Close Viewings. Filmkritik heute

Filmkritik muss sich vielfältigen Neuerungen stellen. So wie der Film seit einigen Jahren auf verschiedenen Ebenen radikale Veränderungen erlebt, so hat auch die Filmkritik auf eine veränderte Rezeption, auf neue Technik und auf eine neue Filmökonomie zu reagieren.
Film wird nicht mehr nur im Kinosaal projiziert: Film läuft im Fernsehen, er findet in der Galerie und dem Museum statt, läuft auf dem Laptop oder dem smart phone.
Der Zeitraum in dem eine Filmkritik zum Kinobesuch inspirieren kann ist kurz geworden. Viele Filme laufen nur noch für eine sehr begrenzte Spanne im Kino. Ein Teil der Filme wird aktuell direkt für den Heimmarkt produziert. Wird die Spannung zu groß, ist man nicht mehr an die Vorgaben der Verleiher und das Kinoprogramm gebunden, oft kann man sich Filme schon vor dem Kinostart aus dem worldwideweb besorgen.
Die Zeitung als angestammter Ort der Filmkritik hat an Wichtigkeit verloren – besonders für junge FilmliebhaberInnen. Feste Anschlagzahlen spielen keine Rolle mehr. Die meisten Filmkritiken werden auf social media Plattformen oder in blogs gelesen und von usern selbst geschrieben. Hier geht es dann weniger um gesellschaftliche oder filmästhetische Einordnung als um das Beschreiben subjektiven Erlebens.

Die Veranstaltung close viewings. filmkritik heute fragt nach neuen Aufgaben und Formen der Filmkritik. Wie kann Filmkritik dazu beitragen, dass sich die spezifische Wahrnehmungsform des Kinos weiterhin behaupten kann? Wie kann kritische Öffentlichkeit, für die das Kino eine Zeit lang stand, durch Filmkritik befördert werden? Wie kann das riesige künstlerische Erbe des Films durch die Filmkritik zugänglich gehalten werden? Und unter welchen Bedingungen kann man heute seinen Lebensunterhalt als KritikerIn verdienen?

 

 Anhaltspunkte

Die ersten Sitzungen der Veranstaltung waren der Geschichte der Filmkritik gewidmet. Wir lasen frühe Filmkritiken, die die ersten Schritte des jungen Mediums begleiteten, wir lasen die großen Texte der 60er – 70er Jahre -der Blütezeit der Filmkritik- und wir sichteten ganz Aktuelles. Wir sichteten Zeitschriften die eigene Wege gefunden haben, wie die Cahiers du Cinema, Positif, Filmkritik, Filme, Revolver und viele andere, wir lernten Kritikerpersönlichkeiten kennen und diskutierten verschiedene Position, Formen und Aufgaben der Filmkritik. Wir sammelten generelle Strukturelemente von Filmkritik die man wie eine Liste für die eigene Filmkritik abarbeiten oder von denen man sich bewusst verabschieden konnte.

 

Das gemeinsame Filmerlebnis

Das Seminar fand im endstation kino, einem preisgekröntes Programmkino im Kulturzentrum Bahnhof Langendreer statt. Wir richteten uns nach dem laufenden Kinoprogramm, jede Woche gingen wir gemeinsam ins Kino, oft ohne vorher genau zu wissen, was wir sehen werden.

Alleine der Akt die Wohnung oder die Universität zu verlassen, Teil der Stadt zu werden, und zusammen im Foyer auf das Öffnen der Saaltüre zu warten, entfaltete eine unerwartete Kraft. Gemeinsam im Kinodunkel zu sitzen, zu sehen, zu hören und zu fühlen war ein besonderes Erlebnis. Wir waren Teil sehr unterschiedlicher Zuschauergruppen und nahmen sehr unterschiedliche Stimmungen wahr. Zwei verschiedene Festivals fielen in die Zeit des Seminars: Blicke. Filmfestival des Ruhrgebiets und das Festival des deutschen Psychotronischen Films. Wir danken beiden für die außergewöhnlichen Filmerlebnisse und für die Gastfreundschaft.

