sagen: „Das hier ganz speziell interessiert mich nicht, weil es nicht so viel mit mir zu tun hat“. Das ist aber nur mög-lich, wenn es eine große Auswahl gibt.

Warum braucht man ihrer Meinung nach heute noch queere Filmfestivals?

Frankenberg: Warum braucht man Dokumentarfilmfestivals? Dokumentarfilme gibt es auch überall. Aber sie würden mich sicher nicht fragen, warum man heute noch Dokumentarfilmfestivals braucht. Warum gibt es überhaupt Filmfestivals? Weil es nochmal etwas Anderes ist, im Kino mit einer großen Gemeinschaft von Leuten Filme zu sehen, die Möglichkeit zu haben darüber zu sprechen, sich auszutauschen, das in Kontexte zueinander zu stellen. Darum braucht man auch weiterhin queere Filmfestivals. Ja, es gibt schon viele queere Filmfestivals – aber es müsste am besten noch mehr geben. Weil es dann auch viel mehr Diskussionen und Fragen gibt, was wir überhaupt unter queerem Film verstehen. Es gibt auch Festivals, die sich ausdifferenzieren, es gibt „Queer of Color“ Filmfestivals, es gibt Trans*-Filmfestivals, um Orte für Communities zu schaffen und für genauere Diskussionen.

Es ist also wichtig um den Oberbegriff „Queer“ noch weiter auszudifferenzieren und den Dialog darüber zu erhalten?

Frankenberg: Ja. Ich glaube auch, dass Film wahnsinnig viel mit Geschlechterkon-struktionen, aber auch mit Begehren und mit Machtverhältnissen zu tun hat, und das alles ist ja Teil von queerem Film. Es gibt viele Geschichten, die zum Beispiel von weißer Männlichkeit handeln und da würde ja auch niemand sagen „das reicht jetzt“.

Was passiert aber dann mit den Filmen, nachdem sie auf Festivals gezeigt wurden?

Frankenberg: Das ist ganz unterschiedlich, was für Karrieren die Filme dann machen. Die finden ihr Publikum nicht nur auf queeren Filmfestivals, sondern auch auf anderen Festivals, die andere Ausrichtungen haben. Auf die Berlinale bezogen hat das Panorama einen Schwerpunkt für LGBTIQA+ Filme und die Regel, dass die Filme dort ihre Premiere haben müssen. Danach gehen die Filme dann auf alle anderen Festivals; nicht nur auf queere Filmfestivals, sondern auf alle, zu denen sie passen. Filme werden ja auf verschiedene Arten kategorisiert und ein queerer Film ist nicht nur ein queerer Film, sondern vielleicht auch ein Animationsfilm oder ein Experimentalfilm.

Wie setzten sich Ihre Aufgaben beim Internationalen Frauenfilmfestival in Dortmund und Köln zusammen und was reizt Sie besonders daran?

Frankenberg: Ich habe für das Festival 2010 das erste Mal die queere Sektion für die Ausgabe in Köln übernommen, habe diese konzipiert und ihr den Namen begehrt! gegeben. Für diese Sektion bin ich zuständig, ich suche Leute, mit denen ich das Programm zusammenstelle, ich bin dafür verantwortlich, 8-9 Programmplätze zu füllen mit Film und Rahmenveranstaltungen. Ich bin damit für das queere Programm beim Frauenfilmfestival zuständig. Ich habe die Sektion konzipiert und gestalte sie gemeinsam mit Kolleg*innen alle zwei Jahre wieder neu aus und frage mich dabei auch jedes mal wieder, was eigentlich „queerer Film“ ist, vor allem im Kontext eines Frauenfilmfestivals.

Was macht Ihre Sektion »begehrt« so besonders?

Frankenberg: Die Sektion findet ja im Rahmen eines Frauenfilmfestivals statt. Das macht sie schon einmal besonders. Ich bin mir zum Beispiel gar nicht so sicher, was unter einer Kategorie von „Frau“ im Rahmen eines Filmfestivals eigentlich zu fassen ist. Die Diskussion über Zuschreibungen, die mit der Kategorie von „Frau“ zu tun haben, mit der wir gesellschaftlich konfrontiert sind und mit der wir in Filmen konfrontiert werden, gehört auch zu einem Frauenfilmfestival; wissen wir überhaupt, was das bedeutet und müssen wir das reproduzieren? Das glaube ich nicht, aber historisch ist das so gewachsen und geht zurück auf bestimmte Machtverhältnisse. Ich würde es mit einem Sternchen schreiben und dadurch kennzeichnen, dass das eine offenere Kategorie ist. Zum Feminismus gehörte es natürlich auch von Anfang an dazu. Irgendwann haben wir uns für die Sektion darauf geeinigt, dass wir keine Filme von Cis-Männern zeigen, sondern Filme von Leuten, die sich mit der Kategorie „Frau*“ wohlfühlen. Entweder, weil es ihnen bei Geburt zugeschrieben wurde oder, weil sie es für sich selbst herausgefunden haben, sich ihr zugehörig fühlen.

Bezogen auf Ihre Programmarbeit, für wen genau wird das Programm gemacht, beziehungsweise wer ist die Zielgruppe?

Frankenberg: Alle, die es interessiert. Alle, die Lust auf den Diskurs und auf die Auseinandersetzung haben. Alle, die es angeht. Obwohl angehen tut es ja uns alle irgendwie, weil wir alle begehren oder über Geschlecht verortet werden oder uns selber verorten.

Wie kommt man dazu beim Frauenfilmfestival mitarbeiten zu dürfen?

Frankenberg: Am besten viele Praktika machen, neugierig sein und mit Leuten sprechen. Filmfestivals sind eigentlich relativ zugänglich, wir freuen uns immer über neue Leute und neue Perspektiven. Besonders von Studierenden die frisch aus der Uni kommen, die haben auch immer interessante Perspektiven und Fragen, die sie mitbringen. Wichtig ist interessiert zu sein und mitzuarbeiten.

Was sind Ihre Wünsche und Ziele für die Zukunft des Frauenfilmfestivals und besonders ihrer queeren Sektion?

Frankenberg: Immer mehr Diskussion, Dinge neu aufgreifen und neu denken, immer wieder die Frage stellen „Was ist überhaupt queerer Film“ und immer andere und neue Leute mit einbeziehen. Das wichtigste ist, der Ort zu sein wo die Diskussionen zum Film geführt werden können und auch immer wieder neue Leute dafür zu begeistern und sich zu vernetzen. Das wünsche ich mir für die Sektion, dass sie sich nicht irgendwann einfährt und man das Gefühl hat, immer das Gleiche zu sehen oder die gleichen Diskurse zu führen. Der Diskurs um Queerness ist etwas das sich laufend verändert und ich hoffe, dass es uns gelingen wird das auch in Zukunft weiter abzubilden.