DFG-Projekt: Das verdatete Tier. Zum Animal Turn in der Medienwissenschaft

 

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Kontakt

Prof. Dr. Stefan Rieger (Projektleitung)

Ina Bolinski, M.A. (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)

Silvia Wolko (Sekretariat)

 

Institut für Medienwissenschaft
Ruhr-Universität Bochum
Universitätsstr. 150
Gebäude GA 2/140
44780 Bochum

 

Abstract

Im Status ihrer Verdatung besteht zwischen Mensch und Tier oft ein Verhältnis der Symmetrie. So betreffen die technischen Möglichkeiten zur Vermessung im Raum die Herdenbewirtschaftung ebenso wie die Ausgestaltung menschlicher Lebensräume. Für beide Bereiche ist die gesellschaftliche, politische und ökonomische Relevanz unübersehbar – und das mit all den Ambivalenzen, die damit verbunden sind. So erlaubt die Verdatung von Nutztieren die Einlösung von Standards im Verbraucherschutz, allerdings um den Preis, den Status des Tieres selbst zu verändern. Und so erlauben menschliche Wohnunterstützungssysteme (zum Teil unter Verwendung derselben Technologien), die Autonomie betreuungsbedürftiger Personen in der Wahl der eigenen Lebensführung zu erhalten, allerdings um den Preis, einen Teil dieser Selbstbestimmung an technische Systeme zu delegieren. In beiden Beispielsfeldern sind Grundfragen nicht nur gegenwärtiger und künftiger Herausforderungen für die Gesellschaft (Alterspyramide, Kostenexplosion für den Pflegebereich, Massentierhaltung und Ernährungspolitik unter den Bedingungen der Globalisierung), sondern auch der Medientheorie betroffen: Beide Felder zwingen vor dem Stand neuer Medien, die unsichtbar, pervasiv und ubiquitär sind sowie die zur ihrer Realisierung zunehmend auf Big Data-Konzepte setzen, die Positionen von Mensch und Tier zur technischen Umwelt neu zu fassen. In einer Beschäftigung mit diesen Feldern liegt zugleich eine Chance für das Fach, seine mitunter doch sehr prekär gewordene Position in der öffentlichen Meinungsbildung wieder stärker zu profilieren.

Das Tier interessiert dabei nicht als kulturwissenschaftlich beschreibbares Motiv oder als lebensweltlich verorteter Erfahrungsraum für Alterität, sondern als symmetrischer Bestandteil gegenüber anderen Agenten und veränderten Umwelten. Dieser Status wird aktuell in einem wirkmächtigen Forschungsfeld diskutiert, das sich unter Titeln wie „Animal Studies“, „Human-Animal-Studies“ oder „Cultural and Literary Animal Studies“ international etabliert und zunehmend auch institutionalisiert. Ziel des Projektes ist es, die Voraussetzungen und Möglichkeiten sowie die Chancen und Grenzen eines sich dabei abzeichnenden „Animal Turn“ in der Medienwissenschaft in den Blick zu nehmen. Auf diese Weise will es sich Klarheit darüber verschaffen, ob die Beschäftigung mit dem Tier lediglich ein einschlägiges Forschungsthema abgibt, wie dies z.B. der Körper in den 90er Jahren war; oder ob ausgehend von der Beschäftigung mit dem Tier, seiner Situierung in veränderten Umwelten und der daran geknüpften Verdatung her ein neues und integratives Forschungsparadigma Gestalt gewinnt, das sich auf den Humanbereich übertragen und damit für die Medienwissenschaft insgesamt fruchtbar machen lässt. Das Projekt setzt diese auch forschungspolitisch relevante Frage nicht als entschieden voraus, sondern will einen in der Zukunft noch ausbaubaren Beitrag zu ihrer Klärung leisten.

 


 

In respect to how their data is processed, humans and animals are related. Technological possibilities of measuring space concern livestock farming as well as the design of human living environments. Concerning both areas, relevance is undeniable, be it in social, political, or economical regard – and with all ambivalences related to that. Processing of data relating to livestock breeding allows to meet consumer protection standards, however at the cost of altering the status of animals themselves. Home automation systems (often times using the same technology) allow to preserve the autonomy of people requiring care, however at the cost of delegating some of this autonomy to technology. In both areas, fundamental questions are posed, concerning current and future challenges to society (population pyramid, rising costs for health care, factory farming, and food politics under conditions of globalization) as well as to media theory: Relations of humans and animals to their technological environment are newly conceived in the face of new media that are invisible, pervasive, ubiquitous, and focused on big data. In studying this field lies a chance for media studies to strengthen its role in the formation of public opinion, a role that has become weaker as of lately.