 

 

Vom Sehen zum Sprechen

Im Anschluss an das Filmerlebnis fand jede Woche ein intensives Gespräch im Café des Kinos statt. Frisch und noch unter dem Eindruck des Erlebten konnten wir uns sortieren und verständigen, was wir gesehen hatten; was besonders interessant und was erwähnenswert war und welche Perspektive fruchtbar sein könnte. Es wurde sehr kontrovers diskutiert.

»Mit dem Besprochenem im Hinterkopf begaben wir Studenten uns schließlich an unsere Schreibtische und schrieben innerhalb einer Woche eine Filmkritik«
(Gwendolin Kirov)

Vom Sprechen zum Schreiben

»Der Schreibprozess solch einer Filmkritik war eine nicht ganz so leichte Sache. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich meine Einleitungssätze, meine Inhaltsangaben und weitere Aspekte meiner Filmkritiken umschrieb, bis ich das Gefühl hatte, dass sie in sich stimmig für mich wirkten. Dies hatte ich mir anfangs leichter vorgestellt. Jede Menge Notizen, die ich bei der Rezeption eines jeden Films machte, sollten mir bei der Erinnerung helfen, aber am Ende nutzten sie mir nur geringfügig. Spätestens bei der dritten Filmkritik schaute ich bloß den Film und lenkte mich nicht mehr mit dem Notieren ab. Meistens sah es eh wie folgt beim Arbeiten an einer Filmkritik aus: entweder ist eine Idee zur Filmkritik so präsent, so dass man sie nur noch niederschreiben muss, oder man hat keine Idee – und muss während des Schreibens auf eine kommen…« (G. K.)

Vom Schreiben zum Sprechen. Die Kritik der Kritik

Jede Woche traf sich eine »Expertengruppe« die alle Filmkritiken las und diskutierte und eine oder mehrere Filmkritiken der Gruppe vorstellen sollte.

»Wie viele Filmkritiken wollten wir nennen? Können wir uns auf eine Filmkritik einigen oder nehmen wir mehrere gute Kritiken? Wie wollten wir unsere Kritik formulieren? Es wurde leichter zu kritisieren, es wurde leichter Kritik anzunehmen. Im Endeffekt konnte Kritik auch namentlich ausgesprochen werden. Die Atmosphäre wirkte routiniert – eine optimale Arbeitsatmosphäre. Kritik üben will gelernt sein und Kritik annehmen ebenso« (G. K.)

Zu lange Inhaltsangaben, zu viele verschiedene Aspekte die den Text ausfransen und das Interesse hinter sich lassen. Kein guter Anfang, ein schwacher Schluss. Knapper, und griffiger erzählen, prägnanter formulieren. Wo ist die tragende Idee? Wo bleibt die Einordnung in die Reihe anderer Produktionen? Wie schließt man an gesellschaftliche Diskussionen und Auseinandersetzungen an? Wie lässt sich verhindern, dass man vieles vergisst und anderes hinzudichtet?

»Dennoch fanden wir alle, dass unsere ersten Filmkritiken schon recht gut waren« (G. K.)

Die Arbeit mit dem Profi

Einen langen Abend arbeitete der Kölner Filmpublizist Oliver Baumgarten mit uns. Baumgarten ist erfahren als Mitbegründer und Chefredakteur des Filmmagazins Schnitt, er schreibt in vielfältigen Organen und Kontexten zu Film und Medien. Er leitet im Rahmen von Berlinale Talents das internationale Filmkritiker-Nachwuchsprojekt »Talent Press«.
Seit 2014 ist er Programmleiter des Filmfestivals Max Ophüls Preis, das bedeutendste Festival für den deutschsprachigen Nachwuchsfilm.
Als Profi mit einem riesigen Erfahrungsschatz konnte Oliver uns viel beibringen. Er hatte sich die Zeit genommen die aktuellen Kritiken aller Studierenden zu lesen. Seine Kritik war präzise, kenntnisreich und konstruktiv. Er gab Tips, verwies auf unterschiedliche Strategien des Schreibens und auf Unterschiede in verschiedenen Medien. Nach dem konzentrierten Arbeitsteil gab es unendlich viele Fragen: Er erzählte über Einstiegsmöglichkeiten und über die schönen und die harten Seiten seines Berufs. Er machte Mut und machte Vorschläge.

Oliver, vielen Dank für einen wunderbaren Abend.

 

Zum Schluss

»Als Fazit des Seminars würde ich behaupten, dass ich viel für die zukünftige Arbeit als Medienwissenschaftlerin lernen konnte. Dies muss nicht unbedingt die Arbeit als Filmkritikerin sein. Besonders der zeitliche Druck, innerhalb einer halben Woche eine Filmkritik zu verfassen und den „Expertengruppen“ bereitzustellen war eine sehr gute Praxiserfahrung. Ich war überrascht, dass das Schreiben einer Filmkritik ganz andere Ressourcen meines Schreibens abverlangte als gedacht. Es ist ein Unterschied, eine rein wissenschaftliche Arbeit, einen belletristischen Text oder eben eine Filmkritik, die unterhaltsam und zugleich fachorientiert sein soll zu schreiben. Ich glaube, ich kann im Namen aller Seminarteilnehmer sagen, dass die Veranstaltung eine besondere Entfaltung des eigenen Könnens gefördert hat, und dass ein jeder sich ein gutes Bild vom Berufsbild eines Filmkritikers machen konnte.« (G. K.)

Hilde Hoffman und Gwendolin Kirov

Vielen Dank an alle Studierende von close viewings. filmkritik heute. Im Besonderen an Gwendolin Kirov für die wunderbaren Skizzen und den Erfahrungsbericht und Jan Galka für die grafische und inhaltliche Vorstellung der Filme. Ein ganz besonderer Dank geht an Oliver Baumgarten und unseren Gastgeber endstation kino

Kritiken: Der blaue Engel

Der Blaue Engel (Deutschland, 1930, Regie: Josef von Sternberg)

Das Leben eines Lehrers gerät aus seinen geordneten Bahnen, als er sich in eine Varieté-Künstlerin verliebt.

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Kritiken: Blicke

Blicke. filmfestival des ruhrgebiets (22. – 25.11.2012) endstation.kino

Das blicke Festival  bietet seit 1993 eine Plattform für Filmemacher und Filme, die ihren Schwerpunkt auf das Ruhrgebiet legen.

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Kritiken: Breathing Earth

Breathing Earth – Susumu Shingus Traum (D/GB, 2011, Regie: Thomas Riedelsheimer)

Der für seine Wind- und Wasserspiele bekannte Künstler Susumu Shingu plant mit seinem Projekt Breathing Earth einen Ort der Ruhe und Inspiration.

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Kritiken: Dicke Mädchen

Dicke Mädchen (Deutschland, 2011, Regie: Axel Ranisch)

Sven teilt sich mit seiner dementen Mutter Edeltraud eine kleine Wohnung in Berlin. Als Edeltraud stirbt wird alles anders.

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Kritiken: Liebe

Liebe (Frankreich/Deutschland/Österreich, 2012, Regie: Michael Haneke)

Die Liebe von Anne und Georges wird auf die Probe gestellt, als Anne durch einen Schlaganfall pflegebedürftig wird:

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Kritiken: Lore

Lore (Deutschland/Australien, 2012, Regie: Cate Shortland)

Gegen Ende des zweiten Weltkriegs flüchten Lores Eltern vor den Alliierten und lassen sie mit ihren jüngeren Geschwistern alleine zurück. Die Kinder treten eine Reise quer durch das befreite, vom Krieg zerstörte Deutschland an.

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Kritiken: Sag, dass du mich liebst

Sag, dass du mich liebst (Frankreich, 2012, Regie: Pierre Pinaud)

Die bekannte Radiomoderatorin Claire leistet in ihrer Sendung seelischen Beistand für ihre Zuhörer. Um ihr eigenes Leben in Ordnung zu bringen begibt sie sich auf die Suche nach ihrer Mutter.

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Kritiken: Das Venedig Prinzip

Das Venedig Prinzip (Italien/Österreich/Deutschland, 2012, Regie: Andreas Pichler)

Die Dokumentation illustriert den Kontrast zwischen den nicht abreißenden Touristenströmen, die jeden Tag nach Venedig fließen, und der schwindenden Zahl der uransässigen Einwohner.

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