Thus in this project animals are intriguing not as a motif describable by cultural studies or as a phenomenologically located realm of experience for otherness, but as a symmetrical component opposite to other agents and altered environments. This particular status is currently discussed in an influential field of study, which presently establishes and institutionalizes itself internationally using names like “animal studies”, “human-animal studies”, or “cultural and literary animal studies”. The goal of the project is to take into account premises and possibilities as well as opportunities and limits of an emerging “animal turn” in media studies. In doing so, it wants to investigate if animals are just a relevant research topic comparable to the “body” in the 1990s, or if a new and integrative research paradigm is emerging: a paradigm that analyzes animals, their localization in altered environments, and the processing of their data linked to that. That paradigm would be transferable to the realm of humans and would be, thus, productive for media studies as a whole. The project proposed here does not treat this question that is relevant to science policy as decided, but rather opts to contribute to its clarification.

 

Radiobeiträge

  • Beim Workshop “Berechnete Tiere. Technik und Verdauung in den Human-Animal Studies” (22.-23. April 2016) hielt Thomas Schmickel einen Vortrag zum Thema “Biohybrid systems – Tiere, Pflanzen, Roboter, Agenten und Algorithmen”, der in der Sendung “Hörsaal” bei Radio Wissen am 15. April 2017 zu hören ist: Schwarmintelligenz. Was sich Roboter und Ameisen zu sagen haben. Die Vorträge von Hermann Auernhammer zu “Pression Farming zwischen Realität und systemtechnischen Möglichkeiten” und von Ina Bolinski zu “Berechnung und Berechenbarkeit: Nutztiere in smarten Umgebungen” sind ebenfalls online zu hören.
  • In der Sendung “Breitband” auf Deutschlandradio Kultur spricht Stefan Rieger am 25. März 2017 zum Thema “Vier Pfoten und ein Server. Vom Meme zum Nutzer: Das Tier im Netz ist mehr als nur Cat Content”.
  • Der Vortrag mit dem Titel “Überlegungen zur Disziplin der Tier-Maschine-Interaktion”, den Oliver Bendel anläßlich des Workshops “Berechnete Tiere. Technik und Verdatung in den Human-Animal Studies” am 22. April 2016 an der Ruhr-Universität-Bochum gehalten hat, ist am 18. Juni 2016 bei DRadio Wissen in der Sendung “Hörsaal” zu hören: Wenn Menschen, Tiere und Maschinen interagieren.

 

Veranstaltungen

 

 

 

 


 

 

 

 

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Der Workshop möchte mit den berechneten Tieren einerseits solchen Wesen nachspüren, die ihre Existenz technischen Verfahren verdanken und ihren Ursprung im Computer haben. Andererseits sollen auch Tiere, die aufgrund von verschiedenen Techniken zu „verdateten Tieren“ oder durch technische Apparaturen selbst zum Datengenerator werden, im Fokus stehen. Mit der Fügung der berechneten Tiere werden somit zwei aktuell entfernte Topoi bemüht: Das Tier, das als Verkörperung natürlicher Intuition und vom Instinkt geleitet gilt, gerät im Modus des Berechnens an Konzepte von Rationalität und an die Möglichkeit der Verkörperung in und durch technische Prozesse. Zu fragen ist daher, in welchem Verhältnis Tier und Technik zueinander stehen. Und zu fragen ist ferner, wie sie im Zuge der Verdatung einen neuen veränderten Status erlangen, indem die Auflösung der vormals scharfen Grenzen in Bezug auf Natur und Kultur neue Formen des Miteinanders und des Wissens, also von Sozialität und Epistemologie hervorbringen.

Im interdisziplinären Austausch sollen diese Tiere innerhalb unterschiedlicher Projekte in den Blick geraten. Diskutiert werden sie etwa bei ihrer Einbeziehung in Planungsprozesse, innerhalb von veränderten Bedingungen der Tierhaltung und bei der technikgestützten Rückverfolgbarkeit von Tieren in globalen Kontexten. Eine entsprechende fachübergreifende Diskussion findet unter Berücksichtigung aktueller Diskurse innerhalb der Human-Animal-Studies statt.

 

 

 

Das Projekt wird gefördert durch die DFG.

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